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Mitten in Ebersberg:Von Wahllutschern und Blähungen

Marzipanschweinchen, Kaubonbons oder Holzkugelschreiber - manche der Ebersberger Bürgermeisterkandidaten sind bei ihren Wahlgeschenken durchaus einfallsreich. Aber nicht alle

Das mit dem Schenken ist so eine Sache. Manche Denker gründen gar ihre gesamte ethische Grundhaltung auf der Frage: Was macht ein echtes Geschenk eigentlich aus? So folgert etwa der französische Philosoph Jacques Derrida: Eine Gabe ohne Erwartung einer Gegengabe ist praktisch nicht denkbar. Gleichzeitig schließt das Konzept "Gabe" eben diese Erwartungshaltung eigentlich aus.

Mit diesem kurzen Exkurs in den Dekonstruktivismus im Hinterkopf wollen wir uns an dieser Stelle den Geschenkchen und Gaben widmen, welche die bayerischen Landesbürger im Allgemeinen und die Ebersberger Städter im Besonderen derzeit erhalten, sei es im örtlichen Rewe, an der Haustür oder im Briefkasten. Sogenannte Gimmicks haben derzeit Hochkonjunktur, kleine Präsente, die zu den Flyern und Wahlwerbungs-Prospekten dazu gesteckt werden und, hoffentlich analog zu den Programmen der einzelnen Kandidaten, ein Alleinstellungsmerkmal darstellen wollen.

Mit Mentos, Orangengeschmack, wirbt etwa Josef Peis von der Wählervereinigung Pro Ebersberg. Der Slogan dieser Süßigkeit ist "Stay Fresh!" Auch wenn die Marke Tradition hat - ihre Geschichte reicht bis ins Jahr 1932 -, erhebt sie den Anspruch auf Frische und neuen Wind. Nun kann man das Kaubonbon so sehen: Es kann sich nicht recht entscheiden, was für eine Art von Süßigkeit es sein will. Oder man wertet es so: Ein Kaubonbon kann man nicht nur kauen, sondern auch lutschen.

Toni Ried von den Freien Wählern verteilt Marzipan-Schweine an das Volk. Die Herkunft des Namens der süßen Pampe aus gemahlenen Mandeln, Zucker und Aromastoffen ist höchst umstritten. Kommt es von Marci panis, also Markusbrot, könnte es künftig also auch als Toni panis beworben werden. Auch die persische Variante marzbān wird übrigens oft diskutiert, sie bedeutet "Markgraf". Fest steht, dass Marzipan eine Zeitlang auch als Arzneimittel gegen Blähungen verkauft wurde.

Sich die Zähne ausbeißen kann man sich am Gimmick von Uli Proske von der SPD: An seinem Flyer haftet ein Holzkugelschreiber. Ökologisch und praktisch gedacht, könnte man denken; doch schreibt der Kuli blau statt, wie eigentlich zu erwarten, rot. Zudem ist ein grinsendes Schweinchen über dem Werbespruch "Die beste Wahl!" zu sehen; seines Zeichens Paarhufer und Allesfresser.

An die britische Schriftstellerin Daphne du Maurier hält sich der CSU-Kandidat Alexander Gressierer: Schon teils zum zweiten Mal in den vergangenen Monaten besucht er die Ebersberger an der Haustür und präsentiert ihnen außer seinem Flyer noch: Alexander Gressierer. Oder, wie du Maurier es formuliert: "Ein freundliches Wort kostet nichts, und ist doch das schönste aller Geschenke."

Und so können sich die Ebersberger über jede Menge Süßes und Praktisches in ihren Briefkästen freuen, denn, wohlgemerkt: Eine Gabe bedarf keines Gegengeschenks.

© SZ vom 21.01.2020
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