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Mitten in Ebersberg:Vom Schippen vor fremden Haustüren

Wenn die Nachbarn einem die Einfahrt freischaufeln, kann einen das schon mal unter Zugzwang setzen

Glosse von Franziska Langhammer

Die Jalousien sind gerade hochgezogen, der glitzernde Neuschnee mit den Kindern bestaunt, da sieht und hört man schon die ersten Emsigen kratzen. Schipp, schipp, schipp wird dem neuen weißen Straßenbelag der Garaus gemacht. Später beim Frühstück sieht man plötzlich den Nachbarn von ein paar Häusern weiter vorn, wie er gemeinsam mit anderen Anwohnern vor der Garage schippt und schaufelt. Leichte Nervosität breitet sich aus. Am liebsten würde man hinausrufen: "Wir kommen auch gleich und helfen mit!"

Die Kinder haben, warum auch immer, auf nichts mehr Lust als mit ihren Schneeschaufeln mitzuhelfen. Das Frühstücken zieht sich, und der Andrang an schneeschippenden Nachbarn wird größer. Schließlich trifft man sich, bemützt und in Schals gewickelt, und schaufelt in stiller Einmütigkeit nebeneinander her. Die Kinder toben herum und freuen sich, endlich mal wieder ein bisschen Action und so etwas wie Gemeinschaftsgefühl.

Beim Mittagessen ist schon wieder ein Schipp-schipp-schipp zu hören. Ein Anwohner schaufelt, unter anderem vor der Haustür. Die Nervosität meldet sich zurück. Bedeutet das gleichzeitig, dass man nun auch immer die ganze Straße frei schippen muss, weil alle anderen das auch tun? Endlose Verpflichtungsschleifen laufen vor dem inneren Auge ab.

Darauf angesprochen, dass es zwar wirklich nett, aber nicht notwendig ist, wenn vor der eigenen Tür gleich mitgeschippt wird, erklärt ein Nachbar sich: Er habe nur geschippt, weil seine Enkel schippen wollten. Und der Gehweg vor dem Grundstück sei der einzige gewesen, auf dem noch Schnee gelegen habe.

© SZ vom 09.01.2021
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