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Mitten in Ebersberg:So klappt das mit dem Lernen

Die Gestaltung eines digitalen Unterrichtstages will gut durchdacht sein. Hier gibt es eine Anleitung dazu

Glosse von Nathalie Stenger

Weil es so viel Spaß macht und so gut funktioniert, und die Welt sich in vielen Jahren bestimmt gerne an die jetzige Zeit zurückerinnern möchte, hier die Anleitung für einen perfekten digitalen Unterrichtstag (mit freundlicher Genehmigung der betroffenen Verwandten der Autorin):

Für den optimalen Start in den Tag stellst du den Wecker nicht wie sonst auf 6.15 Uhr, sondern auf zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn. Damit du möglichst viel von deinem Bett hast, das du, weil du schließlich immer so beschäftigt bist, kaum mehr zu Gesicht bekommst. Mit dem Wecker kurz vor knapp läufst du natürlich nie Gefahr, zu spät aufzuwachen. Aber selbst wenn, manche Lehrkräfte interessiert es ohnehin nicht - wird der Unterricht doch sowieso immer mit denselben paar Leuten gestaltet. Schreibst du also ein simples "Hallo" in den Chat zu Beginn einer Stunde, ist deine Arbeit getan.

Nun kannst du beispielsweise dein Zimmer aufräumen, etwas backen oder auch deine Haare waschen. Aber Achtung! Denk daran, dein Mikrofon auszumachen (deine Kamera ist ohnehin immer zugeklebt). Schau auch noch ein viertes Mal nach, obwohl du, so erzählst du es später, den Ton bereits dreimal überprüft hast. Nicht, dass du "Hopelessly Devoted to You" von Olivia Newton John auf deiner Box abspielst, für alle hörbar, während du in der Dusche stehst. In diesem Fall wird sich dein Lehrer sehr über den kontinuierlich hohen Geräuschpegel aufregen und wundern, wer um Himmels willen das Mikro noch an hat, und deine Freunde werden dir Nachrichten schreiben, in denen sie dich auf deinen Musikgeschmack hinweisen und ihn grundsätzlich in Frage stellen. Du selbst bist einfach nur froh, dass du an diesem Tag nicht wie sonst immer laut mitgesungen hast.

Deine Familie, ebenfalls am Arbeiten und Lernen vor dem Bildschirm, will dir als Schülerin in der Oberstufe währenddessen eine möglichst gute Lernatmosphäre bieten. Wenn du also tatsächlich mal an einer synchronen Stunde teilnimmst, wird dein kleiner Bruder von allen Seiten zurechtgewiesen, wenn er im Flur vor deinem Zimmer zu laut nach den Lösungen seiner Arbeitsaufträge fragt. Seinen fassungslosen Ausruf "Sind wir jetzt eine Bücherei oder was?", wirst du gar nicht hören, wo du doch so viel Mathe machst. Wie du im Laufe des Nachmittags übrigens noch erfahren wirst, waren einige deiner Freunde in der Zeit, in der du unter der Dusche gestanden bist, kurz einkaufen.

© SZ vom 02.02.2021
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