Süddeutsche Zeitung

Mitten in Ebersberg:Mitgelauscht

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Hobbys, FC Bayern, Lippenstift-Schuh-Kombis, Star Wars und schlimme Wörter - was Kinder auf dem Weg zur Schule so alles besprechen.

Glosse von Franziska Langhammer, Ebersberg

Diskretion, das ist das Gebot der Stunde bei diversen Berufen. Wie oft bekommt zum Beispiel eine Taxifahrerin einen Beziehungsstreit auf der Rückbank mit? Oder der Kellner Arbeitsgeheimnisse, wenn er bei streng vertraulichen Besprechungen den Wein serviert? Den schönsten Gesprächen kann man jedoch lauschen, wenn man morgens an der Ampel steht. Mit der Kelle in der Hand und als Schulweghelfer getarnt ist das besonders unauffällig. Dort kann man nämlich erfahren, was Kinder wirklich bewegt.

Ein Junge, er ist etwa acht Jahre alt, den hört man jeden Morgen schon von Weitem. Er hat nur ein Thema, sommers wie winters: den FC Bayern München. Mal erzählt er von der Meisterschale, mal vom Trikot, das er sich gewünscht hat. Ein anderer, schon etwas älterer Schüler sagt zu seinem Freund: "Heute freu ich mich schon. Meine Mama hat mir versprochen, dass sie mit mir Star Wars anschaut, Die dunkle Bedrohung."

Eine etwa 16-Jährige hat null Bock, ihre kleine Schwester zur Schule zu bringen. Die wiederum hat null Bock, von ihr gebracht zu werden. "Jetzt komm mit, oder ich sag's der Mama!", droht die Große. Eine Zweitklässlerin hat Tränen in den Augen. Sie hat gerade erfahren, dass sie zu einem Stadtfest nicht da sein kann, weil ihre Familie in der Zeit einen Urlaub plant. Ihre Freundin versucht sie zu trösten: "Ich bring dir auch was mit von dem Fest!"

Eine Jugendliche fragt ihre Freundin, ob ihr Lippenstift zu den Schuhen passt. Ein Erstklässler brüllt mit seinem Kuschel-Drachen einem Mädchen "Woooooah!" ins Ohr. Ein anderes Mädchen steht mit geschürzter Unterlippe vor seiner Mama und schimpft vor sich hin: "Ich bin stinksauer." Wie der kleine Bruder erklärt, muss das Mädchen heute zu Fuß zur Schule gehen - und darf nicht wie sonst mit seinem Roller fahren.

Ein Junge erzählt, dass er keine Lust auf den Gitarrenunterricht am Nachmittag hat. Sein Freund hält mitleidslos dagegen, dass er heute zocken darf. Und die zwei Mädels, die immer besonders spät dran sind, kichern, weil ein Knirps das böse "A"-Wort zu einem anderen gesagt hat.

Ach ja, es gäbe so viel zu erzählen nach einem Morgen an der Ampel. Doch wie heißt es doch so schön: Diskretion ist die Kunst, Geheimnisse so auszuplaudern, dass das Siegel der Verschwiegenheit nicht verletzt wird.

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