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Mitten in Ebersberg:Rapunzel und die Marmelade

Nach monatelangen Schließungen einen Friseurtermin zu ergattern, ist gar nicht so leicht. Der Zweijährige íst eh gegen das Haareschneiden - und nennt einen stichhaltigen Grund

Glosse von Franziska Langhammer

Rapunzel hätte das Zeug zur Ikone in diesen Zeiten. Das Märchenmädchen saß isoliert von der Außenwelt in seinem Türmchen, in das lange Zeit nur eine einzige Hexe aus einem anderen Haushalt Zutritt hatte. Der Abstand zum Rest der Gesellschaft war also rein geografisch schon gegeben. Gut, irgendwann erkletterte statt der Hexe ein Prinz den Zopf des Mädchens und verschaffte sich - ohne Reservierung oder Voranmeldung! - Zutritt zu dessen Gemächern. Aber bis dahin lebte Rapunzel coronavorbildhaft. Und Rapunzel hatte einen entscheidenden Vorteil: Es brauchte keinen Friseur. Nein, seine Haare wuchsen und wuchsen, je länger, desto besser.

Nachdem die Friseure ja bekanntermaßen lange Monate geschlossen hatten, ist es derzeit nicht so einfach, einen Termin zum Haareschneiden zu ergattern. Und deshalb tummeln sich auch momentan in vielen Haushalten etliche Rapunzeln, weiblich wie männlich. Einer davon ist zwei Jahre alt und möchte seine Haare, wie so viele Kinder in seinem Alter, am liebsten ignorieren. Waschen mit Shampoo? Ein einziger Kampf. Föhnen? Undenkbar. Kämmen? Kreisch.

Nun gibt es verschiedene Arten, mit denen Eltern dieses Problem lösen. Manche setzen das Kind mittels Zeichentrickfilm unter Hypnose und schnibbeln dann über das Haupt des Kleinen, was das Zeug hält. Andere sollen auch schon im Schlaf an dem Haarschopf ihres Kindes herumgeschnitten haben. Wieder andere lassen den Haaren freien Lauf, soll doch das Kind entscheiden, wie es herumlaufen will. Letzteres schiene die praktikabelste Methode, wenn da nicht Marmelade und weitere pappige Lebensmittel wären, die wie die Motten vom Licht besonders von feinem Kinderhaar angezogen werden, um dort kleben zu bleiben.

Und so nähert man sich mit viel Vorsicht und Geduld, bewaffnet mit einer Haarschneideschere, dem mittlerweile in alle Richtungen abstehenden Schopf des Zweijährigen und redet mit Engelszungen auf ihn ein. Im letzten Moment dreht er sich unwillig zur Seite und ruft: "Will nicht Haare schneiden!" Und setzt hinzu: "Weil Corona."

Tja, was soll man da noch sagen. So viele Male hieß es in den vergangenen zwölf Monaten: Geht nicht wegen Corona. Schwimmbad? Geht nicht. Kindergeburtstag? Geht nicht. Pizza essen gehen? Geht nicht, geht nicht, geht nicht. Und so muss das Argument "Wegen Corona" ohne Widerspruch bleiben, auch wenn es um die Haarspitzen geht. Hat man halt weiterhin eine kleine Rapunzel zuhause herumlaufen. Mit Marmeladenestern zwar, aber zumindest glücklich.

© SZ vom 05.03.2021
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