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Mitten in Ebersberg:Positive Vibes unter der Maske

In Corona-Zeiten etwas Fröhlichkeit zu verbreiten ist gar nicht so leicht. Im Einkaufszentrum stellt sich jedenfalls schon nach kurzer Zeit heraus: Das juckt keine Sau

Paradoxie kann verwirrend sein. Nicht nur auf dem Gebiet der Medizin, in welchem sich die paradoxe Atmung, auch Froschbauchatmung genannt, darin zeigt, dass sich der Bauch beim Einatmen nach innen und beim Ausatmen nach außen bewegt. Probieren Sie es gern mal aus - klingt paradox und fühlt sich auch so an. Auch in der Wirtschaftspsychologie gibt es das "paradoxe Führen": Chefs führen paradox, wenn sie widersprüchlichen Ansprüchen in ihrer Arbeit gerecht werden. Zum Beispiel, indem sie alle Mitarbeiter gleich behandeln, aber doch jeden individuell. Oder indem sie ausreichend Abstand halten, jedoch trotzdem Nähe aufbauen.

Apropos Abstand. Der ist ja derzeit auf vielen Ebenen geboten, so auch im mehrstöckigen Einkaufszentrum (EinZ) in Ebersberg. Dort hängt seit Beginn der Corona-Schutzmaßnahmen ein Plakat, auf dem das Centermanagement über die Regeln und den Einsatz des Reinigungsteams aufklärt. "Mit Abstand", steht da etwa, aber auch: "Anstand: Bitte bleiben Sie gelassen." Und natürlich gilt auch hier: Nasen-Mund-Schutz tragen. So weit, alles klar.

Nun ist einer der Punkte als "Schützenhilfe" tituliert. "Plexiglasscheiben ... schützen Sie", ist als Erklärung hinzugefügt. Nun murmelt man noch unschlüssig vor sich hin, schiebt das Wort unter seiner Schutzmaske hin und her: "Schützenhilfe, müsste das nicht anders heißen...?", da springt einen der letzte Punkt des Plakats an - ein Zwinkersmiley. "Bleiben Sie positiv und schenken Sie uns ein Lächeln", steht darunter geschrieben. Der Smiley grinst dazu und macht Klimperklimper. Finde den Fehler - irgendwas stimmt doch hier nicht. Natürlich, der Mundschutz fehlt dem lächelnden Icon! Daher fällt es ihm so leicht, zu lächeln. Trotzdem ist es einen Versuch wert, unter dem Mundschutz lächelnd einmal durchs EinZ zu spazieren, ein paar positive Vibes zu verbreiten.

Ein paar Minuten später ist klar: Das juckt keine Sau. Die meisten anderen sind damit beschäftigt, sich aus dem Weg zu gehen und zügig die Ladenmeile zu verlassen. Eine ältere Frau schaut argwöhnisch, soweit man das beurteilen kann. Die Mundwinkel sausen nach unten. Vielleicht ist im Begriff der Paradoxie auch enthalten, dass Höflichkeit in Zeiten von Corona eine andere ist: Sich gegenseitig in Ruhe zu lassen, und auch mal zu verstehen, wenn bei anderen die Nerven blank liegen.

© SZ vom 16.05.2020

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