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Mitten in Ebersberg:Mission Kinderzimmer

Aufräumen kann so schön sein - wenn man jemanden hat, der es erledigt

Kolumne von Nathalie Stenger

Das "Tschüss!" ertönt, die Tür fällt ins Schloss, die Familie springt auf. Wie auf Kohlen saß sie den ganzen Tag schon, nun ist der Betroffene endlich aus dem Haus. Perfekt. So kann er nicht stören, bei dem, was nun ansteht, seit geraumer Zeit wird das schwierige Projekt schon auf der To-Do Liste hin und hergeschoben. Bis sich nun endlich die optimale Gelegenheit bietet: Das Kind ist zum Spielen bei den Nachbarn.

Als man sich dem Ort der Mission nähert - erster Stock, West - steigt der Puls merklich. Nur eine Wand trennt den Haushalt noch von der schier unüberwindbaren Aufgabe, die nun vor ihm liegt: Die Generalüberholung des Kinderzimmers. Das Betreten fällt schwer, klitzekleine Legosteine bohren sich zur Begrüßung durch die Socken und der Kopf schallert direkt an die kunterbunte Hängelampe.

Um hier kurz etwas vorab klarzustellen: Es ist nicht so, dass man das Kind in ein verwahrlostes Eckzimmer gesteckt hätte und es dort walten und herrschen hat lassen. Nein, der himmelblau gestrichene Raum hat viele schöne Akzente, selbstgemachte Bilder hängen an den Wänden und die Kuscheltiere sitzen zuckersüß aufgereiht auf dem weichen Kissen am Kopfende des Betts. Aber: Wenn ein kleiner Mensch einfach so immense Massen an Spielzeug hat wie die Person in dieser Geschichte - Hallo Scheidungskind, eine erste grobe Schätzung beläuft sich übrigens auf rund 2896 Teile plus/minus 500 - dann ist es unausweichlich, dass Kisten und Boxen früher oder später aus allen Nähten platzen.

Man beginnt mit einer ersten Orientierung: Am Anfang Aussortieren, dann Saubermachen? Oder besser direkt alle Möbel umstellen? Der aufgewirbelte Staub fliegt wie Pollen durch die Luft, erste Niesanfälle erschweren das Unterfangen. Der Schweiß tropft, so viele Kilogramm zu verkaufendes Playmobil sind dann auf die Dauer doch recht schwer. Die Stunden ziehen vorüber und doch scheint nichts vorwärts zu gehen. Ständig taucht eine neue Schachtel mit Murmeln, verloren gegangenen Würfeln und Holzklötzchen auf, gelegentlich auch der Torso einer einzelnen Spielfigur.

Doch endlich, in den Abendstunden, naht ein Ende der Arbeit. Der Kontrast ist schier unglaublich, man sieht doch tatsächlich wieder etwas vom Boden. Es erinnert stark an Vorher-Nachher-Bilder aus gewissen Sendungen zur Prime-Time. Findet auch der Kleine, als er von seiner Freundin zurückkommt. "Das ist wie ein neues Zimmer!", ruft er und wirft sich glücklich auf sein Bett, verschoben wurde es, man sieht nun die ganzen Dinosaurier-Aufkleber von früher nicht mehr. Jetzt habe er ja Platz für das neue Lego-Set, sagt er, das er sich schon so lange wünsche, super!

Kein Kommentar.

© SZ vom 19.10.2020

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