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Mitten in Ebersberg:Keine Sorge, die Berge warten

So nah und doch so fern: Das Alpenpanorama lockt, doch die Ebersberger dürfen dieser Verlockung leider momentan nicht folgen

Glosse von Franziska Langhammer

Sehnsuchtsorte. Wohl kein anderes Wort verpackt das Streben nach Transzendenz vieler Menschen derzeit besser, die, gefangen im Lockdown, zuhause sitzen und doch gern woanders wären. Filme können da eine gute Hilfe sein, oder schöne Bücher, um zumindest geistig zeitweilig dem drögen Jetzt zu entfliehen. Denn welche Ablenkung hat die Umgebung sonst derzeit zu bieten? Den Ebersberger Forst kennt man langsam wie seine eigene Westentasche, die versteckten Jägerstände wie auch die Lieblingsorte der Rehe. Und auch die Weiherkette kann bei mehrmaligem wöchentlichen Vorbeiflanieren an ihren Reizen einbüßen.

Umso gewaltiger und faszinierender kann einem dieser Tage das Alpenpanorama erscheinen, das sich in klirrender Winterluft den Spaziergängern präsentiert. Ist das der Heuberg? Das Kranzhorn? Das Kaisergebirge? Egal, es ist wunderschön. Da kann die Welt untergehen im Coronawahnsinn, die Berge stehen still und unerschütterlich. Sie helfen bei der eigenen Verortung - wo war ich gleich noch mal? Und sie rücken, erschaffen für die Ewigkeit, so manch langweiligen Moment in das richtige Licht.

Und doch kann einen beim Anblick dieser Idylle auch wieder eine unbestimmte Sehnsucht packen. Im Hinterkopf beginnt schon das Lied der österreichischen Gruppe EAV zu tönen: "Wie eine Fata Morgana, so nah und doch so weit..." So nah die Berge auch zum Greifen scheinen, umso weiter rücken sie in die Ferne. Denn egal, welchen Zirkel man hier auf der Landkarte ansetzt, bis zu den nächsten Bergen sind es mehr als 15 Kilometer. Bevor man also wieder die Rotwand oder die Hochries besteigen kann, werden noch einige Inzidenzen ins Land gehen. Bleibt also wieder nur die Flucht ins Imaginäre. Aber ein letzter, schmachtender Blick auf die Bergketten wird von diesen beantwortet mit einer unumstößlichen Sicherheit, die bleibt: Keine Sorge. Wir warten hier auf dich.

© SZ vom 16.01.2021
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