bedeckt München 16°

Mitten in Ebersberg:Das Eigenleben der Farben

Nicht nur bei Kunstwerken von Weltruhm machen die Farben zuweilen was sie wollen. Auch an der heimischen Hauswand droht die ein oder andere Überraschung

Glosse von Franziska Langhammer

Ob Kunstliebhaber oder nicht, jeder kennt es: das Gemälde "Der Schrei". Ein Mensch, unter bedrohlich rotem Himmel unterwegs, presst darauf seine Hände gegen das Gesicht und reißt Mund wie Augen auf weit. Ist es Entsetzen, Angst, Sorge? Rätselhaft bleibt das Werk allemal. Dessen Autor, der Maler Edvard Munch, soll einmal gesagt haben: "Die Farben haben ein bemerkenswertes Eigenleben, sobald sie auf die Leinwand aufgemalt wurden."

Eben diese Erfahrung kann man auch machen, wenn man statt der Leinwand die Hausmauer bemalt. Diese nämlich, ursprünglich als Windschutz konzipiert, bröckelt seit einiger Zeit an vielen Stellen, und deren Farbe kann ohne schlechtes Gewissen als gräulich beschrieben werden. Farbe muss also her, das findet die ganze Familie. Im vergangenen Sommer ist es soweit: Ein dunkles, tragendes Orange wird ausgesucht. Nicht zu auffällig soll es sein, und eher entspannend fürs Auge wirken.

Ein Farbmuster-Set aus dem Baumarkt hilft bei der Auswahl. Vor Ort fragt man sicherheitshalber noch mal den Verkäufer: "Bleibt das so, oder wird das heller oder dunkler, wenn man es aufträgt?" Der Verkäufer wirft einen kurzen Blick in das Orange, das in seinem Eimer dunkel schimmernd vor sich hin wabert, und bestätigt: "Bleibt so." Entweder ist das Licht im Baumarkt jedoch sehr schmeichelhaft, oder die Sonne zu gnadenlos. Jedenfalls dröhnt es einem nach den ersten Strichen auf der Mauer knallorange entgegen. Ratlosigkeit.

Hm, vielleicht muss es ja noch trocknen und dunkelt nach. Die kleine Mauer wird schon mal fertig gestrichen, und danach ist Warten angesagt. Eine halbe Stunde, eine Stunde. Als nach drei Tagen immer noch kein Nachdunklungs-Effekt einsetzt, ist klar: Das bleibt so. Und weil das Neonorange wirklich keinem gefällt, wird die große Mauer erst mal ausgespart. Der Herbst kommt, der Winter, und selbst durch den Schnee kämpft es sich immer wieder hervor, das leuchtende Orange.

Schließlich beginnt der Frühling. Wochenlang werden wieder Farbmuster gewälzt, an die Mauer gehalten, ausprobiert. Ein dunkles Rot soll es diesmal sein, ins Bräunliche gehend, nicht zu auffällig, fürs Auge entspannend. Same procedure as last year: "Bleibt das so?" Der Verkäufer im Baumarkt nickt: "Bleibt so." Den ersten Pinselstrich auf der kleinen Mauer darf die Vierjährige machen. Sie ist hellauf begeistert: "Schau mal, Pink!" Der Zweijährige patscht fröhlich mit seiner Hand in die Farbe und beginnt schon mal mit der großen Mauer. Dem Papa entfährt ein Schrei, hätte er nicht Pinsel und Malervlies in der Hand, würde er wohl auf beide Hände gegen das Gesicht pressen. Schon wieder hat das geheime Eigenleben der Farben begonnen, und zu dem knallenden Orange mischt sich nun ein Brombeerpink. Kurzerhand wird die Aktion gestoppt, die Farben flugs wieder zusammen gepackt, bevor noch mehr Gepatsche droht. Die Mauer ist nun im Gesamtbild orange-pink-gräulich und strahlt stolz in die Welt hinaus.

Den hoffnungsfrohen Weg zum Baumarkt kennt die Familie nun ja bereits.

© SZ vom 28.04.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema