Mitten in Ebersberg:Bremse, Kupplung und Kamel

Der Zirkus ist in der Stadt - und verführt bisweilen zu schönsten Spekulationen

Glosse von Wieland Bögel

Der Zirkus. Diese beiden Worte reichen oft, um einen Vorgang in Gang zu setzen, der seit einiger Zeit Kopfkino genannt wird. Dieses zeigt Akrobaten, Clowns und - Peta-Mitglieder ab hier bitte aufhören zu lesen - deren tierische Kollegen. Die Frage, ob und wenn ja wie moralisch verwerflich es ist, dass außer haarlosen Primaten noch andere Lebewesen im Zirkus auftreten, harrt noch einer finalen Antwort. Bis dahin sind viele Zirkusse weiterhin mit tierischen Darstellern unterwegs - wenn auch nicht mehr so, wie es das Kopfkino zeigt.

Früher - vielleicht auch nur in sehr alten Zeichentrickfilmen - war der reisende Zirkus ja eine Art Zoo in Bewegung. In Bahnwaggons, Lastwagen, Anhängern oder auch zu Fuß gelangten Elefanten, Bären, Löwen, Pferde und viele weitere Zirkustiere zum Ort des nächsten Auftritts. Für die Passanten war das wie eine Art kostenlose Vorschau auf das Zirkusgeschehen, konnte man die tierischen Darsteller doch beim Vorbeifahren oder -gehen betrachten. Was indes - siehe oben - nicht nur auf Zustimmung stieß. So verlor vor gut fünf Jahren Ben, der mutmaßlich letzte Zirkusbär der Bundesrepublik, seinen Job, er wurde erst beschlagnahmt und dann in einem Bärenpark frühverrentet. Vielleicht ist das ein Grund, warum man anderswo etwas vorsichtiger geworden ist, beim Reisen übers Land.

Etwa in Ebersberg, wo kürzlich ein Wanderzirkus zu Gast war, der nun seine Zelte - nein, nicht abgebrochen, sondern sorgfältig abgebaut hat. Diese wurden mitsamt dem Rest der Zirkusutensilien und -darsteller in diverse Vehikel verpackt und sind nun auf dem Weg durch die Kreisstadt zum nächsten Einsatzort. Zwei Buben im Vorschulalter betrachten den langen Tross an Lastwagen und Anhängergespannen. Dass es sich dabei um den Zirkus handelt, wissen die beiden auch ohne, dass Rüssel, Mähnen oder Bärentatzen aus den Gefährten lugen. Es ist doch ganz klar, wer da unterwegs ist. Als ein Auto mit Wohnwagen vorbeifährt, ruft der eine: "Da sind die Kamele drin." Auch das ist dann wieder ein Fall fürs Kopfkino.

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