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Mitten in Ebersberg:Bei dir knackt's wohl

Karottenknabbern kann sehr unangenehme Nebenwirkungen hervorrufen - wenn man in einem ganz bestimmten Haus in Ebersberg wohnt

Glosse von Nathalie Stenger

Es gibt da ein ungeschriebenes Gesetz im Elternhaus der Autorin: Karotten kommen nicht auf den Tisch. Höchstens weich gekocht, als Ofengemüse oder in der Suppe kleinpüriert. Aber unter keinen Umständen, wirklich niemals, als Rohkost. Die Hälfte der Familie leidet nämlich an Misophonie - das ist die verminderte Toleranz gegenüber bestimmten Geräuschen - oder sie bildet sich zumindest ein, daran zu leiden.

Wer also in Anwesenheit dieser Menschen Möhren knabbert, wird schnell auf seine Missetaten aufmerksam gemacht. Das geht los mit einem vielsagenden Blick von der Seite, meist folgt dann ein gedehnter Seufzer, alternativ ein dezentes Räuspern. An dieser Stelle wäre jedem Karottenknacker gut geraten, dieses Unterfangen auf der Stelle sein zu lassen, denn was dann kommt, stört jegliche Dinneratmosphäre grundlegend: Die von Essgeräuschen gestörte Person springt nämlich auf und dreht die ohnehin schon sehr präsente Musik lauter, was zur Folge hat, dass man niemandem mehr beim Kauen und Zermalmen zuhören muss. Mit der Unterhaltung ist es dann aber auch vorbei.

Eigentlich liegt es gar nicht an der Karotte, stellte man letztens fest. Kaugeräusche an sich sind das Problem. Das weiß auch der Kleinste in der Runde, eine seiner Lieblingsbeschäftigungen beinhaltet kichernd mit einer Chipstüte den geplagten Personen hinterherzurennen und ihnen ins Ohr zu knuspern. Wahlweise auch mit Popcorn oder Knäckebrot.

Und weil das alles noch nicht genug ist, knacksen nun seit geraumer Zeit bei einem Familienmitglied die Fußknöchel. Bei jedem Schritt, immer. Zugegeben, das hat nichts mit dem Kauen zu tun, gehört jedoch auch irgendwo auf die Liste der ungebetenen Laute, gleich nach dem Nagel auf der Tafel. Ist aber vielleicht gar nicht schlecht - kann man so subtil an der auditiven Toleranzschwelle der Lieben arbeiten.

© SZ vom 23.11.2020
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