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Mitten in der S-Bahn:Der Mann mit der Stoffhose

Eine stillstehende S-Bahn, ungeduldige Fahrgäste und ein Mann ohne Maske - in diesen Tagen ist das eine sehr brenzlige Gemengelage

Glosse von Korbinian Eisenberger

Die Stimme des Lokführers lässt Unzufriedenheit erahnen. Eine Durchsage wie eine Warnung: Bei Verstößen gegen die Maskenpflicht gibt's Konsequenzen - von Zugstopp bis hin zu Polizei. Wer's glaubt. Macht er nicht. Wer denkt er denn, dass er ist. Wie enorm ausgeprägt doch das Sicherheitsgefühl hinter der Maske ist. Dank der Bedeckung kann einen niemand beim selbstüberzeugten Lächeln ertappen.

Um 17.45 Uhr verläuft diese Donnerstags-Fahrt in der S 2 von München-Ost nach Markt Schwaben noch souverän: Keiner spricht, niemand schaut einen an. Fünf Minuten später bleibt die Bahn in Feldkirchen stehen und rührt sich keinen Zentimeter mehr.

Die Anzeige im Zug: Zunächst zehn Minuten Verzögerung, kurz darauf steht da "+20". Erste Flüche hinter Masken. Kurz darauf haben einige im Abteil einen Schuldigen auserkoren. Ein Mann mit schütterem Haar: Stoffhose, aber keine Stoffmaske. Die meisten verhalten sich ruhig, einige wenige sprechen auf ihn ein. "Ziehen Sie sich halt irgendwas drüber."

Noch immer steht die S 2, und der Mann beginnt, sich mit Worten zu verteidigen. Er, Ende 50, habe ein entsprechendes Attest. Er solle keine Maske tragen, im Gegenteil, das schade ihm. Auch er leide unter der Krise, seine Firma stehe vor der Pleite. Warum all die Aggressionen gegen mich?, fragt er in die Runde. Die Stimmung bleibt angespannt: Steigen Sie doch einfach aus! Sie ziehen uns alle mit!

Was macht man in so einer Situation? Mehrere gegen einen? Hilft man dem einen? Wobei er sich doch einfach einen Schal umwickeln könnte, und der Fall wäre erledigt. Oder sein Attest herzeigen - könnte ja auch zur Beruhigung beitragen. Vielleicht ist er auch überfordert? Also doch helfen? Oder legt er es gar drauf an? Schwierige Fragen lassen die Selbstsicherheit hinter der Maske verschwinden. Gut zehn qualvolle Minuten vergehen am Bahnhof Feldkirchen. Und dann sagt doch noch einer was.

Es ist die Stimme aus dem Off, der Lokführer im Lautsprecher: Hinten im Zug gab es ein Handgemenge, ist zu erfahren. "Die Polizei hat die Situation geklärt." So fährt der Mann mit der Stoffhose noch drei Stationen bis Poing weiter. Ohne Maske, ohne Debatte. Das hat dann niemanden mehr interessiert.

© SZ vom 28.11.2020
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