Am gemütlichsten ist es in der eigenen Bubble: Man hat mit Menschen zu tun, die ähnlich ticken, ähnliche Meinungen und ähnliche Erlebnisse teilen. Doch man lernt wenig über das Leben und die Erfahrungen anderer, man muss sich nicht mit konträren Ansichten und Argumenten auseinandersetzen – deshalb ist es in der eigenen Bubble oft auch etwas langweilig.
Wenn Bernhard Winter einlädt, ist es hingegen nie langweilig. Bei seinen berühmten Sonntagsbegegnungen diskutierten sehr gegensätzliche Menschen auf meist sehr spannende Weise miteinander: Gregor Gysi mit Günther Beckstein, die Moderatorin Nina Ruge mit Benediktinerabt Johannes Eckert und Umweltminister Thorsten Glauber mit Astrophysiker Harald Lesch, um nur ein paar Beispiele aus 125 Begegnungen zu nennen. Im Januar setzte Winter hier den Schlusspunkt – seine Freude daran, unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, ist freilich ungebrochen.

„Miteinanderbus Süd“ steht daher als Leuchtschrift auf dem Bus, der sich an diesem strahlenden Frühlingsmorgen in Markt Schwaben startklar macht. 20 Menschen steigen gleich ein: Ein SAP-Manager ist dabei, ein Realschullehrer, ein Tierarzt, die Schülersprecherin der Korbinianschule in Steinhöring, eine Online-Marketing-Managerin aus der Ukraine und ein freier Redner – Menschen also, die nicht zwangsläufig im Alltag miteinander in Kontakt kommen.
Es geht auf große Fahrt durch blühende Landschaften – die des Landkreissüdens nämlich, drei Gemeinden sollen die Reisenden aus dem Norden hier kennenlernen. Natürlich ist auch Glonn dabei. Mit der Marktgemeinde verbindet Bernhard Winter eine besondere Beziehung: In seiner Zeit als Markt Schwabener Bürgermeister hat er hier schon einmal eine Woche Urlaub gemacht – gerade einmal 27 Kilometer von seiner eigenen Haustür entfernt. „Man muss nicht immer Tausende Kilometer auf sich nehmen, um Neues zu entdecken“, sagte er damals der SZ.
Sogar einen schiefen Maibaum gibt es zu sehen
Und Neues gibt es immer wieder zu sehen – beim Besuch der kleinen Reisegruppe zum Beispiel den schiefen Maibaum von Glonn. Gerade einmal sechs Tage, nachdem der mehr als 40 Meter hohe Stamm in die Vertikale gehievt worden war, verpasste ihm ein heftiger Sturm über der Marktgemeinde eine markante Neigung. Zur Touristenattraktion ist er aber deshalb nicht geworden, denn schon beim Besuch der Markt Schwabener wies ein Schild darauf hin, dass der Maibaum aus Sicherheitsgründen wieder umgelegt werden musste.

Doch es gibt auch andere Gründe, weshalb sich ein Besuch in Glonn lohnt, etwa das Geburtshaus der Dichterin Lena Christ, an dem Bürgermeister Josef Oswald seine Gäste vorbeiführt. Der 16-jährige Schüler Felix wird diesen Programmpunkt am Ende des Tages zu einem der Höhepunkte des Ausflugs erklären. Felix besucht die Lena-Christ-Realschule in Markt Schwaben und hat sich intensiv mit dem nicht gerade einfachen Leben der Schriftstellerin befasst – dann einmal an dem Ort zu stehen, wo sie ihre ersten Jahre verbracht hat, das ist schon was, sagt er.
Gemeinsam mit Mitschülerin Marcela und Mitschüler Julian sowie Lehrer Jürgen Hansen hatte Felix zuvor bereits eine kleine Einführung zu Lena Christ gegeben. Auch das gehört zu Winters Konzept: Einige der Mitreisenden dürfen sich und ihren Hintergrund etwas genauer vorstellen. Später am Tag werden etwa Olga Siegel und Tatiana Mehlbrech erzählen, wie sie in Ebersberg versuchen, ukrainischen Geflüchteten die Eingewöhnung und die Integration zu erleichtern. Dass Siegel Ukrainierin ist und Mehlbrech Russin, lässt einige Mitreisende aufhorchen. Die beiden Frauen betonen freilich das Verbindende, nicht das, was sie voneinander unterscheidet. Längst seien sie Freundinnen geworden, sagen sie. „Wer bei uns mitmacht, bei dem weiß man, auf welcher Seite er steht“, sagt Olga Siegel.
Viele dieser Gespräche finden beim Spazieren von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit statt, beim gemeinsamen Essen, Kaffeetrinken oder im Bus, wo die Teilnehmerinnen und Teilnehmer regelmäßig die Plätze wechseln, um auch einmal andere Leute kennenzulernen. Die Bürgermeister der drei besuchten Gemeinden erweisen sich zwischendrin als kenntnisreiche Fremdenführer. Sie haben sichtlich Spaß daran, ihren Besuchern zu zeigen, was ihre Gemeinden ausmacht – und wenn es nur das knallrote Erdbeerhäuschen ist, das in Egmating die Produkte eines der beiden ortsansässigen Produzenten im Angebot hat.

Noch würden in Egmating alle 2400 Bewohnerinnen und Bewohner in das Festzelt passen, das Feuerwehr und Burschenverein für die gemeinsam gefeierten Jubiläen gerade am Ortsrand aufbauen – zumindest dann, wenn sie nicht alle auf einem Sitzplatz bestehen würden. Das könnte sich ändern. Bürgermeisterin Inge Heiler erzählt von Zuzug, steigenden Grundstückspreisen, kleinen Häuschen, die weichen müssen und durch mehrere Doppelhäuser ersetzt werden. „Es entsteht Neues, das ist ja auch gut“, sagt sie, doch es bringe eben auch Herausforderungen für die Gemeinde mit sich. Die Infrastruktur wächst schließlich nicht von selbst mit.
Einkaufsmöglichkeiten gab es lange fast gar nicht mehr im Ort. Der Bürgermeisterin ist daher anzumerken, wie froh sie ist, dass der örtliche Dorfladen nach zwei Jahren das Anfangstief überwunden hat und langsam in die schwarzen Zahlen kommt – würden freilich nicht 26 Egmatingerinnen und Egmatinger Marktleiter Moritz Müller und seiner Kollegin beispringen, ohne dafür Geld zu verlangen, ginge es wohl trotzdem nicht. Der Bürgermeisterin liegt der Dorfladen nicht nur am Herzen, weil die Menschen dort einkaufen können: „Es ist auch ein unglaublich wichtiges Projekt, was die Gemeinschaft angeht“, sagt sie. 360 Tage im Jahr hat der Laden geöffnet, kommt mal ein Stammkunde länger nicht vorbei, fällt das auf und man fragt nach, ob vielleicht Hilfe benötigt wird. Für manche einsame Menschen, sagt Inge Heiler, sei der Laden eine Möglichkeit, doch einmal mit anderen in Kontakt zu kommen.


Spätestens, als Bürgermeister Martin Riedl die Gruppe in Jakobsbaiern empfängt, ist auch dem letzten Gast aus dem Norden klar, dass man nicht unbedingt in die Toskana fahren muss, um sanfte Hügel und malerische Orte entdecken zu können. Ins Auge fällt der mächtige Kirchturm ohne Kirche in dem kleinen Weiler – einem von 33 Ortsteilen Baierns, auf die sich die 1500 Einwohner verteilen. Um das Jahr 1906 habe die Kirchengemeinde entschieden, die baufällige Kirche abzutragen und neu zu bauen, erzählt der Bürgermeister. Doch dann seien Stimmen laut geworden, dass man die neue Kirche doch lieber zentraler, nämlich in Antholing, errichten sollte. Man stoppte den Abbruch; dass der Kirchturm stehen blieb, ist einer großzügigen Spende der Ururgroßmutter des heutigen Bürgermeisters zu verdanken.
Piusheim ist die letzte Station der Reisenden aus dem Norden. Hier führt Schulleiter Hartmut Lüling durch die Räume, die sonst den Schülerinnen und Schülern der Freien Schule Glonntal vorbehalten sind. Zum Abschluss gibt er sogar ein kleines Klavierkonzert und bekommt dafür viel Applaus. Zufrieden ist auch Bernhard Winter – auf die Frage, was er am Ende des Tages empfindet, kommt die Antwort schnell: „Freude!“

