Süddeutsche Zeitung

Mit Pauken und Paketen:100 Musiker auf einer Bühne - aus Südafrika und Süddeutschland

Es ist der musikalische Höhepunkt: Die Jugendorchester aus Grafing und Johannesburg geben ein gemeinsames Konzert. Über die Menschen hinter den Instrumenten.

Jetzt setzen noch mal alle ein. Trompeter, Geiger, Posaunisten und Cellisten. Ein afrikanischer Gospel, der Saal brodelt, und die Zuschauer hält es nicht mehr auf den Sitzen. Zwei Frauen sind zu den Musikern hochgeklettert und grooven sich mit der Dirigentin ein. 50, 60 Leute tanzen in einer Polonaise Richtung Bühne. Aus einer Ecke holen zwei Leute riesige Flaggen raus, eine deutsche und eine südafrikanische. Vor und auf der Bühne geht es zu wie auf einem Rockfestival. Mit dem feinen Unterschied, dass es sich hier um ein klassisches Konzert handelt.

Der Sonntag in Johannesburg steht im Zeichen der Völkerverständigung. Gut 100 Musiker stehen auf der Bühne, 45 aus Südafrika, 60 aus Süddeutschland. Es ist das groß angekündigte Gemeinschaftskonzert des Johannesburg Youth Orchestra mit dem Grafinger Jugendorchester. Und sicherlich der musikalische Höhepunkt dieser speziellen Reise. Für das Grafinger Jugendorchester ist es bei all den spannenden Eindrücken dieser Tage zudem der erste gemeinsame Auftritt mit einem anderen Orchester - und einem fremden Dirigenten. Eine ganz neue Herausforderung also.

Es geht pünktlich auf die Minute los, ein sehr deutscher Start. Viele Zuschauer trudeln dann während des Konzerts ein, wiederum sehr südafrikanisch, kein Zweifel, dass diese Bühne in Johannesburg steht. "So einen Konzertsaal bräuchten wir in Grafing", sagt Kilian Berger in der Pause, später wird er mit Teresa Gruber eine furiose Tanzshow abliefern. Im ersten Teil gibt jedes Orchester das eigene Repertoire zum Besten. Dann kommen sie gemeinsam auf die Bühne. Erst dirigiert die Grafinger Orchesterleiterin Hedwig Gruber, dann der Johannesburger Conductor Eddie Clayton.

Die Johannesburger sind klassischer unterwegs als die Grafinger, Bariton Titas Makanye zum Beispiel beeindruckt mit Mozart, viel Applaus, nicht wenige Zuhörer stehen auf. Makanye ist Anfang 20 und studiert an der Johannesburger Witwatersrand-Universität. Sein Dirigent bescheinigt ihm später "great potential". Die Grafinger steuern einen buntem Mix aus Klassik und Moderne bei, Tanz, Musik und Gesang. Hannah Kreck und Amelie Jost schmettern sich die Seele aus dem Leib, sie bekommen dröhnenden Beifall. Begleitet von Bayern und Afrikanern spielt der 17-jährige Jakob Skudlik auf dem Klavier. Auch hier stehen beim letzten Ton viele auf.

Wer sind sie, die da oben auf der Bühne stehen?

Wer sind die, die dort oben stehen und musizieren? Antworten gibt es am Sonntagabend bei einer gemeinsamen Jamsession im Hotel der Grafinger. Eve Sibanda, 23, rotes Kleid, hochgesteckte Haare, hat gerade zu einer bayerischen Trompete gesungen. Im Konzert war sie am Horn zu hören, jetzt sitzt sie in der Lounge und erzählt von ihrer traurigen Kindheit im Township Protea, mitten in Soweto. Eine Geschichte von Armut, Hunger und Gewalt, mit Details, die nicht in die Zeitung gehören. Nur so viel: "Music saved me and my family."

Begegnungen wie diese machen diese Reise so wertvoll. In der Hotelbar mischen sich jetzt nicht Musiker, sondern Menschen. Es geht jetzt nicht mehr um Partituren und Notenblätter. Dakalo Rambau ist seit zehn Jahren im Johannesburger Orchester. Die Grafinger hätten ihn heute auf andere Gedanken gebracht, sagt er, weil sie "happiness" transportierten. Ansonsten hat es der 24-Jährige gerade schwer, weil vor kurzem das Haus seiner Familie abgebrannt ist. Auf einen Spendenaufruf des Orchesters hin hat er Möbel und Lebensmittel bekommen. Ohne seine Musikerfreunde wäre er gerade ziemlich "lost", sagt er. Jetzt hofft er auf Baumaterial, damit sie ihr Haus wieder aufbauen können.

Aber nicht alles ist traurig an diesem Abend, eigentlich das wenigste. Das sieht man an Geigerin Dineo Matsepe, die Dienstälteste im Johannesburger Orchester, sie hört gar nicht mehr auf zu lachen. Noch nie habe sie mit einer Gruppe "performed", die "so welcoming and heartwarming" sei. Die 28-Jährige ist seit 2003 dabei, mittlerweile studiert sie Grundschullehramt. "Wir müssen die Grafinger besuchen kommen", sagt sie. "Definitely."

Ein Gegenbesuch? Für Orchesterleiter Etienne Mecloen durchaus vorstellbar. "A brilliant idea", sagt er. Und ein irres Unterfangen, da muss man nur die Grafinger Allround-Organisatorin Hedwig Gruber fragen. Am Ende des Konzerts bekommt sie einen riesigen Blumenstrauß überreicht. Außerdem wird es für sie am Abend noch viele Umarmungen geben. Von Bayern und Afrikanern. Als Dank für eine musikalische und menschliche Verschmelzung.

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SZ vom 04.09.2018/koei
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