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"Missstände seien nicht so erheblich":RTL verzichtet auf Bericht aus Förderschule

Eine angebliche Praktikantin hatte sich zuvor in die Erdinger St. Nikolaus-Schule eingeschlichten, die zum Einrichtungsverbund Steinhöring gehört, und dort heimlich gedreht

Erst einmal überwiegt die Erleichterung: In der RTL-Sendung "Team Wallraff" am Montagabend waren keine Szenen aus der St. Nikolaus-Schule in Erding für geistig und mehrfach behinderte Kinder und Jugendliche zu sehen. Doch es bleiben ungute Gefühle zurück, wie Gertrud Hanslmeier-Prockl sagte, die Leiterin des Einrichtungsverbundes Steinhöring der katholischen Jugendfürsorge, dem die St. Nikolaus-Schule angehört: "Dass jemand bei uns eingedrungen ist", bleibe ein Ärgernis. "Das Material liegt ja auch nach wie vor bei dem Sender."

Lehrer müssten die Arbeit von Pflegern machen, kritisiert eine RTL-Mitarbeiterin

Und dort soll es vorerst bleiben, das bestätigte Karla Steuckmann, Teamleiterin von "Team Wallraff" bei RTL. Wenn Interesse bestehe, würde der Boulevard-Sender die Aufnahmen in vollkommen verfremdeter Form und unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Schule aber auch zur Verfügung stellen, anderweitig solle es nicht verwendet werden. RTL habe darauf verzichtet, die Aufnahmen aus Erding zu senden, "weil die Missstände nicht so erheblich" gewesen seien, um deswegen Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Noch dazu weil es in Erding um Kinder und Jugendliche gehe. "Das ist eine Sache der Abwägung", sagte Steuckmann und schränkte auch gleich ein: "Alles supertoll" - so sei es auch nicht gewesen. An der St. Nikolaus-Schule scheine es Personalmangel zu geben, Mitarbeiter wirkten "überfordert", Lehrer müssten Arbeiten von Pflegern machen. Dass Betreute mehrmals täglich den Raum hätten wechseln müssen, habe sie "schockiert", sagte Steuckmann.

Die RTL-Teamleiterin wies des weiteren darauf hin, dass ihr Sender von einem Elternpaar auf die St. Nikolaus-Schule aufmerksam gemacht worden sei, das unzufrieden mit der Betreuung seines Kindes gewesen sei. Es gebe auch einen Schriftwechsel, der der Schule bekannt sein müsse. Das will Hanslmeier-Prockl nicht ausschließen: "Es kommt schon vor, dass sich Eltern an uns wenden und dass sie mit etwas nicht zufrieden sind." Das sei auch der richtige Weg. Für mehr Klarheit solle in dieser Woche auch ein Elternabend sorgen.

Zusammen mit Schulleiter Georg Bauer war Hanslmeier-Prockl in der vergangenen Woche an die Öffentlichkeit gegangen, als sich beide sicher waren, dass eine RTL-Mitarbeiterin an der Schule gedreht hatte. Beide hatten befürchtet, die Arbeit an der Schule würde mit aus dem Zusammenhang gerissenen Szenen in einem schlechten Licht erscheinen. Weil ihr die Transparenz so wichtig sei, bedauere sie diesen Schritt auch jetzt nicht, sagte Hanslmeier-Prockl.

Sie übte aber grundsätzliche Kritik an der Art der Berichterstattung: "Es wird der Eindruck erweckt, dass man sich in eine Werkstatt oder eine Schule einschleichen müsse, um über den Umgang mit Menschen mit Behinderung zu berichten. Das ist so nicht richtig." Es gebe professionelle Kontrollsysteme, von innen und von außen. Ob Schulaufsicht, Landratsamt und Regierung von Oberbayern, ob interne Evaluation, die Kontrolle durch den Elternbeirat oder den Beirat der Betreuten und die Begleitung durch Fachdienste: "Diese Stellen haben einen Auftrag, und sie machen ihre Arbeit gewissenhaft. Wir haben viele Menschen, die auf uns schauen."

Karla Steuckmann stritt ab, dass die RTL-Mitarbeiterin in der St. Nikolaus-Schule zusätzlichen Stress verursacht habe, wie es Bauer gesagt hatte. "Sie hat weder provoziert noch war sie Teil des Problems." Auch das ließe sich mit den Aufnahmen beweisen. In einigen Einrichtungen, in denen RTL recherchiert hatte, gebe es nun aber auch schon Konsequenzen. In Leverkusen und Speyer seien Mitarbeiter freigestellt worden.