Süddeutsche Zeitung

Experimenteller Hochgenuss:Inszenierte Musik

Die "Micro Oper München", ein freies Ensemble um Cornelia Melián aus Moosach, interpretiert die "Solos for Voice" von John Cage. Der Abend verspricht heiter, fantasievoll sowie durch und durch überraschend zu werden.

Von Michaela Pelz, Moosach

Laut Duden steht "mikro" in Verbindung mit Adjektiven oder Substantiven für "klein, fein, gering". Nun ist die von Sängerin, Performerin und Produzentin Cornelia Melián vor mehr als 30 Jahren gegründete Micro Oper München als kraftvoller "Ein-Frau-Apparat" zwar definitiv "klein und fein". Als "gering" allerdings kann man das, was ihr freies Ensemble mit wechselnden Teamkollegen auf die Bühne bringt, garantiert nicht bezeichnen. Ganz im Gegenteil: Es besticht es durch eine außergewöhnliche Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen. "Wir setzen Musik in Bühnenräume und Kostüme, so entstehen Bilder und ganz eigenständige Erzählungen, die für jeden anders sind," erläutert die Moosacherin Melián ihr Konzept von "inszenierter Musik", die im Gegensatz zum Musiktheater nicht Plot-getrieben sei.

So verwundert es nicht, dass die Wahl der Truppe, die sich diesmal um Melián als "Herz und Kopf der Micro Oper" geschart hat, auf Altmeister John Cage und seine Sammlung "Solos for Voice" gefallen ist. Bei den 1970 geschriebenen 90 Songs oder theatralischen Aktionen, manchmal als Mischung aus beidem, wird häufig auch Elektronik einbezogen. Und dank der experimentellen Partituren findet das Quartett genau jene Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten, Herausforderungen und eigenen Entscheidungen, die die kreative Arbeit so spannend macht. Neben Sängerin Melián gehören Pianistin Masako Ohta, Noise- und Video-Künstler Anton Kaun sowie Komponist und Elektronikmusiker Ernst Bechert zu dem "vierköpfigen Nervensystem", das an diesem Wochenende erst im Meta-Theater in Moosach und dann beim Kunstverein Rosenheim auftritt.

"Cage ist kein Komponist im eigentlichen Sinn, sondern eher ein Philosoph, Denker, Freigeist. Einer, der vieles neu definiert und die Welt mit großer Neugierde betrachtet hat", schildert Melián, selbst Grenzgängerin, ihre Sicht auf den 1992 im Alter von fast 80 Jahren verstorbenen Amerikaner, Schöpfer des berühmten Stückes "4'33". Der Avantgarde-Komponist feiert damit die Stille und das Geräusch, dem er dieselbe Bedeutung zumaß wie Musik. In einem Interview zieht Cage sogar einen Vergleich zwischen Stücken von Mozart oder Beethoven und Straßenlärm: Letzterer gewinne - weil er keine zwei Mal gleich klinge.

Genau das fasziniert auch am aktuellen Programm der Micro Oper: Es gibt keine eindeutige musikalische Version; die Partituren sind überwiegend grafisch, bestehen aus verschiedenen Typographien oder Zahlen, manchmal finden sich Handlungsanweisungen. Zwar gibt es Regeln, wie die Partitur zu verstehen ist, aber die Ausarbeitung der endgültigen Bühnenfassung inklusive Klang, Timing oder genauer Ausgestaltung einer Aktion obliegt den Musikerinnen und Musikern selbst.

Im Begleittext heißt es dazu: "Und weil es so scheint, als sei alles möglich, wird auch das Verhältnis von Regeln und Freiheit neu verhandelt." Die Interpreten trügen Verantwortung sowohl gegenüber dem Komponisten, der ihnen bewusst diese Freiheiten gelassen habe, aber auch gegenüber sich selbst. "Cage lädt uns ein, seine abstrakten Notationen mit unserer eigenen Fantasie zu füllen," beschreibt Melián das, was das Publikum erwartet - "an einem Abend, an dem man auch schmunzeln kann, der mal laut sein wird, und dann wieder ganz poetisch". Garantiert aber wird er anspruchsvoll - nimmt man etwa die große Arie, die Melián sich dafür erarbeitet hat.

Auch diese Partitur enthält nur grafische Linien mit farblich zugeordneten Texten. Jede Farbe steht für einen bestimmten Stil - zehn im Ganzen. Bei der Zuordnung hat die Interpretin völlig freie Hand: "Hellblau ist vielleicht Oper, Rot entspricht Jazz". Im Anschluss allerdings muss diese Belegung dann eingehalten werden, unabhängig davon, ob die Sängerin an einzelnen Stellen einen anderen Stil passender finden würde.

Alle Mitwirkenden haben eine eigene Auswahl an Stücken aus dem Song Book getroffen, die sie mit unterschiedlichen Interpretationsansätzen zum Leben erwecken. Pianistin Masako Ohta etwa, die laut Melián "ganz tolle Ohren" hat, sich in die Musik regelrecht hineinlauscht. Sie wird nicht nur auf einem "präparierten Klavier" spielen, sondern gemäß einer von Cages Textanweisungen ("Prepare something to eat") in ihren Pausen Zutaten für eine Suppe schnippeln.

Die Suppe dürfen sich dann am Ende die Besucherinnen und Besucher schmecken lassen. Vermutlich werden von diesen nicht wenige aus "Noise"-Kreisen stammen, denn dort ist John Cage kein Unbekannter. Ebenso wenig wie Anton Kaun, aka "Rumpeln", berühmt für seine audiovisuellen Live-Performances. Melián nennt ihn einen "unglaublichen Crack am Computer", der etwas besonders Eigenständiges geschaffen habe.

Mit Komponist Ernst Bechert wiederum arbeitet die Sängerin schon seit 1994 zusammen. Nicht nur glichen sie sich in Sachen Humor, "wir ticken auch sonst ähnlich. Da muss man nie viel erklären". Martina Veh schließlich komplettiert als "outside eye" das Ensemble. Ihr obliegt es, das zusammenzuführen, was das "vierköpfige Nervensystem" einzeln erarbeitet und über ein Jahr lang bei regelmäßigen Zoom-Treffen gemeinsam entwickelt hat.

Als Zielgruppe für diesen Kunstgenuss übrigens definiert Cornelia Melián, frei nach Carl Philipp Emanuel Bach: "Kenner und Liebhaber. Alle, die mit offenen Sinnen, Ohren und Augen kommen, sich gerne wundern und überraschen lassen."

"John Cage's Song Books - Music for nervous systems": am Samstag, 18. März, um 19 Uhr im Meta Theater in Moosach. Eintritt frei, Spende erwünscht. Und am Sonntag, 19. März, um 17 Uhr beim Kunstverein Rosenheim, im Rahmen der Ausstellung "Heiliger Bimbam". Der Eintritt kostet hier acht Euro.

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