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Meta Theater in Moosach:Labor für Kreative

Seit 40 Jahren bietet Axel Tangerding in Moosach eine Plattform für internationale, interdisziplinäre Kooperation und Experimente

Von Anja Blum

Seine eigene Profession hat Axel Tangerding angewandt, um einer anderen Leidenschaft Raum zu verschaffen. Hat etwas sehr Stabiles, Dauerhaftes erschaffen, um einem höchst fluiden Geschehen Halt zu geben: das "Meta Theater" in Moosach, das nun bereits seinen 40. Geburtstag feiern kann.

Dessen Erbauer und Leiter, der Architekt Axel Tangerding, stammt aus einer Donauwörther Stahlunternehmerfamilie, der das Kreative jedoch immanent war. Die Mutter Charlotte Tangerding schrieb Gedichte, der früh verstorbene Bruder Götz war Jazzpianist und Komponist, sein Flügel steht heute im Meta Theater. Die Mutter, so erzählt Axel Tangerding, sei auch dafür verantwortlich, dass er mit seinem Lebensprojekt vor 40 Jahren in Moosach gelandet sei: Sie habe als eine Art Mäzenin den großen "Verfremder" Otto Dressler unterstützt, der damals in Moosach lebte, und habe daher den entscheidenden Tipp geben können: die Zwangsversteigerung einer "sauren Wiese" am Ende des Osterangers. Und Tangerding griff zu - schließlich sei die kleine Gemeinde damals schon ein "Hot Spot für Kreative" gewesen: Der Alte Pfarrhof beherbergte in den 70ern etliche Freigeister, unter anderem Vertreter der Gruppe Spur. Künstler seien eben Seismografen, sagt Tangerding, sie spürten, wo das Umfeld gut und neugierig sei, wie in Moosach bis heute. "Da kamen dann ganz viele aus München raus zum Feiern, Diskutieren und die Welt retten", erzählt der 73-jährige Theaterchef - und lässt einen spüren, dass er sich sehr gerne an diese wilden Zeiten erinnert.

40 Jahre Meta Theater Moosach

Das Meta Theater ist ein Kultur-Labor mitten im beschaulichen Moosach.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Überhaupt kann Tangerding immer noch schwärmen von der Aufbruchstimmung, die damals herrschte: Eine "gewaltige Kulturrevolution" - die politischen 68er, der Vietnam-Protest, Woodstock, die Hippies, die sexuelle Revolution, der Feminismus - habe auch das im deutschsprachigen Raum dominierende werktreue Theater erfasst und grundlegend verändert. "Heute ist uns kaum noch präsent, welchen Umbruch die Off-Szene, das Living Theatre, Peter Brook, und all die anderen in Bewegung gesetzt haben und wie sie den politischen Prozess fokussiert haben." Tangerding selbst hatte bereits sein Städtebaustudium in München mit praktischem Theatertraining bereichert, bald suchte er zusammen mit der Tänzerin Ulrike Döpfer und vielen Gleichgesinnten nach einem "Theater der Veränderung", nach neuen körperlichen Ausdrucksformen. Dabei gab es zwei Avantgardisten, die ihre Arbeit stark beeinflussten: Ellen Stewart und ihr "La Mama Theater" in New York, die Tangerding als seine Mentorin bezeichnet, und Jerzy Grotowkis "Teater Laboratorium" in Breslau.

40 Jahre Meta Theater Moosach

Anfangs war das Meta Theater als reines Studio gedacht, nicht als Aufführungsort.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Aus der Perspektive des Architekten wollte ich ein Theaterlabor entwerfen, das den neuen experimentellen Formen als Plattform dienen sollte", so Tangerding. Also schuf er einen Theaterbau, der sich konzeptuell wie ästhetisch auf die Idee des Bauhaus' bezieht mit seiner spezifischen Form der Verschmelzung von Architektur und Handwerk: die Bühne als baulicher Mittelpunkt, aber mit Werkstattcharakter. Auch das Meta Theater war anfangs als reines Studio gedacht, nicht als Aufführungsort. Dank der Unterstützung des Grafinger Vereins "Kulturstudio" und der Ebersberger Redaktion der Süddeutschen Zeitung aber habe sich das schon bald geändert, erzählt Tangerding. Dann wurde in Moosach nicht mehr nur experimentiert und geprobt, sondern vor Publikum gespielt.

40 Jahre Meta Theater Moosach

Als Architekt hat Axel Tangerding das Meta Theater komplett auf eine höchst flexible Doppelnutzung zugeschnitten.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Architektur des Hauses wird getragen von einem Skelett aus - wie könnte es bei Tangerdings Herkunft auch anders sei - Stahl, der Rest ist in Leichtbauweise errichtet. Viel Holz, kaum Beton, Grund für eine hervorragende Akustik. Obwohl das zeitlos ästhetische Gebäude schon immer Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereint - "gegen die Entfremdung", sagt der Hausherr und lacht - gibt es praktisch keine trennenden Wände, die verschiedenen Ebenen und Räume sind über ein offenes Treppenhaus miteinander verbunden. So hat der Erbauer maximale Flexibilität erreicht, bei Bedarf kann der Bühnenkubus beim Spiel in fast alle Richtungen erweitert werden. Stören Geländer oder Lampen, ist mit einem Handgriff umgebaut.

40 Jahre Meta Theater Moosach

Hier kann man wohnen und zugleich kreativ arbeiten.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Tangerdings Ziel ist es seit Beginn, kreativen Menschen zu ermöglichen, sich ohne Vorgaben, Zeit- und Erfolgsdruck auf die Suche zu begeben. Denn er selbst habe bereits als junger Schauspieler erlebt, wie viel dies bewirken könne, sagt er. Kunst brauche Freiraum - das werde in Moosach bis heute gepflegt. Das Meta Theater sei "ein experimentelles grenzüberschreitendes Theaterlabor zur Auslotung und Erweiterung neuer zeitgenössischer Formen, in methodischer, dramaturgischer und ästhetischer Hinsicht". Das Meta Theater arbeitet ausschließlich gemeinnützig, es wird gefördert durch das Kultusministerium, den Bezirk, den Landkreis, die Gemeinde, Stiftungen und Spenden. Die Kommunikation mit den Geldgebern übernimmt ein Verein im Hintergrund.

Das Fest

Ein Jubiläum in schwierigen Zeiten: Ins Innere des Meta Theaters dürfen wegen Corona gerade einmal 26 Gäste, deswegen war geplant, den 40. Geburtstag im Freien rund um das Haus zu feiern. Doch wegen Starkregenprognose mit sinkenden Temperaturen muss das Fest am Samstag, 26. September, in der Mehrzweckhalle stattfinden - mit Registrierung und Begrenzung auf maximal hundert Besucher. Von 17 Uhr an gibt es Musik von der Band "Embryo" und Stelzentheater. Außerdem wird die Festschrift "Meta Theater- Retrospektive und Vision" vorgestellt, die Ende November erscheinen soll. Von 19 Uhr an wird zu Grooves von "Djane Kim" gefeiert, für das leibliche Wohl sorgt ein Foodtruck aus Grafing. Der Eintritt ist frei. Das ursprüngliche Jubiläumsprogramm mit hochkarätigen internationalen Künstlern soll nachgeholt werden, sobald die Umstände dies zulassen. abl

Bereits seit 40 Jahren wird in Moosach international und interdisziplinär kooperiert. Tangerding ist schon immer "fasziniert von der Energie, die freigesetzt wird, wenn Architekten, Maler, Bühnenbildner, Musiker und Regisseure zusammen an einem Projekt arbeiten". Insofern verantwortet das Meta Theater auch regelmäßig eigene Produktionen, die dann um die Welt auf Tour gehen. Tangerding stellt dafür projektweise Teams zusammen, ein festes Ensemble zu gründen sei leider nie geglückt. Unter seiner Regie entstand etwa das mit dem Music-Theatre-Now-Award ausgezeichnete Stück "Musicophilia" nach Oliver Sacks' Bestseller über Gehirn und Musik, das international Beachtung fand, sowohl in Europa als auch in China, Finnland, der Ukraine, Kanada und den USA. Aber auch die Bandbreite, die die Bühne ihrem Publikum in Moosach bietet, ist riesig:

Das Programm setzt sich zusammen aus Konzerten diverser Couleur, Tanztheater, Performances, Lesungen und ganz vielem irgendwo dazwischen. Als einer der wenigen Spielorte in Europa pflegt das Meta Theater explizit auch die Begegnung mit außereuropäischen Theatertraditionen, setzt den Fokus Theateranthropolgie: Tangerding holt die große weite Welt in die kleine Gemeinde, lädt mongolische Gruppen, georgische Künstler und japanische Nô-Meister ein.

Für sein interkulturelles Engagement und seine Verdienste um kulturelle Vermittlung erhielt Axel Tangerding bereits zahlreiche Auszeichnungen. Darunter 2002 das Bundesverdienstkreuz, 2012 den Tassilo-Preis der Süddeutschen Zeitung und 2016 eine Ehrung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Doch er betont: Um der Kreativität den nötigen Freiraum zu verschaffen, sind vor allem Geld, Zeit und eine gewisse Risikobereitschaft vonnöten. Insofern betrachtet Tangerding den Zustand der Freien Szene zunehmend kritisch. "Was diese eint? Mangel und Neid", sagt er und lacht bitter. Denn an der prekären Arbeitssituation der Akteure habe sich auch in einer wirtschaftlich florierenden Epoche wenig geändert, ganz im Gegenteil. Gerade durch das bei der Kulturpolitik beliebte Modell der Projektförderung - anstatt unabhängiger Zuschüsse - entstehe ein sehr hoher Produktionsdruck. "Diesbezüglich beobachte ich mit Sorge, wie sich die Probenzeiten dramatisch verkürzen, die Anzahl der Neuproduktionen steigt und kaum noch Zeit für kontinuierliche künstlerische Prozesse bleibt." Dabei sei Kunst doch mitnichten ein Produkt, sondern eben ein Gegenpol zur Welt des Konsums, der keinesfalls verloren gehen dürfe, so der Theaterchef.

Eine Einstellung, die sich bei Tangerding heute mehr denn je in kulturpolitischem Engagement äußert. So ist der er zum Beispiel Vorstand im Deutschen Kulturrat und bei EAIPA, einem internationalen Netzwerk für zeitgenössische Darstellende Kunst. "Das ist ein Dachverband, der etwa eine Million freischaffende in Europa vertritt", erklärt Tangerding. Und gerade in Zeiten wie diesen sei Lobbyarbeit extrem wichtig: "Wir werden uns noch die Augen reiben, was es nächstes Jahr wegen Corona alles nicht mehr geben wird", so seine düstere Prophezeiung.

Und wie wird es mit dem Meta Theater weitergehen? Schließlich zählt sein Leiter, obgleich erstaunlich agil, nicht mehr zu den Jüngsten. Eine zeitliche Grenze habe er sich nicht gesetzt, sagt Tangerding - klar, die Bühne ist sein Lebenswerk. Zudem hat er Unterstützung von seiner Lebensgefährtin, der Sängerin Cornelia Meilán, die seit zehn Jahren ebenfalls im Theater lebt. Darüber hinaus macht Hoffnung, was Axel Tangerding über seine beiden Kinder erzählt: Sohn Jonas ist bildender Künstler, Tochter Tabea Dramaturgin und bereits am Projekt Meta Theater beteiligt. Die Leidenschaft des Vaters wirkt also offenbar weiter, so dass sein Wunsch - dass das Meta Theater auch zukünftigen Generationen künstlerisch Forschender eine Plattform zur Erprobung unbekannter Arbeits- und Ausdrucksformate bieten möge - durchaus in Erfüllung gehen könnte.

© SZ vom 24.09.2020

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