Es ist ein Auto, wie es Filmstars fuhren. Sophia Loren hatte einen, Romy Schneider ebenso, auch Clark Gable setzte sich gern hinters Steuer seines Mercedes 300 SL. So ein Auto, denkt man, kann einem vielleicht auf kurvigen Küstenstraßen in Monaco, dem Boulevard de la Croisette in Cannes, vielleicht auch auf dem Rodeo Drive in Beverly Hills begegnen – aber in einer schlichten Schlosserei im Industriegebiet von Markt Schwaben? Und trotzdem steht er da, in seiner klassischen Schönheit, puderblau, chromglänzende Radkappen und Stoßstangen, autogewordene Perfektion.

Oder?
Johannes Viktor, schwarzes Polohemd, eckige Brille, freundliches Lächeln, deutet auf eine Stelle am Heck. Tatsächlich, ein stumpfer Fleck im glänzenden Lack. Auch sonst findet, wer ganz genau hinschaut, ein paar Wölkchen im Blau, haarfeine Kratzer, die dem Besitzer eines, sagen wir, Opel Corsa sicher nicht in Aufregung versetzen würden, aber die den Eigentümer dieses historischen Klassikers einfach stören, zumal eine größere Ausfahrt ansteht. „Er möchte einfach, dass er picobello ausschaut“, sagt Johannes Viktor. Dieses Ziel zu erreichen und den etwa 60 Jahre alten Sportwagen wieder rundum zum Glänzen zu bringen, ist nun seine Aufgabe. Der 24-Jährige hat neben seinem Maschinenbau-Studium an der TU München eine Firma für Fahrzeugaufbereitung aufgebaut. Dass ihm ein Wagen wie dieser anvertraut wird, macht ihn durchaus stolz.


Denn der Mercedes schaut nicht nur wunderschön aus, er ist auch sehr wertvoll. Eine Million Euro wird für so einen Wagen schon mal gezahlt, wie Viktor erzählt. Hätte er noch die berühmten Flügeltüren, die sich nach oben öffnen lassen, würde auch diese Grenze locker überschritten. Oldtimer im Wert zwischen 100 000 und 200 000 Euro habe er schon bearbeitet, sagt der 24-Jährige: „Aber siebenstellig war’s bisher nicht.“ Entsprechend hat er sich vorher noch mal ganz genau erkundigt, ob seine Versicherung ein Missgeschick bei einem solchen Wagen abdecken würde.
Bei Weitem nicht alle Autos, die der junge Markt Schwabener wieder auf Hochglanz bringt, sind in dieser Kategorie angesiedelt. Er kümmert sich beispielsweise um Leasingrückläufer, die in gutem Zustand übergeben werden müssen, oder pflegt Autos für Besitzer mit hohen Ansprüchen. Nicht immer sind die Aufgaben angenehm, der junge Firmeninhaber weiß zum Beispiel auch, wie man Autos, in denen es Kindern schlecht geworden ist, wieder frisch macht. Etwa 30 Autos im Jahr bearbeitet er in der Halle einer Schlosserei, die er abends und an den Wochenenden nutzen darf. Weil das neben dem Studium und seinen Praxiseinsätzen bei BMW, wo er ein Stipendium erhalten hat, ganz schön viel wird, hat er inzwischen sogar schon einen Minijobber eingestellt. Richtig Urlaub, sagt Johannes Viktor, habe er aber seit Jahren schon nicht mehr gemacht.
Zu viel Lack darf keinesfalls abpoliert werden
Ein Grund zum Jammern ist das freilich für ihn nicht, schließlich sind Autos seine Leidenschaft. Das liege bei ihm in der Familie, sagt er und lacht. Auch in der Garage seiner Eltern steht ein Oldtimer, ein Mercedes-Benz 280 SL Pagode, Baujahr 1969. Sein Bruder wurde Automobilverkäufer, die Großeltern haben schon angekündigt, dass sie unbedingt den Mercedes 300 SL besuchen und bestaunen kommen wollen.
Gelernt hat Johannes Viktor sein Handwerk bei einer Autoaufbereitung in Ismaning, wo er sein Vorpraktikum absolviert hat und dann einfach geblieben ist. Vor eineinhalb Jahren hat der junge Markt Schwabener sich dann selbst alle nötigen Maschinen und Arbeitsmaterialien beschafft und seine eigene Firma angemeldet. Über ein Gewinnspiel, bei dem der Hauptpreis eine dreimonatige Nutzung eines historischen Fahrzeugs war, kam der Markt Schwabener mit den Oldtimerfreunden in Kontakt. Er wurde selbst Mitglied und berichtete bei einem Vereinsabend einmal über seinen Job – mit positiven Folgen für sein Auftragsbuch.
Eine Aufgabe wie die Aufbereitung des historischen Mercedes beginnt mit einer Bestandsaufnahme und einer Messung der Lackdicke; das soll verhindern, dass beim Polieren zu viel vom Lack entfernt wird. Zwar geht es nur um wenige Mikrometer – ein Mikrometer ist ein tausendstel Millimeter –, doch nicht nur bei einem Oldtimer wie diesem will man selbstverständlich vermeiden, dass plötzlich die Grundierung zum Vorschein kommt. Sind alle Teile, die nicht lackiert sind, gut abgeklebt und geschützt, folgt die Politur und schließlich die Keramikversiegelung, die den Wagen wieder dauerhaft schützt. Wie Perlen liegen Regentropfen auf der Schicht; Johannes Viktor hat es mal ausprobiert und seinen Firmennamen mit Wassertropfen auf den Lack geschrieben.
Am Ende wird Johannes Viktor 20 Stunden mit dem Schmuckstück in seiner Werkstatt verbracht haben, an einem Tag hat er um halb zehn Uhr morgens angefangen und erst kurz vor Mitternacht die Werkstatt zugesperrt. Inzwischen hat der Besitzer den Wagen wieder, glänzend, perfekt und ohne die kleinste Macke – bereit für selbst die schönsten Straßen der Welt.

