Wer erwartet hatte, die Teilnehmer einer FDP-Kreisversammlung, die Parteibasis also, würden angesichts ernüchternder Umfragewerte und enttäuschender Ergebnisse bei den jüngsten Landtagswahlen einen gewissen Unmut äußern, der sah sich am Donnerstagabend getäuscht. In der Poinger Einkehr, wo sich 22 Stimmberechtigte des Stimmkreises Ebersberg versammelt hatten, um ihre Kandidaten für die 2023 anstehenden Land- und Bezirkstagswahlen zu küren, musste man schon genau hinhören, wenn man fundamentale Kritik an der Bundespartei herausfiltern wollte. Wenn überhaupt, dann bemaß sich eine gewisse Distanz vielleicht daran, wie oft der Name des Bundesvorsitzenden und amtierenden Bundesfinanzministers Christian Lindner erwähnt wurde: Gar nicht. Zumindest jedenfalls nicht so laut, dass ihn alle Anwesenden gehört hätten.
"Ich kann nicht verstehen, wieso Söder schon wieder so gute Ergebnisse hat", sagte Susanne Markmiller
Erwähnt wurde stattdessen der bayerische Ministerpräsident und CSU-Landesvorsitzende. "Ich kann nicht verstehen, wieso Söder schon wieder so gute Ergebnisse hat", sagte die Kreisvorsitzende der Liberalen Susanne Markmiller. Vielleicht taten diese Worte ja das ihre dazu, die Anwesenden in energischer Einstimmigkeit für die vorgeschlagenen vier Kandidaten stimmen zu lassen. Ohne Gegenrede nominierte die Versammlung Marc Salih aus Poing und Martin Hagen aus Vaterstetten als Spitzen- und Listenkandidaten für die Landtagswahl, genauso wie den Glonner Ortsvorsitzenden Frank Hansen und André Schreiber, Schatzmeister der FDP in Vaterstetten, als Erst- und Zweitstimmenkandidaten für die Wahlen zum Bezirkstag.
Der 48-jährige Salih, der mit seiner Partnerin in Poing lebt, war dort schon zur Kommunalwahl 2020 als Bürgermeisterkandidat und Stimmkreiskandidat zur Bundestagswahl 2021 angetreten. Nun hofft er als Spitzenkandidat im Stimmkreis auf abtrünnige CSU-Wähler. "Wenn da einer liest Polizeioberkommissar, könnte das für wechselwillige CSU-Wähler den Ausschlag geben", erklärte er. Und dann warf er noch einen Blick auf die bundespolitische Bühne: Er sei heilfroh, dass die Entscheidung für die verlängerte Laufzeit der drei Atomkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 nun gefallen sei.
Eine Entscheidung, die nur der Hartnäckigkeit der FDP in der Bundesregierung zu verdanken sei, erklärte anschließend der Landesvorsitzende Martin Hagen. In dem 41-Jährigen, der seit sieben Jahren in Baldham zu Hause ist, hätte die Versammlung durchaus einen direkten Ansprechpartner für Kritik oder auch Verbesserungsvorschläge in Sachen Bundespolitik gehabt. Der bayerische Landesvorsitzende der Liberalen und Fraktionsvorsitzende im Landtag ist Mitglied im Bundesvorstand und war an den Verhandlungen für die Ampelkoalition beteiligt - auch also an den Debatten über ein Tempolimit, das nach allen Umfragen inzwischen von einer Mehrheit der Deutschen befürwortet wird. Die Parteispitze um Christian Lindner hatte sich klar dagegen positioniert und einmal mehr Meinungsverschiedenheiten mit dem grünen Koalitionspartner in Kauf genommen - ebenso wie der Streit um die Atomkraft eine stark ideologisch geprägte Kontroverse. Aus den Reihen der Landkreisliberalen war jedenfalls zu vernehmen, dass sich auch in der FDP wohl inzwischen eine Mehrheit für ein Tempolimit finden würde. Damit im kleinen Kreise konfrontiert erklärte Hagen, in diesem Punkt "maximal leidenschaftslos" zu sein.
"Ich sammle hier im Landkreis die Zweitstimmen ein", kündigte Martin Hagen an
Hagen, der als Direktkandidat für den Stimmkreis Rosenheim-Ost und Spitzenkandidat die FDP 2018 zurück in den Bayerischen Landtag geführt hatte, kandidiert für den Landkreis Ebersberg auf dem ersten Platz der Landesliste. Er habe angesichts seiner Position in der Partei zu viele überregionale Termine, um im Rahmen des Wahlkampfs ausreichend Präsenz im seinem Stimmkreis zeigen zu können, erklärte der Vater von zwei Töchtern. Die Spitzenkandidatur sei daher bei Salih sehr gut aufgehoben, "ich sammle dann hier im Landkreis die Zweitstimmen ein", kündigte er an.
Hagen sparte jedenfalls nicht mit Kritik am politischen Gegner, den er in Bayern praktischerweise klar jenseits der Koalitionspartner auf Bundesebene verorten konnte. Ein Wirtschaftsminister - Hubert Aiwanger (FW) -, der seine Kompetenzen eher in regionalen Wirtschaftskreisläufen habe, könne den Herausforderungen eines High-Tech-Standorts wie Bayern mit allein acht Dax-Unternehmen wohl kaum gerecht werden. Die bisher gepflegte Verweigerungshaltung der bayerischen Staatsregierung im Hinblick auf den Ausbau von Stromtrassen, Pumpspeichern und Windrädern schade unmittelbar "unserer Industrie". Und die Kompetenz bayerischer Unternehmen im digitalen Bereich werde von der bayerischen Staatsregierung überhaupt nicht gefördert - bestes Beispiel sei die mangelnde digitale Ausstattung der Schulen, wie die Corona-Zeit gezeigt habe. Und dann nahm er sich anlässlich des fortdauernden Lehrermangels auch noch das ebenfalls von den Freien Wählern geführte bayerische Kultusministerium vor, wo man es "über eine ganze Legislaturperiode" nicht hingekriegt habe, "eine Lehrerbedarfsplanung zu machen".
Ein bisschen intern Kritik - wenn auch in einen Scherz verpackt - gab es dann noch an einer Stelle - an der rein männlich zusammen gesetzten Kandidatenriege für die Landtag- und Bezirkstagswahlen nämlich. Es habe ja keine Frau kandidiert, so die Gegenrede.
