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Markt Schwabener Sonntagsbegegnungen:Scharfzüngig und mitfühlend

Sonntagsbegegnung Markt Schwaben, Gedächtnislesung für Hans-Jochen Vogel; vordere Reihe, von links: Bernhard Winter, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Rita Süßmuth, Ursula Männle; hinten von: Alois Glück, Renate Schmidt, Bernhard Vogel, Joachim Herrmann

Politprominenz bei der Gedächtnisveranstaltung für Hans-Jochen Vogel in Markt Schwaben: Gastgeber Bernhard Winter mit Alois Glück, Renate Schmidt, Bernhard Vogel, Joachim Herrmann, Ursula Männle, Rita Süssmuth, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (von links im Uhrzeigersinn).

(Foto: Franziska Langhammer)

Weggefährten, Familienmitglieder und Schüler erinnern in einer Gedächtnislesung an den 2020 verstorbenen SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel

Von Franziska Langhammer, Markt Schwaben

Noch spät saß sie an diesem denkwürdigen Abend in ihrem Bonner Büro, in trister Verfassung, erinnert sich Rita Süssmuth, die damals Präsidentin des Deutschen Bundestags war. Der Vorwurf, ihren Dienstwagen auch privat gebraucht zu haben, hatte sich Anfang 1991 zu einem großen Skandal aufgebauscht. "Ich dachte, morgen ist's zu Ende", erzählt die CDU-Frau. Plötzlich klopfte es an der Tür. "Herein kam Hans-Jochen Vogel", so Süssmuth. Er, ein SPDler durch und durch, spricht mit ihr, einer Politikerin von der Union, redet ihr gut zu und rät: "Bleiben Sie! Halten Sie durch. Diese Widerstände haben wir schon alle erlebt." Und tatsächlich geht es weiter. "Ich habe damals überleben können", formuliert es Rita Süssmuth, "aber nie werde ich diese Situation vergessen."

Dass viele seiner Weggefährten Hans-Jochen Vogel in eindrücklicher Erinnerung behalten, dass er Spuren bei ihnen hinterlassen hat, zeigt eine Gedenkveranstaltung am Sonntag im Gymnasium Markt Schwaben. Fast drei Stunden lang erinnern ehemalige und aktive Spitzenpolitiker, renommierte Mediziner, Familienmitglieder, aber auch Schüler und Studierende an den SPD-Politiker, der im Juli 2020 im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Die Gedächtnislesung findet im Rahmen der von Bernhard Winter organisierten Sonntagsbegegnungen statt - eine Veranstaltungsreihe, bei der Vogel immer wieder mitgewirkt hat. Mehr als 25 Mal, sagt Bernhard Winter, selbst ein enger Freund des Verstorbenen, hat Vogel an den Begegnungen teilgenommen oder ihnen beigewohnt.

Im Gymnasium Markt Schwaben erinnern ehemalige und aktive Spitzenpolitiker, Mediziner, Familienmitglieder, sowie Schüler und Studierende an den SPD-Politiker Vogel, der im Juli 2020 im Alter von 94 Jahren gestorben ist.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Wo anfangen bei der Lebensgeschichte eines Mannes, der Bürgermeister sowohl von München als auch Berlin war, SPD-Chef, Bundesminister in verschiedenen Bereichen? Der maßgeblich an der Münchner Stadtentwicklung beteiligt war, und der als Justizminister den Deutschen Herbst 1977 miterlebte? Wie Mosaiksteine sollen sich die Erzählungen der Anwesenden zu einem facettenreichen Gesamtbild des Verstorbenen fügen.

Manche Geschichten verleiten zum Schmunzeln, etwa die von Helmut Hintereder, dem Leiter der Polizeiinspektion Poing, der unverhofft bei einer der Sonntagsbegegnungen im Jahr 2015 damit beauftragt wird, sich um die Beförderung des Ehepaars Vogel zum Gasthaus zu kümmern. Kurzerhand werden die Vogels in den Fiat Punto der Hintereders gesetzt - "zum Glück ein Viertürer", so der Polizeichef. Die Vogels seien begeistert gewesen, auch vom Auto. Karl-Walter Jauch, der lange die Münchner Universitätskliniken geleitet hat, weiß von seiner ersten Begegnung mit Hans-Jochen Vogel in der Notaufnahme zu berichten. Vogel fragt Jauch, ob er derjenige sei, von dem er immer die Rechnungen bekomme - die letzte nämlich, die sei falsch gewesen. Jauch räumt ein, dies selbstverständlich nachzuprüfen, da beschwichtigt Vogel: "Es ist jetzt schon bezahlt - aber sorgen Sie dafür, dass die Rechnungen in Zukunft stimmen."

Scharfzüngig, aber mitfühlend, streng mit sich und anderen, aber immer auch auf ein Miteinander bedacht, so beschreiben die Erzählenden Hans-Jochen Vogel. Auf seine tiefe Verankerung im christlichen Denken macht Alois Glück, ehemaliger Präsident des Bayerischen Landtags, aufmerksam: "Der Glaube galt ihm als Richtschnur für sein Leben." Besonders beeindruckend ist ein Zeitungsinterview, aus dem der ehemalige Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä zitiert. Vogel erzählt darin von den Olympischen Spielen 1972, die nicht zuletzt auf sein Betreiben hin in München stattfanden. Elf israelische Sportler und ein Polizist wurden damals von palästinensischen Terroristen ermordet. Vogel fliegt mit zurück nach Israel und wohnt den Trauerveranstaltungen dort bei. "Diese Stunden gehören zu den Dingen, die man sein Leben lang nicht vergisst", sagt er in dem Interview.

Im Jahr 2015 war Hans-Jochen Vogel zuletzt bei den Sonntagsbegegnungen in Markt Schwaben, hier im Bild mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Auch Hans-Jochen Vogel selbst kommt an diesem Sonntagmittag zu Wort. Es werden Tonaufnahmen von ihm eingespielt, außerdem lesen Schüler und Studierende aus Büchern und Interview vor. Sein Bruder Bernhard Vogel, der in der ersten Reihe Platz gefunden hat, resümiert, dass es sich lohnt, das ganze Leben in den Dienst des demokratischen Gemeinwesens zu stellen, und bekräftigt den Wunsch des Verstorbenen: dass man sich politisch engagiere. Mit einem Augenzwinkern erzählt er, seines Zeichens CDU-Politiker und ehemaliger Ministerpräsident in zwei Bundesländern, von den Diskussionen mit seinem Bruder: "Bis zum Schluss war jeder überzeugt, der andere sei eigentlich in der falschen Partei."

Sabine Köhler, die Tochter von Hans-Jochen Vogel, fasst die Stimmung so zusammen: "Mein Vater ist doch irgendwie auch anwesend." Er würde sich sicher sehr freuen. Aber, fügt sie verschmitzt hinzu: "Er würde auch sagen: Das gehört sich schon so."

© SZ vom 07.06.2021
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