Die Hose des Chefs hat einen langen Riss. Ob Michael Siegert das selbst bemerkt hat? Vermutlich schon, doch um solche Nebensächlichkeiten dürfte er sich an diesem Nachmittag am Kirchweiher in Markt Schwaben kaum kümmern. Zu viele andere, dringendere Aufgaben warten auf ihn, den Vorsitzenden des Theatervereins: Absperrgitter aufstellen, Bühnenarbeiten koordinieren, kalte Getränke gegen die Hitze verteilen, Pressegespräch führen. Danach steht die erste Hauptprobe an. Die am Vortag musste wegen Regens abgebrochen werden. „Sonst würden die Mikros kaputtgehen“, erklärt Siegert.
Bald feiern die „Weiherspiele“ 2026 Premiere – danach wird den ganzen Juli über gespielt, insgesamt 17 Vorstellungen. Und Siegert ist mitnichten der Einzige, der in diesen Tagen alle Hände voll zu tun hat. 80 Aktive zählt der Theaterverein, sie alle tragen auf die eine oder andere Weise zum Gelingen der Aufführungen bei. Hinzu kommen Betriebe wie Zimmereien, Veranstaltungstechniker, Kulissenmaler sowie zahlreiche Helfer aus dem Ort, von anderen Vereinen oder aus der Lokalpolitik. Denn diese Freiluftspiele am Kirchweiher sind ein Projekt mit immensem Aufwand. Seit nunmehr 42 Jahren schon.

Das liegt zunächst an dem ungewöhnlichen Spielort: Jeden Sommer verwandelt sich ein idyllischer Weiher mitten im Ort in eine Theaterkulisse. Deren Herzstück ist eine schwimmende Bühne, die jedes Mal neu konstruiert und aufgebaut wird. „Eineinhalb Monate haben wir geschuftet und geschwitzt“, sagt Siegert.
Zunächst rammen die Theaterleute rund 150 Holzpfähle in den Seegrund, an denen sie dann große Schwimmpontons befestigen. Diese bilden das Fundament für die Kulisse, die jedes Jahr neu entworfen wird, passend zum jeweiligen Stück. Heuer umfasst sie zwei Bühnenflächen mit drei Gebäuden darauf, das höchste davon, eine Nachbildung der Oper in München, ragt fast neun Meter in die Höhe. Hinzu kommen drei Brücken.

Wer nun allerdings glaubt, die Bühne würde schwanken, der irrt sich. Alles ist derart fest verankert und vertäut, dass beim Gang durch die Kulissen überhaupt nichts wackelt. Die Gebäude bestehen aus Baugerüsten, die Fassaden aus festen, kunstvoll bemalten Leinwänden. Und an diesem Nachmittag wird jede Minute am Weiher genutzt: Während das Kindertheater probt, überprüft die Technik den Sound, Bühnenarbeiter verschrauben letzte Teile. Doch nicht nur die Spielstätte muss aufgebaut werden, sondern auch das ganze Drumherum: Buden für die Gastronomie, ein kleiner Biergarten, Toiletten, eine Lärmschutzwand, die die Nachbarschaft vor allzu viel Theaterlärm schützen soll. Hier bleibt nichts dem Zufall überlassen.
Das gilt erst recht für die kreative Seite der Weiherspiele: Wieder hat Regisseur Ferdinand Maurer eine eigene Fassung eines beliebten Stücks geschrieben und zusammen mit Christian Jäger sogar Lieder dazu komponiert. „Die Brezn-Madame“ ist eine musikalische Komödie, die auf der britischen Gesellschaftssatire „Pygmalion“ von Bernard Shaw basiert. Vielen dürfte das Stück jedoch vor allem durch das Musical „My fair Lady“ und dessen Verfilmung bekannt sein. Die Geschichte spielt Anfang des 20. Jahrhunderts und erzählt von einem selbstverliebten Professor, der wettet, eine ordinäre Verkäuferin allein durch seinen Unterricht in Artikulation, Grammatik und Etikette unerkannt in die gehobene Gesellschaft einzuführen.

„Das ist ein Plot, der unglaublich viel hergibt“, sagt Maurer. „Oberschicht, Unterschicht, was ist echt, was bloß Fassade? Das sind doch lauter zeitlose Themen!“ Deshalb verstehe er gar nicht, warum das Stück bislang niemand entstaubt und neu auf die Bühne gebracht habe. Auch auf dem Markt Schwabener Weiher soll aus einem Mädchen aus der Gosse eine vornehme Gräfin werden, Maurer verlegt das Geschehen jedoch von London nach München: Feinstes Hochdeutsch trifft auf derben bairischen Dialekt – Schimpfwörter inklusive. So manchem wird bei Ausdrücken wie „bläde Gläzn“ oder „Loamsiada“ vermutlich das Herz aufgehen.
Doch das Stück punktet nicht nur mit Lokalkolorit – „Kauderwelsch aus Kolbermoor!“, „Pralinen vom Dallmayr!“ – sondern auch mit reichlich Situationskomik. Denn natürlich gibt es rund um die vorlaute Brezn-Madame, eine fliegende Verkäuferin garantiert frischer Backwaren, allerhand Missverständnisse, überraschende Wendungen und große Gefühle. Wie immer bieten die Weiherspiele einen unterhaltsamen Theaterabend.

Nicht umsonst zählen die Weiherspiele zu den größten kulturellen Veranstaltungen im Münchner Osten und locken stets Hunderte Besucher an. Dementsprechend groß ist auch das Budget: Die Kosten für das sommerliche Spektakel beziffert Siegert auf 150 bis 180 000 Euro. Aufbringen muss der Verein diese Summe über Eintrittsgelder, Fördermittel und Sponsoren. Der Vorverkauf jedoch stimmt das Team optimistisch: Bei allen Vorführungen sei schon etwa die Hälfte der rund 80 Plätze belegt. Es spricht also wenig dafür, als würde das Publikum den Weiherspielen eine Verschnaufpause im vergangenen Jahr übel nehmen.
Fest steht: Dem Verein ist ein erfolgreicher Generationenwechsel gelungen: Das Open-Air-Theater wird inzwischen von einem vergleichsweise jungen Team und zahlreichen engagierten Mitwirkenden getragen. „Wir konnten die vielen Aufgaben diesmal wirklich gut verteilen“, sagt Siegert. Neu ist zum Beispiel Tamara McAboy als Chef-Choreografin. Und Christa Hermannsgabner kann sich voll auf ihre Verantwortung für die Kostüme und ihre Rolle als resolute Wirtin konzentrieren, weil sie das Kindertheater in neue Hände übergeben konnte.


So langsam versinkt die Sonne hinter den Bäumen. Das Vogelgezwitscher wird abgelöst vom Quaken der Frösche, als wollten die Tiere einstimmen in den Chor auf der Bühne. Glühwürmchen tanzen durchs Gebüsch, während die Weiherspiele ihren ganz eigenen bunten Zauber verströmen. Theater lebt ja auch von Illusionen. Die Leidenschaft allerdings, die in dieser Seebühne steckt, die ist zweifelsohne echt.
„Weiherspiele“ in Markt Schwaben am Schloßplatz 1: „Die Brezn-Madame“ wird gespielt von 3. Juli bis 1. August, einen Krimi für Kinder gibt’s am Samstag/Sonntag, 11./12. Juli. Am Mittwoch, 15. Juli, ist Kabarettist Django Asül auf der Seebühne zu Gast, am Sonntag, 26. Juli, gibt die Sarré Musikakademie ein Konzert für die ganze Familie: „Broadway meets Opera – Von Märchenwald bis Nimmerland“. Karten und alle Informationen gibt es online unter www.theater-marktschwaben.de oder im Vorverkaufsbüro am Schloßplatz, geöffnet jeden Mittwoch und Freitag zwischen 16 und 18 Uhr.

