Es gibt so einige Parallelen zwischen Bernhard Winter und Hans-Jochen Vogel, der eine, ehemaliger Markt Schwabener SPD-Bürgermeister und Erfinder der Schwabener Sonntagsbegegnungen, der andere deren Schirmherr bis zu seinem Tod im Jahr 2020, häufigster Gast Winters im Bürgersaal des Unterbräus und langjähriger Freund. Eine davon ist sicherlich die Disziplin – bei Vogel, dem in seinen Jahrzehnten als Minister, Regierender Bürgermeister von Berlin, Oberbürgermeister von München, SPD-Vorsitzender, Bundesminister und SPD-Kanzlerkandidat so häufig als „Oberlehrer“ Gescholtenen, mehr als augenfällig. Und sicher nicht von ungefähr ließ es sich Winter in seinen einleitenden Worten zur 125. und allerletzten Sonntagsbegegnung nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass es sich ja auch bei diesem Gesprächsformat immer um eine „disziplinierte Veranstaltung“ gehandelt habe.

Zwei Minuten Redezeit für ihn, den Gastgeber, der Rest für seine Gäste, normalerweise nicht mehr als eineinhalb Stunden insgesamt. Dass es dieses eine Mal nicht ganz bei diesen strengen Vorgaben bleiben konnte, war dem Anlass geschuldet, nicht nur, weil die Sonntagsbegegnung die letzte ihrer Art war, sondern weil der große alte Mann der SPD am bevorstehenden 3. Februar 100 Jahre alt geworden wäre.
Und so schlossen sich an diesem Hans-Jochen Vogel gewidmeten Sonntagvormittag gleich mehrere Kreise. Dass die Redner, die an ihn erinnerten, aus allen möglichen Bereichen kamen – und bei Weitem nicht nur aus der SPD –, entsprach nicht nur dem Geist der Veranstaltungsreihe, von Winter 1992 ins Leben gerufen, sondern auch der Überzeugung des Geehrten. Es müsse ein Miteinander im Diskurs, eine direkte Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Meinungen geben, um eine friedliche und demokratische Gesellschaft zu bewahren. Oder, wie Bayerns CSU-Innenminister Joachim Herrmann seinen früheren Parteikontrahenten zitierte: „Wenn es darauf ankommt, ist die Verbindung der Demokraten wichtiger als die Gegensätze.“

45 Vortragende alles in allem hatte Winter in den Saal gebeten, darunter auch Schülerinnen und Schüler der örtlichen Lena-Christ-Realschule. Einige der Redner lud Winter auch auf die Bühne ein - wie Innenminister Herrmann, den früheren Landesbischof der evangelischen Kirche in Bayern und Vorsitzenden des Zentralausschusses des ökumenischen Rats der Kirchen, Heinrich Bedford-Strohm, den ehemaligen SPD-Bundesminister Rudolf Scharping, den SZ-Journalisten Heribert Prantl oder den Münchner Alt-Oberbürgermeister Christian Ude.
Andere wie die frühere CSU-Ministerin Christa Stewens, Franz Maget, ehemaliger SPD-Landtagsvizepräsident, Christiane Rapp, Direktorin der Münchner Seniorenresidenz Augustinum, wo Vogel und seine Frau Liselotte ihre letzten 14 Jahre lebten, saßen im Publikum. Als Mosaiksteine für das Bild, das von Vogel entworfen werden sollte, hatten sie jeweils zwei Minuten – Disziplin! – um mit Anekdoten, Erzählungen oder auch Danksagungen an Vogel zu erinnern.

Für die Stiftung Pfennigparade dankte deren heutiger Vorsitzender dem damaligen Münchner Oberbürgermeister posthum für das Grundstück direkt neben dem Schwabinger Klinikum, das dem Verein zu Beginn der Sechzigerjahre zur Verfügung gestellt werden konnte. Bis heute kümmert sich die Pfennigparade um Menschen mit Beeinträchtigungen. Gerechtigkeit, in einem sozialdemokratischen aber auch besten christlichen Sinne, das war denn auch den Redebeiträgen von Heinrich Bedford-Strohm und Rudolf Scharping zu entnehmen, hat Vogel sein Leben lang angetrieben.
Von ganzem Herzen sei es ihm um Gerechtigkeit gegangen, erzählte der evangelische Landesbischof, das sei spürbar gewesen und das war es, was „die Menschen ihm abnahmen“. So habe er auch an seiner eigenen Kirche gelitten, etwa daran, dass Geschiedene nicht zur Kommunion gehen durften. Wie er wohl auf die aktuelle Politik und Politiker reagieren würde, die das Christentum im Munde führten und zugleich für Mord, Gewalt und Ausgrenzung verantwortlich seien, fragte Bedford-Strohm. Ob ein russischer oder ein amerikanischer Präsident dieser Tage – keiner fände wohl Gnade vor Vogels Augen. „Seine glaubwürdige Orientierung an christlichen Werten bleibt Vorbild.“

Rudolf Scharping erinnerte daran, wie Vogel als ganz junger Münchner Oberbürgermeister – 1960 mit 34 Jahren wurde er ins Amt gewählt – die Akademie Tutzing zu einer Gedenkveranstaltung an den 20. Juli 1944, das gescheiterte militärische Attentat auf Adolf Hitler, einlud. „Ganz und gar ungewöhnlich“ sei das gewesen. Noch bei seinem Ausscheiden aus dem Bundestag habe Vogel zum einen dazu gemahnt, nicht die zu vergessen, die in der Mitte unserer Gesellschaft im Schatten stünden und zum anderen, „beim Kampf gegen den Rechtsextremismus zusammenzuhalten“.
Aber auch die andere, die selbstironische und manchmal auch komische Seite eines Menschen, der so ernsthaft in seinen Überzeugungen ist, wie es Hans-Jochen Vogel war, sollte an diesem Vormittag nicht zu kurz kommen. So habe er einmal in einem Flugzeug darauf bestanden, den für ihn reservierten Sitzplatz in der Economy-Class einzunehmen und nicht das Upgrade in der Business-Class, erzählte Vogels Parteifreund Franz Maget. Eine Auseinandersetzung, in der Vogel „mehrmals die Gesichtsfarbe gewechselt“ und sich am Ende mit dem Kommentar „geht doch“ auf seinen Platz gesetzt habe.
SZ-Journalist Prantl berichtete von seiner ersten Begegnung mit Vogel, in einem „Elysium“ genannten Separee im Münchner Ratskeller –zu dem er, damals ein junger Schreiber, eine Viertelstunde zu spät gekommen sei und den Kopf gewaschen bekommen habe. Nicht nur wegen seiner Disziplinlosigkeit, sondern auch wegen einiger journalistischer Auslassungen Prantls in der SZ. Vogel konnte sich das leisten, er war einer, wie Joachim Herrmann hervorhob, „der etwas zu sagen“ hatte.


