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Markt Schwaben:Der Wirt vom Oberbräu: Was für ein Verlust

Oberbräu Markt Schwaben

Raphael Brandes, seit 2010 Wirt des Oberbräu, hat die Gaststätte für einen letzten Rundgang aufgesperrt. Ein Nachfolger ist derzeit nicht in Sicht.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Raphael Brandes aus Markt Schwaben hat innerhalb weniger Monate eine Bürgermeisterwahl, 35 Kilo Gewicht und ein Wirtshaus verloren. Und sagt: "Das war alles ziemlich genau so einkalkuliert."

Die Geschichte des Verlusts beginnt im August 2019 in einem Restaurant am Tegernsee. Und mit der Frage aller Fragen: Kannst du mir mal Salz und Pfeffer rüber geben? Raphael Brandes bemühte sich redlich, den Wunsch seines Spezls zu erfüllen. Doch da war etwas im Weg. "Ich bin wegen meiner Masse nicht hingekommen", erzählt er. Trotz der besseren Position am Tisch. Also stand sein Spezl Marco vom Stuhl auf und holte sich die beiden Würzstreuer selbst. Es war der Moment, in dem Raphael Brandes einen Entschluss fasste. "Junge, du musst etwas verändern."

Raphael Brandes ist 45 Jahre alt und hat die vielleicht intensivsten Monate seines Lebens hinter sich. Der Markt Schwabener fasst den Entschluss Gewicht zu verlieren, eine Wahl zu gewinnen und so vom Dorfwirt auf Dorfchef umzuschulen. Brandes kündigte also den Vertrag für das Wirtshaus Oberbräu, und der Ortsverband der Markt Schwabener Grünen wählte ihn zum Kandidaten für das Bürgermeisteramt. Seit März ist klar: Brandes hat nicht nur 20 Prozent seiner einstigen Körpermasse verloren, sondern - mit 17 Prozent Wählerstimmen - auch eine Bürgermeisterwahl. Und er sagt: "Das war alles ziemlich genau so einkalkuliert."

Ein Tag Ende April, Sonne über Markt Schwaben, Raphael Brandes sperrt seine Wirtschaft für einen letzten Rundgang auf. Es geht vorbei an der Personalumkleide, die Spinde sind leer. Im Kühlraum stehen noch drei Saftkisten, der Induktionsherd blitzblank geputzt. Brandes hat die Küche damals komplett neugemacht, "90 000 Euro allein dafür", sagt er. Die Küche war das Herz des Oberbräus, ein Ort, wo von früh bis spät Leben in der Bude war. Ein Nachfolger ist in der Krisenzeit nicht in Sicht. Es schmerze ihn schon, dieser Anblick nach zehn Jahren Betrieb, sagt Brandes. Jetzt da alles still steht. "Es ist, wie wenn die Pumpe bei einem Menschen aufgehört hat."

Vom Herz des Oberbräus geht es in den Magen: Die Gaststätte, wo die Gemeindepolitiker nach ihren Sitzungen bis spät in die Nacht noch Brotzeitteller serviert bekamen. Wenn sonst alles zu hatte, war immer noch der Wirt vom Oberbräu da. Vor seiner Übernahme war das Wirtshaus "ein Moloch", sagt Brandes, eine Boazn, die vor allem für ihren regen Bierausschank bekannt war. Raphael Brandes hat einen gemütlichen Flair in das Gemäuer gebracht. Er hat den Wänden einen warmen Farbton verpasst, die Toiletten mit hochwertigen Vigour-Material ausgestattet, ein Büro und einen Mitarbeiterraum eingebaut und eine 8000 Euro teure Kaffeemaschine. Brandes hat ein gemachtes Nest mitten im Ort geschaffen. Und dennoch hört er auf.

Es hängt fast alles mit allem zusammen, nur mit der Viruskrise hat all dies nicht zu tun. Brandes fasste seinen Beschluss als man mit Corona noch ausschließlich eine Biersorte bezeichnete. Und erneut war es sein Spezl Marco Grun, der ihm eine weitere Frage stellte. "Ich habe mir letztes Jahr Sorgen um ihn gemacht", sagt er bei einem Anruf Anfang Mai. "Deswegen fragte ich ihn, wann er eigentlich mal Urlaub hat."

Die ehrliche Antwort darauf lautete. Nie. Seit sieben Jahren ist Brandes nicht verreist, nicht einmal mit seinen beiden Söhnen - auch das kann Schicksals eines Wirts sein, der egal ob Sommer oder Winter für seine Gäste da ist. Brandes erzählt, wie die Arbeit seinen Speiseplan durcheinander brachte. Wenn alle anderen essen, hatte er selbst am meisten zu tun. "Man kommt dann oft erst spät abends dazu", sagt er. "Ruhig speisen kann man in der Gastronomie aber so gut wie nie." Bevor er die Wirtschaft übernahm, sagt Brandes, "war ich deutlich schlanker".

Noch vor acht Monaten wog Raphael Brandes 178 Kilo

In Zahlen: Noch vor acht Monaten wog Raphael Brandes 178 Kilo. Bei der Podiumsdebatte der vier Kandidaten zur Markt Schwabener Bürgermeisterwahl Anfang März hatte Brandes das Thema erstmals öffentlich angesprochen. "Ich bin ein Pfundskerl, und dazu stehe ich", antwortete er auf eine freche Bemerkung aus dem Publikum, und schob hinterher, dass er im vergangenen halben Jahr gut 30 Kilo abgenommen hat. Die 300 Zuschauer im Saal klatschten. Mittlerweile wiegt er 143 - also immer noch zu viel. Raphael Brandes sagt: "Mein Ziel ist zweistellig."

Bei der Kommunalwahl ist ihm dies mit 17 Prozentpunkten zwar gelungen, das Ziel aber hat er verfehlt. Stichwahl lautete die offizielle Zielsetzung. Heute klingt Brandes ganz anders. Er wäre der einzige Grüne Bürgermeister im Landkreis Ebersberg geworden. "Dass dieser Plan scheitern kann, davon musste man ausgehen", sagt er. Im Nachhinein habe er den Anteil an Briefwählern unterschätzt und zu spät mit dem Wahlkampf begonnen.

"Walkampf" (Die Toten Hosen) wird schonmal als Schmähgesang für Übergewichtige uminterpretiert: "Schiebt den Wal zurück ins Meer." Auch solche Momente hat Raphael Brandes durchgemacht, und noch ist sein Weg nicht zu Ende. "Es ging schleichend", sagt er. Irgendwann passt einem das Hemd nicht mehr, also kauft man sich ein paar neue. Es kommt dann zu Begegnungen in Kleiderläden, wo einem der Verkäufer Dinge wie diese sagt: Die Ein-Mann-Zelt-Abteilung ist im Nebengebäude. "Er versuchte einen Scherz, aber für mich war es weniger witzig."

Brandes erhebt sich vom Tisch des Oberbräus, ein letztes Mal. "Manchmal muss man im Leben einsehen, dass es eine Umstellung braucht", sagt er. Begonnen hat er mit einer inneren Aloe-Vera-Reinigung, und mit Büchern über den Darm und wie man ihn pflegt. Nach und nach stellte er so seine Ernährung um. Obst statt Brot zum Frühstück, stilles Wasser statt Saftschorle. Zeitweise verzichtete er mehrere Wochen auf Fleisch, etwa während des vergangenen Oktoberfests. "Auf der Wiesn war das ziemlich hart", sagt er. Immerhin: Dieser Konflikt bleibt ihm heuer erspart.

Wie geht es weiter? Alles offen, sagt Brandes. Beruflich zumindest. Politisch hat er nicht nur die Bürgermeisterwahl verloren, sondern als Stimmenkönig der Grünen einen Sitz für die Fraktion im Gemeinderat hinzugewonnen, nun sitzen dort fünf Grüne statt bisher drei. "Jede Krise ist auch eine Chance", sagt Brandes. Dann schließt er die Tür des Wirtshauses ab und tritt hinaus ins Freie.

© SZ vom 06.05.2020/koei
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