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Von Markt Schwaben nach Moria:"Die größte Sünde ist, wegzuschauen"

FILE PHOTO: Migrants from the Moria camp in Lesbos wait to board busses at Piraeus port in Athens following the coronavirus disease (COVID-19) outbreak

In dem eigentlich für 2000 Personen ausgelegten Camp Moria leben derzeit etwa 20 000 Menschen.

(Foto: Goran Tomasevic/Reuters)

Tobias Vorburg aus Markt Schwaben begibt sich auf die griechische Insel Lesbos und arbeitet im Krisen-Camp Moria. Vor seiner Abreise spricht der 31-Jährige über das, was ihn im überfülltesten Flüchtlingslager Europas erwartet

Interview von Korbinian Eisenberger

Der bekannteste Asylaktivist des Ebersberger Landkreises geht auf eine neue Mission. Nach seinem Einsatz auf dem Rettungsboot Sea Eye vor Libyen und als Lehrer in Südafrika geht es für Tobias Vorburg aus Markt Schwaben abermals in ein Krisengebiet. Der 31-Jährige fliegt auf die griechische Insel Lesbos und arbeitet als medizinischer Helfer im stark überfüllten Flüchtlingslager "Moria". Der Abflug ist für kommenden Mittwoch geplant, zuvor spricht er in der Markt Schwabener Zentrale der Flüchtlingsorganisation "Seite an Seite" über sein Vorhaben. Wie immer ist der Kaffee schwarz. Zweimal muss Vorburg das Interview unterbrechen, weil sein Handy läutet. Eine Frau aus einem Camp in Mühldorf soll verlegt werden und hat Schwierigkeiten. Die Frau weint, durchs Telefon ist immer wieder "Tobi, Tobi" zu hören.

SZ: 2016 war es ein Boot, 2017 Festland, diesmal geht es auf eine Insel. Wissen Sie, was sie in Moria erwartet?

Tobias Vorburg: Ein Flüchtlings-Camp, das für 2000 Leute gebaut wurde, und wo jetzt etwa 20 000 Menschen wohnen. Ein Camp ohne Infrastruktur, ohne fließendes Wasser. Blechhütten, wo sich Müllsäcke davor stapeln. Ich erwarte heftige Bilder, menschliche Schicksale. Die Erkenntnis, dass Moria der europäische Schandfleck ist.

Warum machen Sie das?

Das ist ein Teil der Flüchtlingsroute, den ich noch nicht gesehen habe. Ich kenne die Mittelmeerroute, Moria ist Teil der Balkanroute. Ich bin überzeugt, dass einen Erlebnisse wie diese weiterbringen. Von meiner Zeit auf der Sea Eye habe ich wahnsinnig profitiert für die Arbeit, die ich hier von Markt Schwaben aus mache.

Im Mittelmeer haben Sie Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Anschließend haben Sie einen Verein aufgebaut, der eine bayernweite Anlaufstelle für Flüchtlinge geworden ist.

Ich glaube, wenn ich die Erfahrungen auf der Sea Eye nicht gemacht hätte, gäbe es den Verein Seite an Seite in der Dimension nicht. Das macht ja was in der persönlichen Haltung, im Kontakt mit den Leuten, im Verständnis von anderen.

Tobias Vorburg, 31, hat selbst zwei Töchter.

(Foto: Christian Endt)

Es ist fast unmöglich, etwa als Journalist, Zugang zum Camp in Moria zu erhalten. Wie gelingt es Ihnen?

Über den Verteiler der Sea Eye wurde ich darauf aufmerksam. Es gab einen Aufruf, dass in Moria medizinisches Personal gebraucht wird. Da ich seit zehn Jahren Rettungsdienst fahre, sehe ich mich als fachlich geeignet. (Das Handy klingelt, am Ende des Telefonats ist die Frau aus Mühldorf beruhigt.)

Wie bereitet man sich vor? Oder sind solche Momente wie gerade eben am Telefon Vorbereitung genug?

Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, fühle ich mich moralisch darauf vorbereitet.

Mit Ihren Aktionen gehen Sie immer wieder an die Öffentlichkeit.

Die Leute sollen sich bewusst machen, wie privilegiert viele hier in Bayern sind. Ein paar hundert Kilometer weiter südlich sieht es aber schon ganz anders aus. Das muss den Menschen präsent bleiben. Ich finde, die größte Sünde ist, wegzuschauen. Das zu vermitteln, darin sehe ich meine Berufung als angehender Sozialarbeiter. Im Prinzip bin ich ein Lobbyist für Menschen, die an den Rand gedrängt werden.

Ihre Töchter sind drei und sieben. Versteht Ihre Ältere, was Sie da machen?

Die Jüngere auch schon. Wir sprechen viel darüber, das prägt die beiden. Sie sind sozial eingestellt. Beide spenden immer wieder Spielsachen für Kinder in Ungarn oder Kosovo.

Was kommt in Moria konkret an Arbeit auf Sie zu?

Im Camp gibt es mobile Behandlungseinrichtungen. Ich bin wohl in der Triage eingesetzt. Das heißt, ich stufe Patienten in der Notaufnahme nach Dringlichkeit ein. Es gibt ein Ampelsystem. Rot heißt: Sofort behandeln.

Wie sind Sie untergebracht?

Im sogenannten Freiwilligenhaus, außerhalb des Camps. Das kostet mich Geld.

Andere fliegen nach Griechenland und geben Ihr Geld zum Urlaubmachen aus, Sie nehmen sich zwei Wochen Urlaub für Flüchtlingshilfe im Elends-Hotspot.

Naja, ich hab' mir kürzlich nach sieben Jahren auch mal wieder einen Urlaub gegönnt und war mit einem Spezl drei Tage an der Ostsee (lacht). Im Ernst, man macht so etwas wie nun auf Lesbos ja auch für sich. Es prägt meine Persönlichkeit, meine Arbeit im Verein, meine politische Tätigkeit, die Beziehung zu meinen Kindern. Ich bin jetzt nicht die Mutter Theresa, ich profitiere auch von solchen Erfahrungen.

Welche Reaktionen bekommen Sie?

Nach meinem Einsatz im Mittelmeer vor Libyen gab es schon auch vereinzelte kritische Kommentare, Missachtung und Beleidigung, meist anonym im Netz. Generell habe ich für das Eintreten für Flüchtlinge wenig Gegenwind bekommen. Die Markt Schwabener reagieren neutral bis bestärkend.

Was kommt nächstes Jahr?

Ich würde gerne wieder nach Afrika. Stärkung von Frauen würde mich interessieren, zu dem Thema schreibe ich gerade meine Bachelorarbeit. Ob es aber schon im Jahr 2021 sein muss, kann ich nicht sagen. Zwischen Kapstadt und Moria waren jetzt drei Jahre Pause. Es sind schon kräftezehrende Trips, physisch wie psychisch. Und meine ehrenamtliche Arbeit hier, teilweise 25 Stunden in der Woche, kostet auch Kraft.

Sie haben für den Verein mit Menschen und teils gravierenden Schicksalen zu tun. Die Intensität ist seit fünf Jahren hoch. Wie schafft man das über eine so lange Zeit?

Ich habe das von der professionellen Seite gelernt. Mit 19 habe ich in der Jugendpsychiatrie gearbeitet und bin dann in den Rettungsdienst gegangen. Man lernt, wie man sich abgrenzt. Ich achte auf mich, erkenne meine Stimmungen, wann ich eine Pause brauche, wann es zu viel wird. Und trotzdem gelingt es nicht immer, die emotionale Distanz zu wahren.

© SZ vom 05.09.2020/aju

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