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Markt Schwaben:Gute Nacht

Markt Schwaben soll eine Lärmschutzwand entlang der Gleise bekommen. Das beschwichtigt die aufgewühlten Bürger, die um ihre Ruhe bangen. Es befriedigt sie aber nicht

Das wichtigste vorneweg: Auch die südliche Bahnhofsseite in Markt Schwaben erhält Lärmschutzwände. Auf diese Aussage nagelten die Bürger am Donnerstagabend in einer Informationsveranstaltung des Bundestagsabgeordneten Andreas Lenz (CSU) zum Ausbau der Bahnstrecke München-Mühldorf-Freilassing (ABS 38) Vertreter der Deutschen Bahn (DB) fest. Demnach soll im Süden des Bahnhofs in Richtung München eine etwa einen Kilometer lange Lärmschutzmauer entstehen. Gen Mühldorf soll die Wand eineinhalb Kilometer lang werden. So versicherte es der Projektleiter der ABS 38, Klaus-Peter Zellmer - und erhielt dafür erleichterten Applaus. Die Pläne dazu will die Bahn bis kommenden Donnerstag auf der Info-Homepage abs38.de veröffentlichen.

Die ABS 38 ist eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte Deutschlands. Im Bundesverkehrswegeplan 2030, den der Bundestag im Dezember verabschieden will, ist die Strecke im vordringlichen Bedarf, genießt also oberste Priorität und gesicherte Finanzierung. Sie ist Teil der Ost-West-Magistrale Bratislava-Paris und soll nach Plänen von Bund und Bahn unter anderem das Chemiedreieck in Südostbayern besser anbinden. Dazu ist ein zweigleisiger Ausbau der Strecke östlich von Markt Schwaben erforderlich sowie deren Elektrifizierung.

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz bringt in Markt Schwaben Bürger und Vertreter der Bahn zusammen.

(Foto: Christian Endt)

Um die Maßnahmen auch mit den Betroffenen vor Ort abzustimmen, hatte Lenz Bürger und DB-Vertreter ins Schweiger Brauhaus geladen. "Es ist wichtig, dass wir unsere Belange an die DB und das Verkehrsministerium bringen", sagte Lenz und überließ fortan den Fragen der Anwesenden den Abend. Themen, wie der anstehende barrierefreie Ausbau des Bahnhofs oder die Verbindungskurve zum Flughafen gerieten schnell zur Nebensache, galt das Hauptinteresse doch vor allem dem Lärm, respektive dessen Vermeidung. Zunächst wollte Michael-Ernst Schmidt, DB-Sprecher für Großprojekte, jedoch noch einmal den Sachverhalt entwirren. "Jeder will eine leise Bahn, wenn er daneben wohnt", sagte er. Solange jedoch an der theoretisch möglichen Streckenkapazität nichts verändert werde, müsse kein Schallschutz entstehen. Entscheidend sei nun, dass Markt-Schwaben-Mühldorf ein zusätzliches Gleis erhalte. Damit seien die Bedingung für Lärmschutz erfüllt.

"Aber der zusätzliche Verkehr läuft doch bis München durch", warf ein Bürger ein. Warum werde dann nicht auch westlich von Markt Schwaben für mehr Lärmschutz gesorgt? "Auf der Bestandsstrecke könnten betrieblich schon jetzt mehr Züge fahren", erklärte Schmidt. Das sei ausschlaggebend. Auch sei Schallschutz immer eine Finanzierungsfrage, sagte Zellmer. "Wir kriegen vom Bund genau gesagt, was wir zu bauen haben. Wir können alles reinplanen, aber am Ende streicht das Eisenbahn-Bundesamt uns das wieder raus." Genaue Zugzahlen für die künftige Hauptstrecke könne die Bahn in einem halben Jahr mitteilen, sagte Schmidt. Dann sei die Planung weit genug fortgeschritten.

Vorsorge

Um Bürger von Verkehrslärm abzuschirmen, gibt es das Bundes-Immissionsschutzgesetz. Für Schienenwege unterscheidet der Bund zwischen Lärmsanierung und Lärmvorsorge. Bei der Lärmsanierung rüsten Bund und Deutsche Bahn freiwillig Bestandsstrecken um. Priorität haben dabei besonders stark betroffene Trassen, wie etwa das Mittelrheintal. Die Lärmvorsorge ist dagegen gesetzlich vorgeschrieben. Bei Neubauten oder einer "wesentlichen Änderung" einer Strecke muss Vorsorge zum Lärmschutz getroffen werden. Für Wohngebiete liegt die Lärm-Höchstgrenze nachts bei 49 Dezibel. Neben Lärmschutzwänden kommen unter anderem Schallschutzfenster, Schienenstegdämpfer und Bremssohlen aus Kunststoff zum Einsatz. johi

Größeren Unmut erregte die Art der Lärmbestimmung. Statt punktueller Messung schreibt das Gesetz eine Berechnung vor, die den Schallpegel nach Abschluss der Baumaßnahmen prognostiziert. "Wach wird man nicht vom Durchschnittswert!", warf eine Bürgerin ein, sondern vom Geräusch eines heranrauschenden Zuges. Der überschreite auch mal die im Voraus berechneten Pegel. Auf die Frage, ob es möglich sei, in Markt Schwaben mit dem Bau früher als anderswo entlang der Strecke zu starten, antwortete Projektleiter Zellmer kryptisch: "Wenn ich mit dem Planfeststellungsabschnitt beginne, wo ich eine hohe Klageerwartung habe, blockiere ich mein ganzes Projekt." Es sei also im Sinne der Gesamtbaustelle, Streckenteile mit hohem zeitlichen Planungsvorlauf nach hinten zu verlegen.

Unabhängig von lokalen Schallschutzmaßnahmen erinnerte Bürgermeister Georg Hohmann (SPD) an ein weiteres Lärmvermeidungskonzept der Bahn. Dort will man bis 2020 alle firmeneigenen Güterwagen mit Flüsterbremsen ausrüsten. Statt Bremssohlen aus Gusseisen, die das Rad aufrauen, sollen nur noch solche aus Kunststoff verbaut werden. Von 2020 an dann, so plant es Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, sollen nur noch umgerüstete Waggons auf deutschen Gleisen fahren dürfen. "Die sind dann wirklich irre leise", sagte Hohmann. Bis zum Bauende in Markt Schwaben könne dieser Beitrag zum Lärmschutz bereits zum Tragen gekommen sein, beschwichtigte er.

© SZ vom 19.11.2016

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