Markt Schwaben Glaube, Hetze, Harmonie

Die Blicke von SPD und CSU können auch mal in die gleiche Richtung gehen: Manuela Schwesig (links, rotes Kleid) und Günter Beckstein (rechts daneben) demonstrieren am Sonntag in Markt Schwaben Einigkeit bei zentralen gesellschaftlichen Problemen.

(Foto: Christian Endt)

Manuela Schwesig, SPD, und Günther Beckstein, CSU, sind zu Gast bei den Markt Schwabener Sonntagsbegegnungen. Sie sprechen über Konflikte, die derzeit bundesweit die Menschen beschäftigen - in vielen Punkten sind sie sich gar nicht so uneinig

Von Max Nahrhaft, Markt Schwaben

In Markt Schwaben waren am Sonntag zwei Politiker zu Gast, die in mehrfacher Hinsicht zwei Pole verkörpern. Die eine kommt aus dem hohen Norden, der andere aus dem Süden, sie ist bei den Roten von der SPD - er ein Schwarzer, also CSUler. Sie wuchs in der DDR auf - er ist bis heute in Franken verwurzelt. Bei den Sonntagsbegegnungen trafen Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, und Günther Beckstein, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident, aufeinander. Doch trotz aller Unterschiede begegneten sie sich mit Harmonie und Respekt.

Damit stellten sie etwas dar, von dem sie beide feststellten, dass es in Deutschland fehle: Einigkeit. Thema der Diskussion war Deutschland. Dies sei in der vergangenen Jahren schon in vielen Sonntagsbegegnungen angeschnitten worden, so Bernhard Winter, Veranstalter der Markt Schwabener Gesprächsrunde. "Nun haben wir zwei Politiker, mit denen es sich besonders lohnt, über Deutschland zu reden." Dass Deutschland für den einen eher Bayern, für die andere eher Europa bedeutet, wurde schnell deutlich.

Beckstein begann mit einem Loblied auf sein Heimatland. Er sei zwar viel auf Reisen, doch nirgendwo fühle er sich so wohl wie in Deutschland. "Gott sei Dank lebe ich hier", so der ehemalige Ministerpräsident. Wobei eine Einschränkung hatte er doch: denn noch besser sei Bayern. Im Publikum begann es zu raunen, Zustimmung für Beckstein. Der sagte: "Natürlich haben wir Probleme, doch die sind nachrangig angesichts des Wohlstands und Friedens, in dem wir leben." Es sei eine wunderbare Zeit, so Beckstein - ehe er seinen Parteikollegen Horst Seehofer zitierte: "Bayern ist die Vorstufe zum Paradies."

Manuela Schwesig blickte differenziert auf Deutschland. Glücklich sei sie vor allem über die Wiedervereinigung. "Heutzutage muss uns immer mehr bewusst werden, dass der Weg in die Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist", so Schwesig. Für viele Probleme gelte es, europäische Antworten zu finden. In Zeiten, in denen der Rechtspopulismus in vielen Ländern zunimmt, dürfe man nicht die nationale Alternative wählen. Einigkeit stehe auf dem Spiel, "wenn der Ton, gerade auch im Internet, immer rauer wird". Denn die Verrohung der Sprache spiegelt sich auch in Taten wieder. Wenn etwa in Chemnitz, so Schwesig, Rechtsextreme aufmarschieren und Jagdszenen auf Menschen mit Migrationshintergrund stattfinden. "Dann darf man nicht mit dem selben Ton, sondern mit der Stimme der Vernunft antworten", sagte Schwesig

Bei der Frage einer angebrachten Reaktion auf solchen Extremismus demonstrierten Beckstein und Schwesig Einigkeit. Es gelte das Gemeinsame zu suchen und Einigkeit zu propagieren. Schwesig forderte: "Wir müssen raus aus dieser polarisierten Debatte und Raum schaffen für wichtige Themen, davon haben wir genug." Dazu sei ein Kraftakt der Parteien nötig, man müsse aufhören, in schwarz und weiß zu denken. Beckstein stimmte zu, die massive Auseinandersetzung über Flüchtlingspolitik, die die Gesellschaft spaltet, zu beenden. Statt bloßer Rhetorik im Umgang mit Geflüchteten gelte es zu handeln. Denn zu schaffen, sagte Beckstein, sei die Aufnahme von Flüchtlingen. Wer bleiben dürfen soll? Auch darüber sind sich die beiden einig. Schutz sollen jene erhalten, die Schutz brauchen. Wer jedoch keine Aufenthaltserlaubnis hat oder Straftaten begeht, müsse konsequenter abgeschoben werden.

Als jemand, die aus einer überwiegend konfessionslosen Region kommt und dennoch gläubig ist, kritisierte Schwesig den Kreuzerlass von Markus Söder. "Glaube darf nicht politisch instrumentalisiert werden", sagte sie. Jeder könne selbst seinen Weg in die Kirche finden, wenn er möchte. Die Zuschauer applaudieren. So laut wurde es kein zweites Mal. Beckstein widersprach dem: Das Kreuz sei - zumindest in Bayern - auch Teil der Tradition. "Bei uns wird sogar eine neue Straße ökumenisch eingeweiht", sagte Beckstein, "und jeder gescheite Berg hat ein Gipfelkreuz".

Die Veranstaltung begann und endete mit einem festen Handschlag und Komplimenten für einander. Schwesig nannte ihn "sympathisch". Von Wahlkampfstimmung war wenig zu spüren. Beckstein schob ein aufrichtiges Kompliment hinterher: "Ich finde es ganz toll, dass Sie Ministerpräsidentin und gleichzeitig Mutter mit zwei Kindern sind." Für ihn seien die zwei Stunden mit seinen Enkeln schon aufreibender als ein Tag in der Rolle als Ministerpräsident. Wohl noch ein signifikanter Unterschied zwischen dem Mann aus Nürnberg und der Frau aus Schwerin.