Mit weißen Handschuhen tragen sie es ganz vorsichtig auf die Bühne: ein kleines, unscheinbares Brett – mit großer Bedeutung. Denn dieses Stück Holz ist ein physisches Zeugnis dramatischer Ereignisse. Arnold Wachtel hat sich am 30. April 1945 auf der Planke, einst Teil eines Schuppens in Anzing, verewigt. Sein Name steht dort, außerdem: „Tod den Nazi“ (sic!) und „Juda lebe!“. Der 24-Jährige war entkommen und hatte sich in dem Schuppen versteckt. Was er zuvor in Konzentrationslagern erlebt hatte, lässt sich nur erahnen. Ein Satz, den er später über diese Zeit hinterließ, bringt die Brutalität seines Alltags schlicht auf den Punkt: „Hier gibt es mehr Schläge als Essen.“
Die Menschen mit den weißen Handschuhen, das sind Gymnasiasten aus Markt Schwaben. Zwei Kurse, der Arbeitskreis (AK) Politik und Zeitgeschichte und das Leistungsfach Geschichte, haben das Schicksal Arnold Wachtels recherchiert und skizzieren es nun während der zentralen Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus im Landkreis Ebersberg. Eine Veranstaltung, die auf Initiative des Historikers und Kreisarchivars Bernhard Schäfer jedes Jahr an wechselnden Orten stattfindet, heuer zum dritten Mal.

Am Gymnasium in Markt Schwaben hat die Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus im Ort bereits lange Tradition, einst begründet von Geschichtslehrer Heinrich Mayer. Dank ihm wird an der Schule seit Jahrzehnten geforscht, im Zentrum standen bisher das Massaker an KZ-Häftlingen des Todeszugs in Poing sowie der örtliche Widerstand gegen die NS-Diktatur. Und Mayer, der sich trotz Ruhestands weiter einbringt, hat im Kollegium würdige Nachfolger gefunden: Anna Niedermaier-Fertig und Luca Sattelmayer führen das Geschichtsprojekt weiter, und nicht nur das.
Im Zuge der Recherchen zu Wachtels Biografie hätten sie beschlossen, erklärten die Schülerinnen und Schüler, den Blickwinkel zu weiten: Unter dem Motto „Dem Vergessen Widerstand leisten“ wolle man sich künftig nicht nur Widerständlern, sondern auch Opfern und Tätern aus der Region widmen. Ihre Haltung dazu verdeutlichten die Jugendlichen mit einem Gedicht der Holocaust-Überlebenden Gerty Spieß über die „Schuld des Unschuldigen“: Sie beginne da, „wo er schulterzuckend daneben steht und spricht: Da kann man nichts machen“.

Das unfassbare Morden und Leiden nicht zu vergessen, das mahnten auch Rektor Peter Popp und Landrat Robert Niedergesäß an. Denn eine starke Erinnerungskultur sei Voraussetzung für das künftige Handeln, dafür, extremistische Positionen, Manipulation, Hass und Ausgrenzung zu erkennen und ihnen entschlossen entgegenzutreten. „Unsere Verantwortung endet nicht beim Erinnern“, betonte Niedergesäß.„Es ist unsere Aufgabe, gerade auch den nachkommenden Generationen zu vermitteln, dass Freiheit, Frieden und Demokratie keine Selbstverständlichkeit sind, sondern täglich verteidigt und bewahrt werden müssen.“
88671 – so lautet die Nummer, die Arnold Wachtel im Konzentrationslager auf den Arm tätowiert wurde. Eines der Abermillionen anonymisierten Opfer. Durch die ebenso ernsthafte wie ergreifende Präsentation der Gymnasiasten bekommt Wachtel wieder einen Namen, ein Gesicht. Die Jugendlichen skizzieren seinen erschütternden Leidensweg und lesen aus hochemotionalen Briefen. Als das Porträt Wachtels aufleuchtet, ein forsch dreinblickender junger Mann mit Hut, stellt sich unweigerlich ein Moment der Rührung ein.

1921 in Berlin geboren, wird Arnold Wachtel 1939 aufgrund seines jüdischen Glaubens von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Da ist Arnold gerade mal 18 Jahre alt. Seinem älteren Bruder Leo ist es gelungen, rechtzeitig nach England zu emigrieren. Ihm schreibt die verzweifelte Mutter, dass sie auf die Freilassung ihres „geliebten Kindes“ hoffe. Und bittet Leo, „tapfer und stark“ zu sein. „Sei mein Trost.“
Was er im KZ erlebt, schildert Arnold Wachtel ebenfalls in Briefen an Leo. Dass er oft vor Hunger weine und häufig dicke Rauchschwaden über dem Lager hingen. Doch es kommt noch schlimmer. Nach drei Jahren wird Wachtel nach Auschwitz gebracht, wo er den „Baderaum“ kennenlernt. „Zwei Minuten – alles tot“, schreibt er seinem Bruder. Danach würden die Leichen sofort verbrannt, auch diese Aufgabe müssten Juden übernehmen.

Doch er selbst habe Glück, er arbeite in einem Kommando, das den Neuankömmlingen nur alle Sachen abnehmen müsse. Einmal, erzählt er, habe er ein Stückchen Brot entwendet, die Folge seien „Stockhiebe ohne Erbarmen“ gewesen. Die nächste Station ist das KZ Warschau, dort erkrankt Wachtel an Typhus. Nach eigenen Angaben wiegt er bei einer Größe von 1,80 Meter nur noch 32 Kilogramm. „Arme und Beine wie Streichhölzer.“
Im August 1944 geht es ins Lager nach Dachau-Mühldorf und von dort schon bald weiter mit einem Evakuierungszug nach Seeshaupt und Tutzing, der aufgrund einer Tieffliegerwarnung Ende April 1945 bei Poing anhält. Dort kommt es unter den 3600 Häftlingen, die in Viehwaggons zusammengepfercht sind, zu einem Aufstand. Manche versuchen, zu flüchten, die NS-Schergen schießen. Mindestens 50 Menschen werden getötet.
Arnold Wachtel jedoch kann entkommen und schlägt sich gemeinsam mit einem anderen, polnischen Häftling zu einem Bauernhof in Mauerstetten bei Anzing durch. Dort verstecken sie sich vor den Luftwaffen- und SS-Einheiten. Der Landwirt hilft ihnen, am 30. April 1945 werden sie befreit. Das Holzbrett aus dem Schuppen, das dieses Geschehen bezeugt, ist heute in einem Museum in Mühldorf zu sehen.
Arnold Wachtel bleibt zunächst in Markt Schwaben, wohl auch aus Mangel an Alternativen: Seine Eltern haben den Holocaust nicht überlebt, sein Bruder lebt in London. Laut den Recherchen der Gymnasiasten findet Wachtel eine Wohnung am Marktplatz und Arbeit in einem Kaufhaus. Im Mai 1946 erhält er eine Einreiseerlaubnis für die USA. Mit seinem Bruder steht er derweil in regem Briefkontakt, die beiden schmieden Pläne für eine gemeinsame Zukunft in Amerika. Aus ihren herzlichen Zeilen spricht eine tiefe Verbundenheit. „Ich bin in Gedanken immer bei Dir“, schreibt Leo, und: „Bin stolz auf Dich.“
Trotz allen Glücks schwingt bei den Brüdern aber auch immer Sorge mit – wegen der „hinterlistigen, rachsüchtigen Nazi-Schweine“, die stets braun gebrannt und fett aus der Haft kämen. Und tatsächlich: Am 10. Juli 1946 will Arnold Wachtel in der Nachbarschaft eine Schreibmaschine kaufen – und kehrt nie zurück. Die halbherzigen Ermittlungen der Polizei verlaufen erfolglos. Ein Privatdetektiv, den Leo von London aus beauftragt, vermutet, dass Arnold Wachtel einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Die Leiche des 25-Jährigen aber wird nie gefunden.


