Asylbewerber in Markt Schwaben:„Für ein gutes Miteinander in der Nachbarschaft“

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In das frühere Firmengebäude Am Ziegelstadel werden voraussichtlich im Herbst 66 Geflüchtete einziehen. (Foto: Christian Endt)

Anwohner der Markt Schwabener Flüchtlingsunterkunft Am Ziegelstadel gründen einen Verein, der auf die Integration der neuen Nachbarn abzielt. Noch vor wenigen Monaten hatten sie einen Bürgerentscheid gegen das Projekt initiiert.

Von Barbara Mooser, Markt Schwaben

Noch vor wenigen Monaten hatten Anwohner der geplanten Flüchtlingsunterkunft Am Ziegelstadel in Markt Schwaben erbittert Widerstand gegen die Einrichtung geleistet und auch einen Bürgerentscheid initiiert, mit dem es aus rechtlichen Gründen aber nichts wurde. Inzwischen ist klar: Die Unterkunft kommt, wenn auch wesentlich kleiner als ursprünglich geplant. Die Akteure der einstigen Bürgerinitiative haben nun den Verein „Gemeinschaft Bürgerfeld“ gegründet. „Vereinsziel ist, sich für ein gutes Miteinander in der Nachbarschaft einzusetzen und den sozialen und kulturellen Austausch zu fördern“, heißt es in einer Pressemitteilung.

„Wir wollen uns für eine soziale Integration und den kulturellen Austausch stark machen. Dies umfasst die Förderung der Jugend- und Altenhilfe, die Förderung für Flüchtlinge, die Förderung der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur, die allgemeine Förderung des demokratischen Staatswesens, sowie die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements“, schreiben die zehn Vereinsgründer weiter. Hierzu müssten alle Ressourcen seitens Landratsamtes, sowie übergeordnete Aufsichtsbehörden, politische Entscheidungsträger in Markt Schwaben, örtlicher Flüchtlingsvereine, kirchlicher und weiterer Institutionen sowie die der Anwohner mit einbezogen werden. „Ziel ist ein Zusammenleben mit den neuen Nachbarn auf Basis gegenseitigen Respekts unabhängig insbesondere von Herkunft, Religion, Alter, Geschlecht und sexueller Orientierung“, betont Vorsitzender Michael Kümpfbeck.

Der Vorstand des neuen Vereins "Gemeinschaft Bürgerfeld" (von links): Stefan Fritz, Michael Kümpfbeck, Andreas Stumptner und Stefan Geisser. (Foto: privat)

Ins Boot holen will der Verein vor allem die Anlieger der Unterkunft, in der 66 Geflüchtete untergebracht werden sollen. „Wir wollen uns primär auf unser Quartier konzentrieren“, so Kümpfbeck. Er hofft, dass sich noch einige Interessierte anschließen, eine Zahl von etwa 50 Vereinsmitgliedern strebe man schon an, sagt er. Bei den Nachbarn, mit denen er bisher gesprochen habe, werde der neue Ansatz überwiegend positiv gesehen. Der Kompromiss sei nun einmal da, nun gelte es, mit der Situation umzugehen.

Die Bürgermeisterin freut sich auf die künftige Zusammenarbeit

Wie konkret die Unterstützungsangebote des neuen Vereins aussehen werden, das müsse sich erst noch zeigen, so Kümpfbeck: „Das hängt auch davon ab, welche Nachbarn wir bekommen – ob es etwa ukrainische Familien sind oder andere Bewohner.“ Auch die Pläne und Angebote der zuständigen Behörden sowie der Marktgemeinde spielten eine Rolle. Man werde auf jeden Fall mit den neuen Nachbarn in einen Austausch gehen und dann schauen, wo man helfen könnte, erläutert Kümpfbeck: Beispielsweise könne man die Netzwerke in den Vereinen nutzen, um die Neuankömmlinge gut zu integrieren, oder auch bei der Vermittlung von Arbeitsmöglichkeiten unterstützen.

Im Rathaus ist man von der Entwicklung angetan: „Ich finde das sehr positiv, es freut mich, wenn ich auf diese Unterstützung zählen kann“, sagt Bürgermeisterin Walentina Dahms (CSU). Einen konkreten Zeitplan für die Unterkunft Am Ziegelstadel gibt es noch nicht. Ende Juli, so erzählt Dahms, habe sie einen Termin im Landratsamt, bei dem Details besprochen werden sollen. Es sei einmal ein Einzugstermin Ende September oder Anfang Oktober genannt worden – ob dies realistisch sei, könne sie derzeit aber noch nicht sagen. Vor der Eröffnung sollen die Markt Schwabener die Möglichkeit bekommen, sich bei einem Tag der offenen Tür in der Unterkunft umzusehen.

Der frühere Bürgermeister hatte wegen Anfeindungen hingeschmissen

Insgesamt hat die Bürgermeisterin nach eigenen Angaben den Eindruck, dass sich die Wogen in Markt Schwaben geglättet haben. Sie habe schon länger keine Kritik mehr an den Plänen für die Flüchtlingsunterbringung gehört, zuletzt habe es im Bürgermeisterwahlkampf „die eine oder andere Stimme“ gegeben, die Kritik geübt habe. „Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was Michael Stolze erlebt hat“, so Dahms.

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Ihr Vorgänger im Rathaus war zurückgetreten, weil er im Streit um die Flüchtlingsunterkunft massiv angefeindet und beleidigt worden war. Nicht nur in E-Mails, Briefen und im persönlichen Gespräch, rau war der Ton damals auch bei einer Informationsveranstaltung in der Theaterhalle. Anwohner hatten unter anderem vor Lärm und Dreck durch die neuen Bewohner, die „möglicherweise aus anderen Kulturkreisen“ stammten, gewarnt, aber auch Sorge um die „Sicherheit für Frauen und Kinder“ sowie den Wert des Wohneigentums geäußert.

In der Folge der massiven Proteste wurde ein Kompromiss ausgehandelt: In das frühere Firmengebäude Am Ziegelstadel werden nur 66 Menschen einziehen, dafür entsteht am Markt Schwabener Ortsrand eine zweite Unterkunft für 90 Geflüchtete.

Dass die früheren Gegner der Flüchtlingsunterkunft Am Ziegelstadel nun bei der Integration helfen wollen, sieht Tobias Vorburg, der sich seit Langem im Verein „Seite an Seite“ für Geflüchtete engagiert, positiv. „Jede Initiative, die Flüchtlinge in irgendeiner Form unterstützen will, ist begrüßenswert“, so Vorburg. Er jedenfalls sei für eine Zusammenarbeit offen.

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