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Markt Schwaben:Die Stimme der Demokratie

Der Helferkreis Markt Schwaben hat ein Modell entwickelt, bei dem Asylbewerber eigene Abgeordnete wählen. Das Parlament im Hallenflur findet bereits Nachahmer - die Erfinder sind für den Tassilo-Sozialpreis nominiert.

Von Korbinian Eisenberger, Markt Schwaben

Joachim Weikel konnte nicht mehr eingreifen, als die Polizei anrücken musste. Zwei Flüchtlinge waren in der Markt Schwabener Asylunterkunft aufeinander losgegangen, ein Araber hatte einen Schwarzafrikaner fotografiert, ohne um Erlaubnis zu fragen. Wie so oft in bayerischen Massenunterkünften war eine Lappalie eskaliert, weil die Nerven blank liegen. Die Poinger Beamten nahmen die Männer fest und versetzten sie in eine andere Halle - wie meistens, wenn so etwas passiert. "Damit war das Problem aber nicht gelöst", sagt Weikel. "Deswegen haben wir uns etwas überlegt."

Es gibt wahrscheinlich Hunderte Helferkreise, die für ihren Einsatz eine Auszeichnung verdient hätten. Dass Joachim Weikel und sein Team jetzt für den erstmals vergebenen Tassilo-Sozialpreis nominiert sind, liegt an ihrer bis dahin einzigartigen Reaktion auf den Polizeieinsatz: Um das Leben für die damals noch knapp 300 Flüchtlinge in den Stockbetten der Markt Schwabener Dreifachturnhalle erträglicher zu machen, entwickelten die Helfer in den Tagen nach dem Vorfall ein demokratisches Modell. Kurz darauf wählten die Männer ihr eigenes Parlament, in dem die neun Nationen der Hallenbewohner seither mit Sprechern vertreten sind. Im oberbayerischen Landkreis Ebersberg haben die Männer aus den Kriegsgebieten jetzt eine demokratische Stimme.

Ein Vormittag in einem Markt Schwabener Café, Weikel hat sich einen großen Kaffee bestellt, der Tag ist noch lang. Am Abend ist ein Koordinationstreffen der Helfer im Landkreis angesetzt, da darf Weikel nicht fehlen: Der 66-Jährige ist das Gesicht des Markt Schwabener Asylhelferkreises, der Vermittler und Sprecher. "Es braucht jemanden, der im Zweifelsfall entscheidet, in welche Richtung es geht", sagt er. Es gebe viele andere Helfer, "die noch mehr Zeit investieren und im Bereich eines Teilzeitjobs liegen", sagt Weikel. Etwa Tobias Vorburg, der sich um rechtliche Fragen kümmert, oder Monika Kallus und Judith Seibt, die bei Jobsuchen und Behördengängen helfen. "Leider haben wir auch Schwierigkeiten", sagt Weikel.

asylhelferkreis markt schwaben parlament

Das Parlament und seine Abgeordneten: Im Eingangsbereich der Dreifachturnhalle haben die Helfer Poster mit den Sprecher des "Nationenkomitees" aufgehängt.

(Foto: Christian Endt)

Die Markt Schwabener Helfer ärgern sich seit längerem über das Landratsamt Ebersberg, das Flüchtlinge derzeit von Hallen auf Wohnungen umverteilt. Gleich zu Beginn der Verlegungen habe das Landratsamt "ausgerechnet die Nationensprecher aus der Halle genommen", sagt Weikel. Das Landratsamt begründete den Schritt damit, dass es sich dabei um jene Bewohner handelte, die am längsten in der Massenunterkunft gelebt hätten. Es sei nur gerecht, dass diese bei der Verlegung in Wohnungen zuerst dran wären, hatte Evelyn Schwaiger, Sprecherin des Landratsamts, bereits Mitte April erklärt.

Weikel könnte sich noch weiter ärgern, über die bayerische Landespolitik, die Bezirksregierung und die Landratsämter. "Bei all dem macht es mir aber einfach Spaß, mit den Menschen zu arbeiten", sagt er. Seit er im Jahr 2013 in Rente ging, lebt der Tierarzt auch unter der Woche bei seiner Familie in Markt Schwaben. Zuvor war er stets nur am Wochenende aus seinem Institut bei Wien gekommen, wo er als Wissenschaftler arbeitete. "Jetzt habe ich Zeit für Flüchtlingshilfe und Kommunalpolitik", sagt Weikel, der vor drei Jahren in den Gemeinderat gewählt wurde.

Das Konzept, das demokratische System in die Turnhalle zu übertragen, sei dem Helferkreis "im Kollektiv gekommen", sagt Weikel, ausschlaggebend sei eine Idee von Mithelfer Thomas Krahe gewesen, der sich um die Sprechzeiten in der Halle kümmert. Zuvor, in den Monaten Ende 2015, hatten die Helfer bereits erste Zusammenkünfte mit den Flüchtlingen arrangiert. "Es musste alles auf englisch, französisch, und arabisch übersetzen werden", sagt Mohamed Shehad, Ingenieur aus Syrien. "Und damit haben wir längst nicht alle erreicht", so Shehad, der schließlich in einer geheimen Abstimmung zum Parlamentssprecher für 50 Syrer gewählt wurde. Innerhalb einer Woche bestimmten neun Nationen je einen Parlamentssprecher und einen Stellvertreter. 18 Parlamentarier, Afghanen, Somalier und Eritreer tagen seither wöchentlich auf Turnbänken im Flur. Gesprochen wird englisch und französisch, wie die SZ bei einem Hallenbesuch Anfang März dokumentierte. "Kurz darauf haben sich Leute aus ganz Deutschland bei mir gemeldet", sagt Weikel.

Sie sind ein gutes Team geworden: Joachim Weikel, Monika Kallus und Tobias Vorburg (von links) stehen auch für viele weitere Helfer.

(Foto: Christian Endt)

Zu den Anrufern gehörte die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Die Stuttgarter erklären, man habe auf Weikels Rat hin ein Seminar abgehalten, bei dem Flüchtlinge lernen sollten, wie Demokratie funktioniert. "24 Flüchtlinge haben teilgenommen", sagt Angelika Barth, die mit sieben Referenten Kurse wie "Gleichberechtigung" und "Persönliche Freiheiten" leitete. Auch Detlef Kröning aus Niedersachsen meldete sich bei Weikel, nachdem er vom Markt Schwabener Konzept gelesen hatte. Kröning, der damals einen Helferkreis in Wolfsburg leitete, wollte das Modell in einer Notunterkunft für hundert Asylbewerber einführen. Die städtische Netzwerkstelle für ehrenamtliche Flüchtlingshilfe will den Plan vom Parlament in Wolfsburg demnächst umsetzen, wie Projektleiter Ingmar Wolf-Doettinchem erklärt: "Flüchtlinge müssen erfahren, wie Demokratie lebt."

In der Markt Schwabener Dreifachturnhalle sind die Einsätze seit der Umstellung stark zurückgegangen, wie die Polizei bereits vor Wochen mitteilte, als die Halle noch überbelegt war. Für den Sozialpsychologen Dieter Frey von der LMU München ist das die logische Konsequenz. "Aus unseren Forschungen wissen wir, dass sich Gruppen mit den Entscheidungen eher identifizieren, wenn vorher diskutiert wird", sagt Frey. So wie im Parlament; Weikel klingt fast ein wenig traurig, wenn er vom kommenden Wochenende spricht. Dann, so Weikel, tage das Parlament noch einmal. Anfang der Woche soll die Turnhalle dann geräumt werden.

© SZ vom 28.05.2016

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