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Kommunalwahl in Markt Schwaben:"Ich bin ein Pfundskerl, und dazu steh' ich"

Kandidatenpodium BGM Wahl Markt Schwaben

Gut 300 Gäste drängen sich am Sonntagmittag im Theater am Markt Schwabener Burgerfeld.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Vier Männer bewerben sich um den Bürgermeisterposten in Markt Schwaben. Bei der Podiumsdiskussion geht es lange höflich zu - dann kommt es zum Eklat.

Es gibt kaum einen idealeren Ort für wahlkämpfende Männer als eine Theaterbühne. Insbesondere wenn wie im Haus des Theatervereins gut 300 Gäste Platz haben. Bei der "Podiumsdiskussion" der Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Markt Schwaben standen die Zuschauer bis unter das Vordach. Sechs Wochen vor der Wahl, zu der Amtsinhaber Georg Hohmann (SPD) aus Altersgründen nicht mehr antritt, hatten der Theaterverein und die Kolpingfamilie eingeladen; die Moderation übernahm der gut aufgelegte Klaus Kandlbinder. Seinen und den Fragen des Publikums stellten sich Michael Stolze (gemeinsamer Kandidat von SPD und Freien Wählern), Frank Eichner (CSU), Raphael Brandes (Grüne) und Sascha Hertel von der Wählergruppe Zukunft Markt Schwaben (ZMS). Auf der Bühne ging es höflich zu - im Publikum nicht immer. Deutlich wurde, dass es um einiges geht: Nach knapp zwei Jahrzehnten SPD-Führung könnte es in Markt Schwaben mit der Kommunalwahl am 15. März einen Wechsel geben. Oder auch nicht. Wie sich die Kandidaten geschlagen haben? Vier Kurzrezensionen von der Theaterbühne.

Sascha Hertel (ZMS)

Kandidatenpodium BGM Wahl Markt Schwaben

Sascha Hertel.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Mit 42 der jüngste Kandidat, dennoch als einziger im aktuellen Gemeinderat vertreten. Hat vor sechs Jahren bereits Wahlkampf-Erfahrung gesammelt. Auf der Bühne erinnerte Hertel daran, wie er die Wählergruppe ZMS gründete und den damaligen Amtsinhaber herausforderte. Er sei allein schon deswegen gegen Georg Hohmann angetreten, weil es keinen Gegenkandidaten gab. "Was ist das denn für ein demokratisches Selbstverständnis", habe er sich damals gedacht - und holte 19,3 Prozent der Stimmen. Räumte sechs Jahre später auf der Bühne ein, dass die Vorstellung von demnächst 70 Millionen Euro Gemeinde-Schulden "erschreckend klingt". Machte gleichwohl deutlich, dass die Entscheidung des scheidenden Gemeinderats für diese Investitionen aus seiner Sicht richtig sei. Weil der Ort so eine neue Grund- und Mittelschule bekommt. "Die wird genau so groß gebaut wie es sein muss", so Hertel. Seiner Rolle als Jungspund im Bewerberpool machte er Ehre, indem er seine Vision eines Jugendbeirats für den Gemeinderat präsentierte. "In Markt Schwaben wird teilweise vergessen, dass auch die Jüngsten hier eine Stimme haben sollten."

Frank Eichner (CSU)

Kandidatenpodium BGM Wahl Markt Schwaben

Frank Eichner.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Kein gewähltes Mitglied, als Bauamtsleiter dennoch Stammgast im Gemeinderat. Weiß, wie sich der Stuhl im Sitzungssaal neben dem Bürgermeister anfühlt und würde nun gerne einen Sitzplatz weiter rutschen. Auf der Bühne belegte der 54-Jährige den zweiten Stuhl von links und machte keinem seiner Nachbarn den Platz streitig. Bekam Bravo-Rufe für sein Statement für die Erhöhung des Transparenz-Grads im Markt Schwabener Gemeinderat, ein Gast hatte gefragt. Sollte er gewinnen, so Eichner, wolle er in nichtöffentlichen Sitzungen "bei weittragenden Entscheidungen" künftig namentlich und in einem für alle einsehbaren Protokoll vermerkt abstimmen lassen. "Dann werden sich manche Gemeinderäte wieder daran erinnern, wie sie sich entschieden haben", sagte er nicht ohne Ingrimm. Wurde vom Moderator daran erinnert, dass Markt Schwaben als einzige Gemeinde des Bezirks Stabilisierungshilfe vom Freistaat erhält. Der Ort dürfe sich demnach - laut eines vom Moderator zitierten Zeitungsartikels - als "ärmste Gemeinde Oberbayerns" bezeichnen. Worauf Eichner "Wir sind nicht arm" entgegnete. Verweigerte ein Armutszeugnis.

Raphael Brandes (Grüne)

Kandidatenpodium BGM Wahl Markt Schwaben

Raphael Brandes.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Vereinspräsident und langjähriger Wirt des Gasthofs Oberbräu, in Markt Schwaben bekannt wie ein bunter Hund - und seiner Eigenwerbung nach mit langjähriger Erfahrung in Personalführung ausgerüstet. Vor allem vor seiner Zeit als Wirt - eine Zeit, die er nun hinter sich lassen will.Der 45-Jährige gibt das Wirtshaus auf und will sich als Grünen-Politiker einen Namen machen. Distanzierte sich auf der Bühne von seinen drei Mitbewerbern bei der Frage nach Neubaumaßnahmen im Ort. "Wir müssen aufhören mit der wahnsinnigen Versiegelung der Flächen", sagte er. Machte deutlich, dass der von der Bahn seit Jahrzehnten prophezeite aber bis dato nie erfolgte barrierefreie Ausbau des Markt Schwabener Bahnhofs mit ihm als Rathauschef oberste Priorität habe. "Das ist unsere Pflicht, wir müssen es umsetzen, egal ob es wirtschaftlich ist oder nicht", sagte er. Wurde von einem Gast im Publikum auf sein Körpergewicht angesprochen und ließ sich die Unverschämtheit mit einem Lächeln gefallen. Der Gst wurde im ganzen Saal mit Buhrufen bedacht. Brandes bekam tosenden Beifall, als er entgegnete, dass er 35 Kilo abgenommen hat. Und als er erklärte: "Ich bin ein Pfundskerl, und dazu steh' ich."

Michael Stolze (SPD/FW)

Kandidatenpodium BGM Wahl Markt Schwaben

Michael Stolze.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Wohnt mittlerweile nicht mehr in Markt Schwaben, ist aber der einzige Eingeborene der vier Kandidaten. Betonte, dass ihn mit seinem Herkunftsort nach wie vor viel verbinde. Erklärte, dass in seiner Jugend noch kein Verkehrschaos in Markt Schwaben herrschte und dass er diesen Zustand als Bürgermeister gerne wieder herstellen möchte. Erzählte auf der Bühne eine Anekdote als er 16 Jahre alt war. "Damals hieß es, dass in Kürze die Mühldorfer Bahnstrecke ausgebaut werden soll." Mathematisch gesehen dauert diese Kürze mittlerweile 33 Jahre an, denn Stolze ist nicht mehr 16 sondern 49. Machte Werbung für die Stärkung des Ehrenamts und der Vereine im Ort. Dazu wolle er einen "Ehrenamtsfonds" gründen, eine Art Fördertopf, den geneigte Firmen im Ort füllen könnten, so seine Vision. Hat selbst jahrelange Ehrenamts-Erfahrung, etwa als Kommandant der Schwabener Feuerwehr. Blieb dennoch auf der Bühne sitzen, als um 12.24 Uhr zwei Männer im Publikum wegen ihres Alarmgeräts zum Einsatz aufsprangen. Hat den Kommandanten-Posten mit seinem Wegzug 2003 abgegeben. Schadet Politikern nicht, zu wissen, wie man Brände löscht.

© SZ vom 03.02.2020/koei
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