Markt Schwaben:Aufgeben gibt's nicht

Lesezeit: 3 min

Birgit Kober Paralympionikin

"Auf dem Treppchen wird einem klar, dass man sehr viel zurückgewonnen hat", sagt Birgit Kober über ihre sportliche Karriere.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Birgit Kober, Goldmedaillengewinnerin bei den Paralympics, erzählt bei ihrem Besuch am Gymnasium in Markt Schwaben von Hürden und Herausforderungen, die sie im Rollstuhl bewältigt hat

Von Stefanie Deimel, Markt Schwaben

Birgit Kober trägt ein rotes Poloshirt, darüber eine weiße Sportjacke, auf der Vorderseite steht "Germany" in schwarzer Schrift. Sie fährt mit ihrem Rollstuhl vorbei an Schülern, die auf den Stühlen im Theaterraum Platz genommen haben, in Richtung eines Tisches vor der kleinen Bühne. "Aufgeben gibt's nicht" kann man auf einer Leinwand lesen, auf die ein Beamer projiziert. Am Franz-Marc-Gymnasium in Markt Schwaben ist am Donnerstag eine sportliche und vor allem starke Persönlichkeit zu Besuch - die Paralympics-Siegerin Birgit Kober. In Rio hat sie 2016 zuletzt die Goldmedaille im Speerwurf und im Kugelstoßen geholt, doch der Erfolg war harte Arbeit.

Vor etwa zehn Jahren erleidet Birgit Kober aufgrund eines Behandlungsfehlers im Krankenhaus eine schwere Vergiftung durch Medikamente. Dadurch werden ihr Klein- und Frontalhirn geschädigt, was sich auf die Bewegungskoordination auswirkt. "Ich war wie eine Marionette, der die Fäden abgeschnitten wurden", beschreibt Kober. Kurz nach ihrem Schicksalsschlag sieht sie eine Reportage über die Paralympics - und kommt auf die Idee, selbst wieder Sport zu betreiben. Bereits als Jugendliche war Kober im Speerwurf aktiv. Sie habe sich also eine Hallenkugel gekauft und das Werfen aus dem Rollstuhl trainiert, erzählt die 45-Jährige.

Gerne wäre die Neuperlacherin einem Verein beigetreten, doch "ein Rollstuhlfahrer ist schnell ein versicherungsrechtliches Hindernis", klagt sie. Endlich findet Birgit Kober einen Verein, in dem sie mit Kindern trainieren kann. Über Umwege kommt es dann zum Kontakt mit einem Trainer des Deutschen Leichtathletikverbandes. Kober startet schließlich für Bayer 04 und Leverkusen, nachdem es in München keine Möglichkeit gibt. Bei ihrem ersten Wettkampf, so erzählt die Sportlerin, sei sie aus dem Rollstuhl gekippt und habe sich zwei Rippen gebrochen, weil sie mit den Gurten nicht richtig am Stuhl befestigt war. Doch sie holte dabei den Weltrekord - der Rippenbruch hatte sich gelohnt. Mit der Zeit wird Kober immer stabiler in Beinen und Oberkörper, bekommt einen speziellen Wurf-Stuhl für den Sport. In der sitzenden Klasse tritt sie 2012 das erste Mal im Kugelstoßen und Speerwurf bei den Paralympics an, holt in beiden Disziplinen Gold. "Auf dem Treppchen wird einem klar, dass man sehr viel zurückgewonnen hat", erinnert sie sich. London hat die Sportlerin nach eigenen Angaben mit ihrem Schicksal ein bisschen versöhnt. "Irgendwann muss man abschließen", wird man Kober später noch sagen hören.

Doch ihrer Karriere im Behindertensport wurde ein Hindernis in den Weg gestellt. "Behindertensport ist manchmal in sich etwas behindert", sagt sie. Nach den Paralympics in Rio kommt es zu einer Verordnung, welche die Sportler an ihren Wurfstuhl im wahrsten Sinne des Wortes fesselt. Gurte sollen sie am Stuhl komplett festzurren. Das hindert die Sportler in der Bewegung nach oben, was trotz Behinderung bei vielen noch möglich wäre. Birgit Kober nimmt die Regelung für ein Jahr in Kauf, anschließend beschließt sie, in die stehende Klasse zu wechseln. Andere zeigten damals dafür kein Verständnis, aber "wenn man im Leben nicht hinter einer Sache steht, sollte man es auch nicht tun", sagt Kober. Schließlich beweist sie es ihren Kritikern, lernt durch Youtube-Videos, sich auf beiden Beinen zu halten und zu werfen. 2016 ist Birgit Kober Teil der Deutschen Paralympischen Mannschaft in Rio. Ein Unfall zuhause und eine Verletzung am Daumen hätten das fast verhindert. Doch die Sportlerin kann antreten, sie gewinnt zum wiederholten Mal Gold.

Kobers Augen leuchten, als sie von der Zeit in Rio erzählt. Sie hat in ihre Präsentation viele Fotos eingebaut, darunter auch von einem Besuch eines Sport- und Sozialprojekts in einer Favela. Sie schafft es, die Zuhörer ihre Emotionen spüren zu lassen, und es gibt viele Momente an diesem Vormittag, in denen Birgit Kober zum Nachdenken anregen kann. So auch ihre Antwort auf die Frage, ob sie ihr altes Leben zurück haben wollte, wenn sie könnte. "Ich würde es sofort wieder eintauschen." Dafür würde sie auch all ihre Goldmedaillen abgeben, sagt Birgit Kober. Doch dann schaue sie wieder auf ihre Erfolge zurück, und die seien "natürlich auch cool".

Sie macht klar, dass das Leben im Rollstuhl nicht immer einfach ist. Zum Beispiel jetzt, wenn sie mit ihrem Rollstuhl draußen im Schnee stecken bleibt, erzählt Birgit Kober gegen Ende. Oder wenn sie ein Museum wegen ihres Rollstuhls nicht besuchen darf und dann "wie ein Hund vor der Tür stehen bleiben muss". Die Sportlerin macht deutlich, dass es in Bezug auf Behinderte noch einiges zu tun gibt. Darum möchte sich Birgit Kober in Zukunft weiter für den Behindertensport in München und Bayern engagieren, um Talente zu fördern. Das wird sie auch tun, wenn sie selbst einmal nicht mehr im Kugelstoßen und Speerwurf aktiv ist, sagt sie. Dass die Paralympics getrennt von den Olympischen Spielen stattfinden, sei aber gut so, antwortet Kober auf die Frage einer Schülerin. "Jeder soll seines haben, das ist ok." Sie selbst will dem Sport vorerst noch treu bleiben, denn er hält sie fit. Nach den Paralympics in Tokio 2020 will Birgit Kober dann "weiter schauen".

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