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Markt Schwaben:Alle Klarheiten beseitigt

Markt Schwaben Peotry-Slam Theaterhalle

Anna Sturmwind schreibt erst seit Juni Texte, aus Langeweile hat sie damit begonnen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Beim dritten "MS City Poetry Slam" in der Theaterhalle ist das literarische Spektrum groß. Das stellt die Jury vor Schwierigkeiten

Von Victor Sattler, Markt Schwaben

Manche Dinge werden immer Neuland bleiben, auch noch nach drei Jahrzehnten: weil sie sich gar nicht auf einer Landkarte verorten lassen möchten. Das Internet ist so ein Kandidat, mit ständig neuen Regeln und Möglichkeiten, das stellte Angela Merkel schon 2013 fest. Aber sogar dort, im Internet, empfahl eine Ankündigung vor dem dritten Markt Schwabener Poetry-Slam, man möge sich doch als Vorbereitung auf das Event durch Youtube-Videos mit der Neuland-Kunstform Poetry-Slam vertraut machen. Einige Markt Schwabener lauschten am Freitagabend zum allerersten Mal einem Poetry-Slam. "Und wer weiß denn überhaupt schon, was das ist?!", rief Moderator Thomas Steinbrunner vorab ins Publikum.

Falls der ein oder andere eine vage Vorstellung hatte, wurde diese am Abend von den neun Teilnehmern auf die Probe gestellt. Soll man so lyrisch und puristisch daherkommen wie Clemens Kascholke, der mit beiden Händen an seinem Notizband festhielt und vortrug, was im "Sand der Seele tiefe Spuren" hinterlässt? Oder will man doch lieber ein neurotischer Wasserfall à la Jonas Engesser sein und komplexen Gedanken mit Endlossätzen hinterherjagen? Poetry-Slam: Ist das zum Nachdenken, wie Hani Who, der als gebürtiger Afghane das Deutschsein als Konstrukt zu entlarven sucht? Oder ist das zum Schreien, wie Anja Perkuhn, die eine erbarmungslose Vendetta gegen Orchideen führt? Alles und nichts davon ist Poetry-Slam, haben die Markt Schwabener bewiesen, dank einem "Open Mic", das wirklich für alle Stimmen offen war.

Das Spektrum literarischer Ambition reichte hier von Anna Sturmwind, die erst seit Juni Texte schreibt und auch nur aus Langeweile damit anfing, bis hin zu Norbert Hecht, der sich in seinem Leben bereits an Drehbüchern, Schauergeschichten und historischen Romanen die Zähne ausbiss und deshalb nun am Abend einen Text aus seinem Zyklus "Die ganz normalen Leiden eines Schriftstellers" mit dem Publikum teilte.

Richtig schwierig machte es diese Vielfalt für die Jury, die zuerst drei Finalisten und dann noch einen Gewinner küren musste. Jurys wird zwar immer gerne flapsig Mitleid ausgesprochen, aber die fünf Juroren an diesem Abend waren zum Punktrichten regelrecht verpflichtet worden: Sie wurden alle aus dem Publikum gelost. "Also, das ist jawohl die beste Art, ein Date zu zerstören", erkannte der Gast-Comedian Michi Mauder schadenfroh, "da musst du den ganzen Abend auf der Bühne sitzen, weit weg von deiner Begleitung, und danach auch noch deine Punkturteile vor ihm oder ihr rechtfertigen."

Genau so, wie Mauder prophezeite, kam es dann auch. Denn im deutschsprachigen Raum sind Poetry-Slams äußerst basisdemokratisch geprägt, meistens wird durch die Lautstärke des Applauses oder mithilfe von Abstimm-Gimmicks über den Gewinner entschieden. Dieses Herrschaftssystem wollte sich das Markt Schwabener Publikum zurückerobern: Als der szenebekannte Bert Uschner über den jungen Jonas Engesser siegte, wurde die Jury für ihre vergebenen Dezimalzahlen ausgebuht. Engessers leidenschaftlich vorgetragener Text passte mit seinen Ideen zu Emotion und Effizienz eben in keine Schublade. Uschners Text hingegen, "Die apokalyptischen Reiter" (den Reitern gelingt keine fiese Apokalypse, weil die Menschheit eh schon so mies ist), ähnelt deutlich Alex Burkhards "Max & Moritz heute" (Max und Moritz gelingt kein fieser Streich, weil die Menschheit eh schon so mies ist), den Burkhard bereits 2015 schrieb.

Uschner konnte so für "Alpendohlen" letztlich den Sieg mit nach Hause nehmen, dabei war er eigentlich nur die zweite Wahl der Jury: Die Moderatorin Marie Zöckler, die bisher neben Thomas Steinbrunner kaum zu Wort gekommen war, durfte nach der Pause plötzlich einen rhythmisch einwandfreien, einfühlsamen Text über den schönen Schein vorbringen, der außer Konkurrenz lief. Für diese Überraschungs-Gänsehaut hätte die Jury, die schon kurz vor ihrer Zwangsauflösung stand, Zöckler gerne noch zum Sieg geputscht. Aber da waren sie ein wenig voreilig. So etwas geht im Poetry-Slam dann eben doch nicht - noch nicht.

© SZ vom 13.11.2017
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