Süddeutsche Zeitung

Männer in Kitas:"Da bin ich schnell mal schief angeschaut worden"

Erziehung liegt in den Kitas im Kreis Ebersberg nach wie vor überwiegend in weiblicher Hand. Ein Grafinger erzählt, womit Männer in diesem Beruf zu kämpfen haben.

Die gute Nachricht zuerst: Seit 2007 hat sich laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik die Zahl der pädagogisch tätigen Männer in bayerischen Kindertageseinrichtungen mehr als vervierfacht. Die schlechte: Der Männeranteil liegt damit bei gerade einmal 4,4 Prozent. Auch im Landkreis Ebersberg ist er mit 5,5 Prozent nicht wesentlich höher.

Aber woran liegt das? Warum ist die pädagogische Erziehung von Kindern für Männer immer noch so unattraktiv? Doris Rauscher, SPD-Landtagsabgeordnete und Vorsitzende im Ausschuss für Arbeit und Soziales, Jugend und Familie, nennt das traditionell gewachsene Image als "Frauenberuf" als einen Grund. Männliche Erzieher würden immer noch häufig als "Softie" abgestempelt, nach dem Motto: "Ach, der betreut Kinder."

Christian Feicht kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Er arbeitet seit Juni 2014 als Erzieher im Hort "Alte Villa" in Grafing. Mit Ausnahme eines Praktikanten ist er dort der einzige Mann. Die Frage, ob er Bedenken gehabt habe, als Mann Erzieher zu werden, verneint er. Die seien erst während der Ausbildung gekommen. "Da bin ich schnell mal schief angeschaut worden." Im entfernten Bekanntenkreis habe man ihn belächelt.

Auch die Beziehung zu Mädchen sei als männlicher Erzieher oftmals schwierig, weil ein Mann schnell in einen "Generalverdacht" gerate. Er selbst habe das während seines Berufsanerkennungsjahres erlebt. Ein Mädchen, zwischen acht und neun Jahre alt, habe es komisch gefunden, dass er als Praktikant zum Rauchen immer das Gelände verließ und sich vorher umsah, damit ihm kein Kind folgte. Daraufhin habe sie ihrem Vater erzählt, "dass ich sie immer so komisch angeschaut habe". Und das, so erinnert sich Feicht, gerate dann schnell mal in den falschen Hals.

Das Problem mit der Bezahlung

Außer Rollenklischees nennen der Erzieher und die Politikerin aber noch zweit weitere Gründe für den geringen Männeranteil in Kitas. Zum einen wäre da die Bezahlung. "Der Job ist schlecht, oder sagen wir mal nicht übermäßig gut bezahlt", bedauert Feicht. Gilt das für Frauen genau wie für Männer, so ist der Erzieher doch überzeugt, dass viele Männer unterbewusst immer noch vom traditionellen Rollenverständnis des Alleinverdieners geprägt sind. Die geringe Bezahlung sei daher ein größeres Hindernis.

Eng damit zusammen hängt der zweite Grund: die lange Ausbildungszeit und die nur gering bis gar nicht vorhandene Bezahlung währenddessen. In Bayern geht die reguläre Ausbildung fünf Jahre lang: zwei Jahre Vorpraktikum, zwei Schuljahre und ein Berufsjahr. Ginge es nach Feicht, dann müsste mindestens ein Jahr des Vorpraktikums gestrichen werden.

Ein Schritt in diese Richtung könnte der aktuelle Modellversuch des Bayerischen Kultusministeriums sein, den Doris Rauscher mittels eines Antrags im Landtag mitinitiiert hat. Angelehnt an eine in Baden-Württemberg bereits seit 2012 angebotene praxisorientierte Ausbildung, ermöglicht dieser seit dem Schuljahr 2016/17 an einigen Fachakademien in Bayern die sogenannte "Erzieherausbildung mit optimierten Praxisphasen" (OptiPrax).

Optimiert ist laut der SPD-Landtagsabgeordneten nicht nur die auf drei Jahre verkürzte Ausbildungszeit, sondern auch die enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Anstatt wie bisher beides getrennt voneinander zu lernen, besuchen die Teilnehmenden alternierend eine Fachakademie für Sozialpädagogik und eine sozialpädagogische Einrichtung. Dabei wird der Praxisanteil erhöht und eine finanzielle Vergütung von etwa 850 bis 950 Euro ermöglicht.

"Dass es ein Bildungsberuf ist, ist noch nicht so angekommen"

Und tatsächlich: Kaum wird die Erzieherausbildung attraktiver, sind auch mehr Männer mit am Start. So betrug ihr Anteil in der "OptiPrax"-Ausbildung in den vergangenen zwei Schuljahren jeweils sieben bis acht Prozent mehr als in der regulären Ausbildung.

Den Erzieherberuf insgesamt aufwerten, das ist daher der Hauptansatz Rauschers, um den auch im Bundesvergleich niedrigen Anteil von männlichen Erziehern in bayerischen Kitas zu erhöhen. Und dazu gehöre neben den genannten Punkten auch eine Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung des Berufes. "Dass es ein Bildungsberuf ist, ist noch nicht so angekommen", bemängelt Rauscher. Vielmehr werde er immer nur mit Betreuung in Verbindung gebracht. Eine Einschätzung, die Feicht teilt und sich "mehr Wertschätzung in der Öffentlichkeit" wünscht.

Neben diesen allgemeinen Verbesserungen des Berufsbilds sei möglicherweise auch eine männerspezifische, positive Imagekampagne nötig, erwägt Rauscher. Diese könne helfen, sichtbar zu machen, wo Männer arbeiten. Denn, das habe ihr zumindest ihre eigene Erfahrung in Kitas gezeigt: "Wo ein Mann ist, kommen auch andere."

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SZ vom 13.05.2019/koei
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