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Lesung in Vaterstetten:Smart, aber gefährlich

Su Turhan; Su Turhan Autor

Su Turhan, Autor der beliebten "Kommissar-Pascha“-Reihe, präsentiert sich nun mit "Die Siedlung“ von einer völlig anderen Seite.

(Foto: Regina Recht/oh)

Autor Su Turhan stellt seinen Thriller "Die Siedlung - Sicher bist du nie" vor, der keine Science Fiction sein soll

Überall schießen Neubaugebiete aus dem Boden. Die Häuser: optimal gedämmt und auf Wunsch auch "smart". Beleuchtung, Heizung und Musikbeschallung lassen sich per Sprachsteuerung regulieren, der Kühlschrank bestellt die fehlende Milch per App gleich selbst. Das alles und noch viel mehr gibt es auch in der von dem Münchner Autor Su Turhan erdachten "Siedlung". Zusätzlich zu 99 Wohneinheiten beherbergt der für Fußgänger und Selbstfahrautos optimierte "Himmelhof" eine Schule, einen Supermarkt, eine Klinik und zahlreiche Firmenzentralen, so dass die 1012 Bewohner die Anlage im Prinzip überhaupt nicht mehr verlassen müssen. Was allerdings einigen von ihnen nicht wirklich gut bekommt: Gleich zu Beginn läuft ein Gärtner Amok und auch später beeinträchtigen Gewalt und Tod das paradiesische Idyll voller Künstlicher Intelligenz, dessen Faszination sich auch Undercover-Ermittlerin Helen Jagdt zunächst nicht entziehen kann... Am Donnerstag, 26. September, stellt Turhan das Buch bei einer Lesung in Vaterstetten vor.

SZ: Herr Turhan, viele Leser kennen Sie durch Ihre "Pascha"-Romane. Haben Sie genug von Zeki Demirbilek?

Su Turhan: Überhaupt nicht! Tatsächlich habe ich, nachdem "Die Siedlung" fertig war, nahtlos am neuen Pascha gearbeitet.

Man kann aber schon sagen, dass der Thriller maximal unterschiedlich zu Ihren bisherigen Krimis ist...

Das haben Sie schön ausgedrückt. Tatsächlich ist er diametral entgegengesetzt und zwar bis hin zur Syntax. Ich wollte, dass Form und Inhalt Hand in Hand gehen und habe daher eine maximal einfache Sprache gewählt mit Subjekt, Prädikat, Objekt. Das fiel mir am Anfang wirklich schwer und manchmal habe ich mich dabei ertappt, doch wieder "Pascha"-Sätze zu schreiben. Da musste ich dann aus einem drei machen (lacht). Allerdings zeigt die bisherige Resonanz, dass auch Pascha-Fans das Buch mögen. Sie sagen: Sobald man in diese ganz andere Welt eingetaucht ist, wird man hineingesogen.

Und wie kamen Sie auf die Idee für diese "ganz andere Welt"?

Durch ein Drehbuch, das ich früher mal in der Mache hatte (Turhan ist auch Regisseur - A.d.R.). Bei dem Projekt, aus dem aber nichts wurde, ging es um ein intelligentes Einfamilienhaus. Als ich dann eine Pascha-Pause brauchte, habe ich die Ursprungsidee erweitert und diese abgeschlossene Welt mit ihrem Netzwerk an Häusern kreiert.

Dort leben ja die unterschiedlichsten Menschen: Vom Siedlungsgründer, Ex-Spitzenforscher der Biochemie, über die PR-Fachfrau mit ihrer superschlauen Tochter bis hin zu diversen Medizinerinnen, die ganz eigene Pläne haben ... Wäre das nicht die perfekte Vorlage für eine TV-Serie?

Ich darf verraten, dass wir bereits im Gespräch mit Produktionsfirmen sind. Mal sehen, ob die ursprüngliche Drehbuchidee über den Roman den Weg in die Filmwelt zurückfindet. Ich denke, mit den Figuren und ihren Konflikten in dem Hightech-Areal ließen sich visuell und erzählerisch spannende Geschichten spinnen.

Science-Fiction geht offenbar immer ...

Einspruch! Ich lege Wert auf die Tatsache, dass ich einen Thriller geschrieben habe, der nicht im Jahr 2150 spielt, sondern in einer nahen Zukunft. Alle geschilderten Vorgänge basieren auf echten Forschungen und bereits angewandten Techniken.

Wie und wo haben Sie recherchiert?

Neben Tonnen von Lektüre, die ich im Netz, in Bibliotheken und im Zeitschriftenhandel gefunden habe, besuchte ich das IBM Watson IOT Center in München. Was da im Bereich "Internet of Things" passiert - Wahnsinn!

Das "Internet der Dinge" ist, vereinfacht ausgedrückt, die Verknüpfung zwischen Mensch und Maschine ...

Genau. In meinem Buch passiert das vor allem durch ein Datenband, dessen Sensoren nicht nur die Vitalfunktionen aller Bewohner aufzeichnen, sondern auch ihre Emotionen. So kann der Zentralrechner direkt reagieren - zum Beispiel mit beruhigender Musik, wenn jemand aufgeregt ist.

Würden Sie persönlich so ein Band tragen oder all diese eigenständig agierenden Maschinen daheim haben wollen?

Ich bin kein Zukunftsverweigerer. Mein Smartphone trage ich immer in der Hosentasche, benutze es bei Bedarf als Diktafon. Auch spreche ich mit der "Siri" in meinem Mac. Eine Watch habe ich noch nicht, will mir aber eine zulegen, weil ich so viel darüber geschrieben habe. Wenn mir etwas in meinem Leben hilft oder es angenehmer macht, dann nutze ich es. Allerdings wohldosiert.

Nun zur Veranstaltung in Vaterstetten: Wie wird die ablaufen?

Ich lese vom Pad, so weit ich komme. Zwischendurch erzähle ich, was immer mir einfällt. Kommt auf die Menschen an, die im Saal sitzen. Auf die Stimmung.

Gibt es Musik, wie bei den Pascha-Lesungen?

Nein. Das passt nicht zu dieser Near-Future-Story, die absolut ernst gemeint und vorstellbar ist. Was ich vortrage, ist ein Thriller, die Präsentation garantiert nicht. Meist beginnen die Leute trotz allem zwischendurch zu lachen.

Das Thema ist hochaktuell und Sie lesen im Gymnasium Vaterstetten - haben sich schon Schulklassen angemeldet?

Noch nicht, so viel ich weiß, aber wenn, würde ich mich sehr freuen! Ich könnte mir gut vorstellen, mit Jugendlichen über den Weg von der Technik zu ethisch-moralischen Fragen zu diskutieren und darüber, was möglich und denkbar ist. Auf jeden Fall gibt es keine FSK-Beschränkung.

Lesung von Su Turhan am Donnerstag, 26. September um 19.30 Uhr in der Aula des Humboldt Gymnasiums, Veranstalter ist der Buchladen Vaterstetten. Der Eintritt kostet fünf Euro.