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Lesereise:Wider die Prüderie

Erinnerungen an den Volkskundler Georg Queri im Anzinger "Weinbeisser" zeigen die sprachliche Derbheit der Altbayern

Vor etwas mehr als hundert Jahren hat sich in der Anzinger Metzgerei Gackstatter eine Bauernhochzeit zugetragen, genauer gesagt im Saal über der Metzgerei. Es kam wie es kommen musste: "Am 30. Januar 1912 ehelichte der Sohn des Schwaigerbauern Hollerith von Anzing die Tochter des Heimererbauern von Anzing." So beginnt die Schilderung dieser Hochzeit mit ihren uralten Bräuchen, wie sie der Journalist, Schriftsteller und Volkskundler Georg Queri damals als Gast selbst miterlebt hat. Der Priester reicht dem jungvermählten Paare alsbald geweihten Sankt-Johannis-Wein, wie Queri in einem Kapitel seiner volkskundlichen Sammlung "Kraftbayrisch" beschreibt. Dieser Wein galt seinerseits als Trank der Liebe und Zuneigung. Allerdings wurde er auch dem Scharfrichter und seinem Delinquenten vor der Hinrichtung gereicht.

Bairisch kann ein gnadenlos unromantischer Dialekt sein, das wurde am Mittwochabend in Anzing deutlich. Auf der Kleinkunstbühne im "Weinbeisser" hatte Gastgeber Conny Hoffmann den Münchner Historiker Michael Stephan und den Volksschauspieler Bernhard Butz geladen. Die beiden erinnern in ihren Lesereisen seit 15 Jahren an den Kampf Queris gegen die Prüderie seiner Zeit. Mit seinem altbairischen Timbre trifft Butz haargenau Queris Ton. Stephan, Leiter des Münchner Stadtarchivs, spricht die biografischen Teile über Queris kurzes Leben (1879 bis 1919), was auch versteht, wer nicht in Oberbayern aufgewachsen ist.

Bei ihrem ersten Besuch in Anzing seit 13 Jahren ging es vor allem darum, wie der Altbayer schimpft, und welche Ausdrücke er im Bereich der Fortpflanzung zu verwenden pflegt. Wobei Gepflegtheit hier in weiten Teilen sicherlich der verkehrte Begriff ist, so grobschlächtig und rustikal wie Queris "Krafbayrisch. Wörterbuch der erotischen und skatologischen Redensarten" daherkommt. Zum Beispiel die Hymne an "Zenzis Wadl": Der Verfasser erklärt der Zenzi, er würde auf sämtliche Leberknödel pfeifen, "derfad i nua oamoi deine Wadln greifn".

Man muss dazu sagen, dass es zu dieser Zeit keinen öffentlichen Feminismus gab, und keine Hashtags. Insofern ist es kaum verwunderlich, dass auch Queris Aufzeichnungen über das brunzende Reserl in Druckform erschienen: "Ihr scharfer Urin" sei schwer erträglich, weswegen die einzige Lösung sei, "dass ma ihr den Wassertank stopft". Queri zitiert hier Beobachtungen von vor über 100 Jahren. Und doch bleibt dem Anzinger Publikum das Lachen im Halse stecken. Ganz schön grob. Aber auch ganz schön echt.

Im Weinbeisser sind sie solch direkte Derbheit nicht gewohnt, was wahrscheinlich daran liegt, dass Kleinkunst-Liebhaber selten Zeit in Kabinen von Fußballmannschaften verbringen. Immerhin, man lernt auch was: Eine "Schuxl" ist eine "flatterhafte Matz, wia a Brunzhaus, da is oiwei wer drin", wie Butz übersetzt. Dann geht es weiter mit einer Sammlung an Begriffen, mit der die altbairische Sprache den Geschlechtsakt beschreibt, meist kurz, aber doch sehr konkret. "Gockeln" oder "vaschiam" sind noch die harmlosesten Varianten, man versteht sie auch ohne Übersetzung.

Queri hielt Kontakt zu Ludwig Thoma, beide verbindet, dass sie zwischen 1914 und 1918 Kriegsliteratur für die Frontsoldaten geschrieben haben. Der Unterschied: Queri distanzierte sich später vehement von all dem, Thoma nicht. Insofern ist es bedauerlich, das der Name Georg Queri deutlich weniger bekannt ist. 1902 begann der Starnberger eine Laufbahn als Lokal- und Gerichtsreporter bei den Münchner Neuesten Nachrichten. Von 1908 an war er Schriftleiter des Starnberger Land- und Seeboten. 1911 erschien "Bauernerotik und Bauernfehme" in Oberbayern, 1912 folgte "Kraftbayrisch". Die Bücher fielen allerdings auch dem berüchtigten Zensurbeirat bei der Polizeidirektion München auf - und wurden verboten. Erst durch Gutachten der Queri-Freunde Ludwig Ganghofer und Ludwig Thoma hob das Königliche Landgericht München I die Zensur auf.

© SZ vom 24.02.2018
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