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Leserbriefe:Windpark im Forst?

An diesem Sonntag findet die Abstimmung darüber statt, ob fünf Windräder im Ebersberger Forst gebaut werden. Die Meinungen von SZ-Leserinnen und -Lesern

(Foto: Christian Endt)

Zu verschiedenen Berichten zum möglichen Windpark im Ebersberger Forst und Leserbriefen dazu:

Bürgervotum eine Form der Bürgerinformation?

Am 16. Mai stimmen wir Bürger im Votum ab, ob im Forst maximal fünf Windkraftanlagen (WKA) errichtet werden sollen. Warum dieser unverständliche Wortlaut? Im Rahmen der Infokampagne erklärt die Energieagentur, dass nicht über fünf WKA abgestimmt wird, sondern darüber, ob die Landschaftsschutzgebiets-Verordnung (LSG-VO) modifiziert werden soll, um den Bau von WKA zu ermöglichen. Ist mit "Modifikation" die "Änderung" der LSG-VO gemeint, so dass eine Windparkfläche innerhalb des LSG zoniert werden kann? Dies wäre nach dem Bayerischen Windenergieerlass 2016 (BayWEE) möglich, allerdings nur unter Beibehalt der Schutzzwecke der LSG-VO!

Der zentrale Schutzzweck der LSG-VO (§2a) für den Forst ist die "Sicherung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts durch Erhaltung dieses geschlossenen Waldgebietes". Weil laut Gutachten für Nachhaltigkeit über den ganzen Forst eine homogene Artenvielfalt und Biodiversität vorliegt, würde aufgrund des großen Wirkraums der WKA das gesamte Ökosystem Forst destabilisiert. So lautet das Fazit der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) in der Stellungnahme zum Kreistag am 27.01.2020: "Die Errichtung und der Betrieb von WKA im LSG Ebersberger Forst führen zu Beeinträchtigungen und Verminderungen des Naturhaushalts, die so weit reichen, dass die Bestandspopulationen einzelner Arten gefährdet werden. Das Schutzziel kann somit nicht eingehalten werden und eine Zonierung mit Erhalt der jetzigen Schutzzweckformulierung ist nicht möglich." Laut Stellungnahme der UNB zum Kreistag am 03.05.2018 müsse demnach die "LSG-VO in ihrem Kern geändert werden, was einer Aufhebung gleichkomme." Ist also unter der "Modifikation" eine "Aufhebung" zu verstehen? Vermeidet die Energieagentur ganz gezielt den Ausdruck "Änderung der LSG-VO" und bedient sich des Wortes "Modifikation"? Erhärtet wird dieser Verdacht durch die Tatsache, dass beim WKA-Bau im Forst auch die Schutzzwecke "die Eigenschaft der Landschaft durch die Erhaltung der typischen Reliefformen (...) zu bewahren" und "das Waldgebiet für die Erholung zu sichern" ebenfalls nicht eingehalten werden können (LSG-VO §2b, c). Laut UNB "scheidet für diese Schutzzwecke eine Zonierung innerhalb des LSG unter Beibehalten der Schutzzwecke aus".

Sollte das "sperrig" formulierte Votum uns Bürger suggerieren eine Entscheidung treffen zu dürfen, obwohl der Kreistag den Windpark längst beschlossen hat? Wurde im Rahmen des Votums lediglich die im BayWEE angeratene Bürgerinformation abgearbeitet, um im Landkreis möglichst schnell sehr viele WKA bauen zu können? Christine Lehmann, Ebersberg

Votum begrenzt den Bau

Ein "Nein" beim Bürgerentscheid am 16. Mai bedeutet: die fertigen Verträge für maximal fünf Windräder zwischen Bayerischen Staatsforsten und dem Landkreis Ebersberg sind hinfällig. Die Bayerische Staatsregierung hat vorgegeben in den Staatsforsten mindestens 100 Windräder aufzustellen. Als Eigentümer des Ebersberger Forstes können sie das nach einem "Nein" und sind frei beliebig viele Windräder im Forst aufzustellen, denn: Windräder sind privilegierte Bauvorhaben. Bianka Poschenrieder, Zorneding

Nicht mehr viel Zeit

Die Zeit ist reif, jetzt zu handeln für die unsere Zukunft unserer Kinder. Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir dringend die schnelle und konsequente Wende zur CO₂-Neutralität angehen müssen, denn unsere Kinder und Kindeskinder werden ansonsten hier in Ebersberg nicht mehr über Landschaft- und Vogelschutz diskutieren, sondern mit der Versteppung unserer Landschaft, mit Wasserknappheit, mit riesigen Waldbrände wie in USA und Australien, weltweiten Großkriegen um Wasser und Land und mit einem grausamen und katastrophalen Migrations-Druck kämpfen. Nötigen große Veränderungen sind leider nie umsonst zu haben, sondern haben immer auch einen Preis, den man aber mit dem Preis für die Bewahrung des "Status-Quo" vergleichen muss.

Umdenken und Veränderung bieten aber meistens über den anfänglichen Preis hinaus viele neue Handlungs-Perspektiven und Möglichkeiten, wie zum Beispiel Kriege zu entschärfen, die seit fast 100 Jahren um die knappen Energieressourcen Öl, Kohle, Gas und Zugang zu sauberem Wasser geführt haben. (Öl-, Gas-, Uran-, und Kohleförderung sind ja mit Hauptverschmutzer der weltweiten Trinkwasserressourcen).

Ein wichtiger Baustein für eine gute Zukunft unserer Kinder ist die "Energiewende", und ein wichtiger Baustein dieser Energiewende ist die "Windkraft". Ja, Windräder sind keine Ausgeburt an Schönheit, kosten etwas an Landschaft (~0,02% des Ebersberger Forstes!), werden leider ein paar Vögel töten (aber nicht so dramatisch wie das die Gegner darstellen), und erzeugen Lärm, was durch Technologieinnovation heute stark reduziert ist.

Wenn wir als Landkreis Ebersberg unseren Beitrag zur Energiewende leisten, dann können wir vielleicht Teile unseres schönen Waldes und unseres weiß-blauen Himmel auch noch in 50 Jahren erhalten. Wer wie ich in täglicher Sichtweite des Atomkraftwerks Gundremmingen aufgewachsen ist, sich schon mal die großem Braunkohle-Reviere angesehen hat und um die beträchtlichen Probleme beim Rückbau dieser Altenergie-Lasten weiß, der kann eigentlich solche Windkraftanlagen nicht ernsthaft bekämpfen. Windräder sind nämlich im Gegensatz zu alten Kraftwerken relativ problemlos in wenigen Monaten rückbaubar und zu großen Teilen gut zu recyceln.

Wir haben leider nicht mehr viel Zeit für eine konsequente Energiewende. Die Windkraft-Gegner versuchen aber das zu suggerieren, dass noch viel Zeit nötig ist, dass alles nochmals neu diskutiert werden sollte - um zum Beispiel den Tierschutz weiter zu verbessern - die nächste Generation kann ja dann entscheiden. Mit langfristig orientiertem und durchdachtem Landschafts- Tier- und Umweltschutz hat das in meinen Augen wenig gemein.

Wenn wir unsere Ebersberger Umwelt langfristig erhalten und schützen wollen, hilft uns nur eine konsequente, schnelle und die Bürger beteiligende Energiewende. Um global Veränderungen anzustoßen, müssen wir lokal anfangen zu handeln. Beim Bürgerentscheid "Windenergie im Ebersberger Forst" mit JA zu stimmen ist hier ein klarer und konsequenter erster Schritt. Pietro Brenner, Ebersberg

Klimawandel zerstört die Wälder

Fakten und Daten sind bezüglich der fünf Windräder im Ebersberger Forst hin- und ausreichend vor- und auch dargestellt sowie ausgetauscht worden. An Fakten und Daten mangelt es uns nicht. Der Leserbrief "Fuchs und Haselnuss" in der Ausgabe vom 4. Mai hat mich sehr angeregt, ein Erlebnis mit meinem Vater im Sommer des letzten Jahres mitzuteilen. Wir fuhren durch die mittelhessischen Wälder und durch den Ostteil des Thüringer Waldes. Was wir dort gesehen haben, sehen mussten, war, dass ganze Abschnitte, Gebiete dieser Wälder vollkommen abgestorben, vertrocknet sind, insbesondere die Fichtenwälder. Ganze Schneisen toter Wald. Es ist nicht nur ein grauenhafter Anblick - es ist grauenhaft und wir waren sehr erschrocken. Das hat meinen 92-jährigen Vater zu dem Ausspruch gebracht: "So was habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen." Und diese Veränderung geschah in weniger als einem Jahrzehnt. Berichtet wurde uns vor Ort, dass sich dies alles in den letzten fünf Jahren so gravierend verändert hat.

Um in der Sprache des angesprochenen Leserbriefes zu bleiben, hätte ich gerne dort Fuchs, Reh, Hase, Igel und Haselnuss gefragt, wie es denn dazu kam - aber diese Tiere und die Haselnuss gibt es in den dortigen toten Wäldern nicht mehr und können mir auch keine Antwort mehr geben. Denn ihren Lebensraum gibt es dort schlicht und ergreifend nicht mehr. Vielleicht hätten sie mir gesagt: Warum habt ihr nichts für uns getan? Damit ich aber Fuchs, Storch und Haselnuss, die Kleinen und Sprachlosen, in Zukunft noch im Ebersberger Forst begegnen kann, bin ich für Handeln - und das jetzt. Gerne bin ich damit einverstanden, einen Bruchteil des Ebersberger Forstes für die Errichtung von fünf Windrädern zur Verfügung zu stellen, um den Totalverlust des Ebersberger Forstes zu verhindern. Noch habe ich die ganz große Hoffnung, dass es für den Ebersberger Forst nicht zu spät ist. Daher stimme ich mit JA und bitte darum, dass zügig und rechtzeitig auch die Realisierung kommt. Georg Hohmann, Markt Schwaben

Mehr Nachhaltigkeit im Alltag

Am 4. Mai wurde in der SZ der Leserbrief von Herrn Bernhard Winter veröffentlicht. Leise und warm kommen darin tiefgründige Gedanken und Bilder in poetischer Sprache daher und berühren mein Herz. Da geht es um Verbunden-Sein mit den Geschöpfen der Natur, Bäumen, Tieren, Menschen und das Wissen: wir sind Teil der Natur und brauchen sie, um leben zu können und lebendig zu sein und müssen sie schützen und bewahren. Ganz anders die lauten, grünen Töne: sei es als Werbespruch, "ja, weil sauberer Strom in unserer immer energiehungrigeren Gesellschaft nicht automatisch aus der Steckdose kommt" oder "das ist doch eh nur ein Nutzwald" (gibt es bei uns überhaupt noch Wälder, die keine Nutzwälder sind?) oder "es will doch keiner Windräder haben, also bleibt nur der Wald".

Am 5. Mai meldete die Organisation "Global Footprint Network", dass Deutschland den "Overshoot Day" erreicht hat. Ab diesem Tag verbraucht Deutschland mehr natürliche Ressourcen als im Laufe des Jahres nachwachsen können. Das bedeutet, das restliche Jahr 2021 leben wir im Hinblick auf die Natur und die nachkommenden Generationen "auf Pump". Oder, anders gesagt: derzeit bräuchten wir für unsere Lebens- und Wirtschaftsweise drei Erden. Helfen da fünf Windräder im Forst? Jetzt ganz schnell erneuerbare statt fossiler Energie und weiterleben wie bisher? Ich glaube, dass wir einen anderen Geist, eine andere Haltung zur Natur brauchen, eine, die in dem Leserbrief von Herrn Winter und vielen anderen Leserbriefen spürbar wird.

Die Denker der Aufklärung prägten ein bis heute wirksames mechanistisches, Vernunft und Logik betonendes Weltbild. Sie erklärten die Natur zu einem Zweckgegenstand, den es zu unterwerfen und auszubeuten gilt. Für sie war die Natur kein eigenes Wesen, sie hatte keinen Eigenwert. Wir spüren und erleben immer deutlicher, dass das falsch ist, aber wir haben Angst, das Richtige zu erdenken und zu tun: weniger Konsum, weniger Wirtschaftswachstum, weniger Energie, weniger ... Wir haben Angst, inne zu halten, anzufangen, von den nachhaltigen Kreisläufen der Natur zu lernen, wir trauen uns nicht zu, die Unsicherheit der Neuorientierung zu ertragen und wagen es nicht, weniger mächtig und selbstbezogen, dafür demütiger und dankbarer zu sein und uns einzuschmiegen in die Jahrmillionen dauernde Bewegung der Evolution.

Als junge Erwachsene war ich betroffen vom dem damals aufkommenden Thema des Waldsterbens. Seither bedenke ich in meinen Entscheidungen und meinem Konsumverhalten meine Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung. Wenn ich mir vorstelle, was ich in einigen Jahren in meiner Rente tue, kommt da kein SUV, kein Fernflug, keine Kreuzfahrt, kein Luxus wie Zweitwohnsitz oder Wohnmobil vor. Ich möchte jeden Tag im Ebersberger Forst spazieren gehen, und manchmal mit dem Zug in die Berge fahren oder innerhalb Europas verreisen. Und wenn ich mal ein Enkelkind habe, will ich mit ihm den Ebersberger Forst neu entdecken, so groß und geschlossen wie er heute ist, und ihm sagen können: im Mai 2021, da habe ich mitgekämpft, dass dieser in Süddeutschland einmalige Lebensraum nicht verletzt und beschädigt wird, so dass nun auch du dort Ruhe, Freude und Naherholung finden kannst. Dr. Katharina Taffertshofer, Ebersberg

Romantische Desinformation

Wäre es möglich, würde ich gerne Fuchs, Storch und Haselnuss fragen, ob sie vor fünf Windrädern im Ebersberger Forst geschützt werden wollen, und ob sie für das Erreichen der Klimaziele sind oder nicht, denn nur darum geht es. Man kann sich gut vorstellen, was Meister Reineke als eines der schlauesten Naturwesen antworten würde und Meister Adebar ist ohnehin kein Waldwesen, er braucht weite Wiesen und Sümpfe, und die Haselnuss? Was würde die Haselnuss sagen zu einem Windrad irgendwo weit über ihr? Kann sich jeder selber ausmalen.

Als Ex-Kommunalpolitiker sollte Bernhard Winter eigentlich wissen, dass diese fünf Windkrafträder ein notwendiger Teil der Energiewende des Landkreises sind, dass diese nur gebaut werden wenn die artenrechtliche Untersuchung den Bau zulässt. Es ist gefährlich was Bernhard Winter hier betreibt, wenn er auf romantisierende poetische Weise den nicht so gut informierten Wähler desinformiert und, wenn mehrheitlich mit Nein gestimmt wird, mit dazu beiträgt dass die Klimaziele nicht erreicht werden oder verspätet, es ist ohnehin schon eher fünf nach zwölf als fünf vor zwölf. Eva Höcherl, Pliening

St-Florians-Prinzip

Seit Wochen findet eine sehr engagierte öffentliche Diskussion um die Windräder im Ebersberger Forst statt. Kreistag und Landrat haben sich im Bewusstsein der schwierigen Entscheidung für einen Bürgerentscheid ausgesprochen, der am 16. Mai stattfinden soll. Prominente Personen und Funktionsträger aus dem gesamten Landkreis befürworten das Projekt. Die Gegner, örtliche Schutzgemeinschaften und Anwohner der angrenzenden, stärker betroffenen Gemeinden, lehnen das Vorhaben ab. Dafür habe ich größtes Verständnis.

Ich befürworte grundsätzlich auch die Windkraft. Allerdings stört mich das Verfahren. Was als demokratische Entscheidung aller Landkreisbürger daherkommt, ist nichts anderes als das St-Florians-Prinzip. Die Wähler aus dem Nordosten und Süden tun sich relativ leicht, zuzustimmen. Die Windräder bewegen sich nicht vor ihrer Haustür und mindern auch ihr Eigentum nicht.

Ein Bürgerentscheid machte in diesem Fall mehr Sinn, wenn es eine landkreisweite Planung für Windräder, ein Gesamtkonzept für alle Gemeinden gäbe, das zum Beispiel auf dem "Windenergieatlas Bayern" beruhen könnte. Es kann doch nicht sein, dass unser Energiekonzept Windkraft von Einzelinteressen und -initiativen (siehe Anlage Bruck) abhängig gemacht wird. Es bedarf einer bayernweiten Bauleitplanung, in die Kommunen und Bürger entsprechend eingebunden sind, damit nicht nur Zufallsprojekte entstehen. Mit solchen würden weder die Ziele der Energiewende erreicht noch dem Umwelt- und Landschaftsschutz Rechnung getragen. Konrad Gigler, Moosach

Der Wald braucht keinen Strom

Vorneweg: Ich war nie Mitglied einer Partei und werde das sicher weiterhin so halten. Warum ich als "alteingesessener" Landkreisbürger jetzt diesen Leserbrief schreibe? Weil mich ganz besonders der Stil der jetzigen Diskussion um Windräder im Landschaftsschutzgebiet Ebersberger Forst ärgert. Alle Landkreisbewohner, die Windräder in unserem Forst kritisch sehen, werden mir nichts, dir nichts pauschal als Windkraftgegner, Klimaleugner oder "Trumpisten" diffamiert und ins braune rechte Eck gestellt. Verantwortungsbewusste Politikerinnen und Politiker sollten Derartiges unterlassen oder brauchen sich über Auswüchse dann nicht zu wundern. Sicher, der jetzige gesellschaftliche Diskurs um Windräder im Forst ist schmerzhaft, aber vor allen Dingen notwendig. Wer sich hier dem Austausch von Argumenten verweigert, disqualifiziert sich und hat in der Politik nichts (mehr) zu suchen.

Für mich ist es klar, dass wir im Landkreis Ebersberg ohne Windkraftanlagen die Energiewende nicht schaffen werden. Wir haben alle Verantwortung für diesen Planeten und gegenüber den uns nachfolgenden Generationen. Es mag mitunter ein wahres Dilemma sein, aber wir müssen unser Tun stets nach allen Seiten zukunftsfest wägen und bereits abgeschlossene "Verträge" einhalten. Wenn wir also Natur, Mitgeschöpfe, Fauna und Flora in Reservate sperren und diese dann als Schutzgebiete unter unser aller Schutz stellen, dann müssen wir diesen Schutz auch aus- und durchhalten. Ein bösartiger Vertragsbruch wäre es deshalb, 250 Meter hohe Windkraftanlagen in jahrzehntealte Landschaftsschutzgebiete, jahrhundertealte Bannwälder und direkt an bestehende Wildruhezonen zu setzen. Und das alles nur, um allein unsere Bedürfnisse rein egoistisch über alle und alles andere zu stellen. Hierzu ein klares "Nein"! Wenn wir Strom und Komfort wollen, dann ist es den anderen Lebewesen gegenüber ethisch geboten, dessen Erzeugung auch selbst "auszuhalten". Die Natur, der Wald, die Tiere und Pflanzen benötigen keinen Strom; denen reicht es, von uns in ihren Schutzgebieten in Ruhe gelassen zu werden. Deshalb bin ich für Windräder in unserem Landkreis, aber entschieden gegen Windräder in geschützten Gebieten.

Regenerative Energie aus Wind und Sonne gibt uns die Chance, Energiegewinnungsanlagen flexibel genau dorthin bauen, wo Energie benötigt und verbraucht wird. Anders als Menschen oder Windräder ist Natur ortsgebunden und nicht mobil. Deshalb müssen die Windräder zu den Menschen kommen. Alles andere entspräche dem "altbewährten" Floriansprinzip. Im Forst wären die Windräder für viele aus den Augen und dem Sinn. Zugleich wären sie so ein Vorwand, außerhalb nichts mehr tun zu müssen. Wir sehen diese Argumentation doch schon jetzt in Form der vorgeschobenen 10H-Regelung. Diese jedoch ist menschengemacht und für wirklich windenergiewillige Kommunen durch Bebauungsplan jederzeit abänderbar. Unsere Landkreiskommunen bringen es fertig, an allen Ecken des Landkreises Bebauungspläne für Riesengewerbegebiete in Kraft zu setzen. Passende Bebauungspläne für Windräder sollten deshalb für sie doch eigentlich kein Problem sein. Und das ginge sicher schneller als das aufwendige Verfahren, das wir jetzt seit Jahren mit Windkraftanlagen im Landschaftsschutzgebiet Ebersberger Forst haben.

Tatsächlich gibt es Plätze außerhalb des geschützten Ebersberger Forstes und unserer wenigen sonstigen Schutzgebiete, an denen Windräder weitaus bessere Erträge liefern sowie vergleichsweise weniger stören und Schaden anrichten. Dazu der vielzitierte Professor Dr. rer.nat. Harald Lesch: "Sie (die Windräder) auf Felder zu stellen wäre natürlich besser, denn der Wind strömt besser über freien Flächen als über Wälder." Richard Paul, Forstinning

Nichts zu tun ist egoistisch

Fünf Windräder für den Forst sind nur ein kleiner Anfang, im Rahmen unserer Möglichkeiten etwas gegen den Klimawandel zu tun. Ihn aufzuhalten eilt, eilt sehr. Weltweit werden wir wenig erreichen, aber auch die geringste Verzögerung ist eine Sünde. Wen die Verantwortung für seine Nachkommen umtreibt, muss wenigstens diese fünf WKA zulassen. Die 20 weiteren, die wir im Landkreis noch brauchen (nicht im Forst) werden dank der idiotischen 10H-Regel wohl kaum vor 10 bis 15 Jahren stehen. Jetzt gar nichts tun, ist nur mit verantwortungslosem Egoismus erklärbar. Wir hinterlassen dann nur eine große Ansammlung vertrockneter Holzstangen - aber zur Freude der dann Lebenden, ohne Windkraftanlagen. Die Menschen werden uns dankbar sein. Ich möchte daran aber nicht schuld sein und mit "Ja" stimmen. Jürgen Harttmann, Baldham

Vorrangig Emissionen senken

Es sei an dieser Stelle erlaubt, einige grundsätzliche, übergeordnete Fakten in einer vernünftigen Reihenfolge zu bringen, die bei der Entscheidung für oder wider der Windräder im Forst eine Rolle spielen sollten. Viele gewichten die nachfolgenden Aspekte meist nicht.

Der Klimawandel wird durch Treibhausgase verursacht, die durch die Verbrennung von Kohle, Erdöl und -Gas in die Atmosphäre gelangen. Es sind die Energieträger, die unsere industrielle Zivilisation überhaupt erst möglich gemacht haben. Auf diese billigen Energien beruht unsere langwährende Wohlstandsentwicklung. Die Erwärmung der Erdatmosphäre blieb uns lange verborgen. Über 90 Prozent des Temperaturanstiegs konnte durch unsere Weltmeere neutralisiert werden. Was nicht gepuffert werden kann, lässt die Temperaturen in der Atmosphäre nun fühlbar steigen. Die globale Pflanzendecke verfügt selbst über erstaunliche Fähigkeiten, Temperaturschwankungen zu dämpfen.

Die Vegetationsdecke unseres Planeten ist sehr vielfältig und abhängig vom jeweiligen Klima und Bodentypus: Graslandschaften (Savannen, Prärien, Tundren), Hochwälder (äquatoriale Urwälder, europäische Mischwälder oder die nördlichen Nadelwälder), die hohe Niederschläge voraussetzen; oder Moore, die unter Wasser stehen und viel mehr Kohlenstoff in ihren Böden gebunden halten als alle Wälder der Welt zusammen. Seit sie trockengelegt wurden, gasen sie große Mengen an CO₂ aus.

Die Vegetationsdecke ist für unsere gesamte Lebenswelt entscheidend. Die Pflanzen verwandeln die Sonnenergie in Zucker, nehmen Wasser auf und speichern es. Ohne Wasser können die Pflanzen keine Nährstoffe aus dem Boden lösen oder in ihren Saftbahnen transportieren. Und: mit Wasser können die Pflanzen sich selbst wie ganze Ökosysteme kühlen, um Temperaturextreme vermeiden. Ökosysteme basteln stets an ihrer eigenen Nachhaltigkeit, indem stets komplexere Lebenssysteme aufgebaut werden: mehr Biomasse, mehr Wasserspeicherung und Schließung von Nährstoffkreisläufen, um Nährstoffverluste zu unterbinden. Dadurch können sie die natürlichen Wechselfälle des Klimas immer besser puffern und verkraften. Der Temperaturanstieg übersteigt nun die weltweiten Pufferkapazitäten. Die Ökosysteme leiden zunehmend unter Wassermangel und verlieren ihre Fähigkeit, sich zu kühlen und ihre drohende Austrocknung zu verlangsamen. Sinkende Niederschläge, steigende Temperaturen und Wetterextreme bedrohen daher große Ökosysteme wie unser Wälder.

Alle Ökosysteme zusammen können aus sich heraus die zu hohe Freisetzung von CO₂-Gasen durch CO₂-bindendes Pflanzenwachstum nicht neutralisieren. Unsere gesamte Landschaft trocknet derzeit aus. Unsere Ackerflächen können mangels Wurzeln kaum mehr Wasser speichern, unsere Wälder sind weit von Nachhaltigkeit im oben definierten Sinne entfernt. Unsere Pflanzendecke droht bald zu einer CO₂-Quelle zu werden. Einzig erneuerbare Energien können schnell fossile Energien ersetzen. Die CO₂-Emissionen müssen unbedingt vorrangig gesenkt werden. Lex Janssen, Kirchseeon

© SZ vom 11.05.2021
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