Süddeutsche Zeitung

Leserbriefe:Den Nutzwald für die Energiewende nutzen

Die Frage, ob im Ebersberger Forst fünf Windräder gebaut werden dürfen, beantwortet sich am Sonntag, 16. Mai beim Bürgerentscheid. Kontrovers geht es jetzt schon zu, wie sich an den zahlreichen Leserbriefen zeigt

Zur Berichterstattung und verschiedenen Leserbriefen zum möglichen Windpark im Forst:

Ich war Gegnerin der Windräder im Ebersberger Forst. Heute bin ich leidenschaftliche Befürworterin - warum habe ich meine Meinung geändert?

Ich war gegen die Windräder im Forst, weil ich der Meinung war, dass wir die wenigen Greifvögel und Fledermäuse, die wir noch haben, gerade im Ebersberger Forst schützen müssen. Außerdem war ich der festen Überzeugung, dass Windräder nicht gerade in ein Landschaftsschutzgebiet gehören.

Seit einem Jahr beschäftige ich mich mit den Argumenten für und gegen die Windräder im Forst. Ich war in Fuchstal, habe mir die Windräder dort im Wald angesehen und mit dem Bürgermeister gesprochen. Ich habe Infoveranstaltungen besucht, Webseiten, Leserbriefe und Zeitungsartikel gelesen. Ich habe mich mit Infraschall beschäftigt und Gutachten und Statistiken gelesen. Ich habe mich mit Energiebedarf, Energienutzung und Energieproduktion im Landkreis und in unserer Gemeinde beschäftigt. Ich habe Argumente und Mitstreiter gegen die Windräder gesucht und wenige, seriöse gefunden.

Was waren die Kippmomente in meinen Recherchen und Erfahrungen? 1. aktivbüke.de: Wir brauchen neben Ausbau von PV und Biogas nicht nur fünf Windräder, sondern 23 Windräder im Landkreis, um gerade mal 28 Prozent des zu erwartenden Gesamtenergiebedarfs bis 2030 zu decken! Ich hatte den Energiebedarf total unterschätzt! Da reichen ein paar PV-Anlagen auf unseren Dächern nicht. 2. Treibhausgasbilanzvergleich 2016 und 2018 der Energieagentur Ebersberg-München: Der Anteil der erneuerbaren Energie am Endenergieverbrauch im LKR Ebersberg ist von 14,6 auf 14,0 Prozent gesunken! Ich war entsetzt! Seit 2006 existiert der Kreistagsbeschluss bis 2030 klimaneutral zu sein und dann das? 3. Der Gemeinderat Hohenlinden hat im Dezember 2020 mehrheitlich gegen die Umstellung des Stromtarifvertrags auf Ökostrom gestimmt. Begründung: kostet 700 Euro mehr im Jahr. Die Gemeinde hätte mit dem Ökostrom bilanziell 30 Tonnen CO2 pro Jahr auf preiswerte Art sparen können. Ich war fassungslos. Wie sollte man bei dieser "mutigen" Entscheidung auch nur im Entferntesten an ein Windrad in der Gemeinde denken, das ich als Alternative zum Windrad im Forst gesehen hatte? 4. Bericht in der SZ vom 19. Februar 2021: Riesiges Nasslager im Forst und Verkauf von Holz in die USA. Im Ebersberger Forst wird Holz produziert, geschlagen, gelagert und verkauft. Die Fichten, die dort wachsen, sind nicht hier, weil sie dort naturbedingt hingehören, sondern weil sie dort aus wirtschaftlichen Gründen angepflanzt wurden. Mit dem Artikel wurde mir mal wieder eindrücklich klar, dass der Ebersberger Forst kein Naturwald sondern ein Nutzwald ist. Die Tiere im Forst mussten sich schon immer an die damit verbundenen Störungen anpassen. Warum dem Forst also nicht auch für Windkraft nutzen? 5. Ich wurde im Sommer 2020 an der Isar von einer Tigermücke gestochen. Tigermücken kommen aus den Tropen und überleben mittlerweile ganz gut bei uns. Ist der Klimawandel schon so weit fortgeschritten, dass wir uns demnächst mit Malaria, Zika und Dengue-Fieber befassen müssen?

Heute habe ich mein Kreuzerl beim Ja gemacht und das Brieferl im Rathausbriefkasten eingeworfen. Judith Ortenburger,

Hohenlinden

Die Linke ist sich nicht einig

Eine Einheitlichkeit bei der Ebersberger Linken besteht keineswegs, es gab sogar deftige gegensätzliche Wortmeldungen, auch wenn Wieland Bögel in seinem Bericht "Gemeinsame Anstrengung" vom 24. April schrieb "Nicht nur bei den Freien Wählern gibt es Abweichler, auch die CSU tut sich mit einem Ja zum Bürgerentscheid weniger leicht als SPD, Grüne, ÖDP und Linke". Es erscheint nur "leicht", weil die Linke nur ein Kreistagsmitglied hat. Tatsächlich beendeten wir die Auseinandersetzung mit dem Kompromiss, dass jeder seine Auffassung auch in Leserbriefen zum Ausdruck bringen kann, denn es ging nicht um die Frage "ob" Windkraftanlagen, sondern nur um die Frage "wo zuerst".

Als Mitglied des noch geschäftsführenden Kreisvorstandes der Linken Ebersberg-Erding kenne ich einige Mitglieder, die ich keinesfalls als "Abweichler" bezeichnen möchte, die mit mir der Auffassung sind, dass Windkraftanlagen in alle Gemeinden gehören, weil diese dann für die Wohnbevölkerung und Betriebe einen Teil ihrer Stromversorgung leisten, dagegen sollte der Ebersberger Forst als allerletzte Fläche angetastet werden. Voraussetzung dafür wäre unter anderem die Streichung der 10-H-Regelung. Zudem musste ich einige Landkreisbewohner darüber aufklären, dass mit den geplanten fünf Windkraftanlagen keineswegs genügend elektrische Energie aus Windkraft zur Verfügung steht, sondern etwa 15 bis 20 Prozent, je nach Anlagen, was in den Plakaten und Anzeigen nicht zur Geltung kommt.

Ein weiteres Problem in diesem Artikel sehe ich in Meinung von Waltraud Gruber "Das ist Trumpismus ... ich hoffe sehr, dass sich die Menschen umfassend informieren." Was nun diese Gegenmeinungen sein sollen, wird leider nicht erwähnt. Gegen welche Auffassung wendet sich dann der Trumpismus-Vorwurf? Das erinnert mich an einen Versuch, den Gegnern von Windkraftanlagen im Forst eine Nähe zur AfD anzudichten, was letztlich zu einem Austritt führte. Der Gedankengang Windkraftanlagen "Ja, aber nicht im Ebersberger Forst", ist nun kein rechtsradikaler, sondern ein auf die geschützte Fläche bezogener. Was mich selbst betrifft, geht dieser seltsame Hinweis ohnehin ins Leere, denn ich war bei der Gründung der Ebersberger Gruppe "Bunt statt braun" dabei und dort sehr häufig anwesend und aktiv.

Werner Schmidt-Koska, Pöring

Umstieg zwingend notwendig

Seit über 40 Jahren bewegt mich das Waldsterben. Damals war es in erster Linie die Luftverschmutzung durch den sauren Regen, die dem Wald zusetzte. Jetzt ist es der durch die Luftverschmutzung bedingte Klimawandel und die damit verursachte Trockenheit. Um den Wald zu erhalten ist ein Umstieg auf die erneuerbaren Energien, das heißt auch auf die Windenergienutzung zwingend notwendig.

Deshalb unterstützen neben verschiedenen Umweltschutzorganisationen auch der Bayerische Bauernverband im Landkreis Ebersberg, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und die Waldbesitzervereinigung Ebersberg das Ja zum Bürgerentscheid. Im Jahr 1990 fand in der Grafinger Stadthalle eine Landesversammlung der Grünen statt unter dem Motto "Alle reden vom Wetter - wir reden vom Klima". Mindestens seit dieser Zeit warnen die Grünen vor der drohenden Klimakatastrophe. Um unseren Kindern und Enkeln eine intakte Erde zu hinterlassen, müssen wir baldigst auch in unserem Landkreis Windräder und viele PV-Anlagen bauen. Die über 100 Kohlekraftwerke in Deutschland stoßen etwa ein Drittel des in unserem Land erzeugten CO2 aus. Auch Atomkraftwerke sind nicht die Lösung.

Mir fällt auf, dass die überwiegende Zahl der Leserbriefschreiber, die Windräder im Ebersberger Forst ablehnen, aus den angrenzenden Gemeinden kommen. An Standorten von bereits laufenden Windrädern ist die Akzeptanz übrigens besonders hoch, wie im Ostallgäu in der Nähe von Kaufbeuren. Dort stehen bereits zwölf Windräder. Gleiches lässt sich auch aus Wildpoldsried berichten. Dort sind die Windräder eine Touristenattraktion und haben keinesfalls eine abschreckende Wirkung. Martha Maier, Emmering

Gefühle statt Fakten

Als Psychologe ist es für mich hochinteressant, die Meinungsschlacht zum Bürgerentscheid zu verfolgen. Die Äußerungen der Gegner zeigen die typischen Merkmale "kognitiver Verzerrungen".

Zum einen die sogenannte "emotionale Beweisführung". Dabei wird das eigene Gefühl als Beweis für die Richtigkeit einer Annahme herangezogen. Faktenbasierte Argumente haben keine Chance. Damit dieses Konzept nicht ins Wanken kommt werden Personen, die sachliche Informationen liefern, in Misskredit gebracht (Energieagentur Ebersberg, Hans Gröbmayr, Landrat Niedergesäß). Die Liebe zum Wald und zur Natur steht als zentrales Kriterium im Mittelpunkt der Kampagne. Die Psychologie bezeichnet diese kognitiven Verzerrungen als "Tunnelblick" sowie als "Glaube, immer Recht zu haben". Obwohl ich das psychologisch alles nachvollziehen kann macht es mich inhaltlich betroffen. Von den Leserbriefschreibern würde ich mir wünschen, dass sie auf den Boden der Tatsachen kommen statt aus der Luft gegriffene Behauptungen immer wieder zu wiederholen. Denn, dass 2+2 = 5 ist wird auch durch noch so häufige Wiederholung nicht richtig.

Was die Gegner der fünf Windräder im Ebersberger Forst ignorieren: Wenn die fünf Windräder im Forst nicht kommen brauchen wir fünf mehr im Rest des Landkreises. Die werden dann sehr viel näher an die Wohngebiete kommen und meistens auch wieder im Wald stehen, denn dort sind die Abstände zur Wohnbebauung noch am Größten. Lieber roden wir für einen wichtigen Beitrag zur CO2-Reduzierung eine kleine Waldfläche im Ebersberger Forst als die Zukunft der gesamten Wälder durch eine vom Klimawandel ausgelöste Trockenheit zu gefährden.

Prof. Dr. Berthold Färber, Glonn

Einsendeschluss

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, Briefe, die auf den am 16. Mai anstehenden Bürgerentscheid über Windkraft im Forst Bezug nehmen, erscheinen das letzte Mal in der Ausgabe vom Mittwoch/Donnerstag 12. und 13. Mai. Daher sollten Briefe zu diesem Thema bis spätestens Montag, 10. Mai, eingegangen sein. SZ

Flyer als Wahlmotivation

Ich habe mit großem Entsetzen den Flyer der Schutzgemeinschaft Ebersberger Forst und anderer Initiatoren sowie die Diskussion dazu gelesen. Hier wird mit angeblichen Fakten der Eindruck erweckt, dass die Initiatoren ihre Empfehlung auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse geben. Leider ist das Gegenteil der Fall und ich kann nur an alle unvoreingenommenen Leser dazu appellieren, mit Ja beim Bürgerentscheid zu stimmen.

In dem Flyer wird behauptet, dass der Landschaftsschutz für den Ebersberger Forst ausgehebelt wird. Dabei ist oft genug aufgezeigt worden, dass die Schutzverordnung lediglich modifiziert und durch Verträge sichergestellt wird, dass außer den fünf Windrädern keine weiteren Eingriffe erfolgen können. Die angeblichen Auswirkungen auf das Trinkwasser ergeben sich eher, wenn wir nicht genügend erneuerbare Energiequellen schaffen, die Fundamente der Windräder reichen bei weitem nicht bis zum Grundwasserspiegel.

Eine Bedrohung der Artenvielfalt wird hier angeprangert, dabei findet die spezielle artenschutzrechtliche Prüfung nach Befürwortung des Bürgerentscheids im Rahmen des Genehmigungsverfahrens statt. Es ist beim Bau der Windräder keine übermäßige Rodung des Waldes geplant, Schutzmaßnahmen werden eine Störung der Lebens-, Fortpflanzungs- und Ruhestätten weitgehend ausschließen. Im Rahmen des forstwirtschaftlichen Betriebes werden regelmäßig unweit größere Rodungen vorgenommen.

Auch die angebliche Beeinträchtigung des Erholungswertes und der Einzigartigkeit des Forstes kann man eher dann erwarten, wenn nicht unverzüglich die erforderlichen erneuerbaren Energiequellen geschaffen werden. Renommierte Wissenschaftler wie der bekannte Professor Harald Lesch unterstützen aus diesen Gründen die Errichtung der Windräder im Forst. Um meinen Kindern und Enkeln den Ebersberger Forst zu erhalten, ist es daher dringend notwendig, zusätzliche Windkraftanlagen zu errichten. Ich habe den Flyer zum Anlass genommen, mich für die Errichtung der fünf Windräder auszusprechen. Manfred Kabisch, Markt Schwaben

Purzelbäume im Naturschutz

Eigentlich sitze ich gerade an der Tastatur und möchte meine Austrittserklärung zu einem Verband schreiben, dem ich seit 35 Jahren angehöre, davon über zehn Jahre als Ortsvorsitzender. Gemeint ist der Bund Naturschutz. Warum? Weil er gerade mit seiner und der Glaubwürdigkeit der Naturschutzbewegung Gymnastikübungen macht. "Die große zusammenhängende Fläche des Ebersberger Forstes mach ihn ökologisch wertvoll und er ist dadurch wichtiger Lebensraum für unsere heimische Artenvielfalt. Er bietet Rückzugsort für viele selten gewordene und streng geschützte Tierarten, wie zum Beispiel für die Gelbbauchunke, die Bechsteinfledermaus, den großen Abendsegler, den Schwarzspecht und den Uhu." Das stammt nicht etwa aus der Stellungnahme der Bayernpartei, sondern aus der des Bund Naturschutzes gegen die Umgehungsstraßenplanung von Schwaberwegen/Forstinning. Seltsam nur, dass genau dieser wichtige Lebensraum zum Wirtschaftswald aus Stangerlholz mit Fichten mutiert, wenn es um Windräder geht.

Noch letztes Jahr hat der BN vehement die von CSU Kreisrat vorgeschlagene Ersatzpflanzung von 50 Eichen für die Seeschneider Eiche abgelehnt. Für ein gewachsenes Waldstück ist die Ersatzpflanzung auf der grünen Wiese aber ausreichend? Noch diffuser wird es, wenn auf technische Neuerungen zum Schutz der Tiere verwiesen wird. Natürlich sind Windräder keine Vogelhäcksler. Aber wer eine Amsel von einem Seeadler unterscheiden kann, sollte spätestens wenn er die Kartierung der Großvögel und Fledermäuse gelesen hat, feststellen dass bei Arten wie dem Wespenbussard, schon der Tod von einem Exemplar pro Jahr an allen fünf Windrädern zusammen ausreicht um den Bestand auszulöschen. Eine Art die gerade mal noch 3000 Brutpaare in ganz Deutschland hat, hat nicht mehr viele Ausweichmöglichkeiten. Und die technischen Neuerungen reduzieren zum Beispiel bei Fledermäusen die Tötung erst nach zweijährigem Monitoring auf die in den meisten Bundesländer vorgegebene Anzahl von zwei getöteten Fledermäusen pro Jahr und Anlage.

Aber mit dem Totschlagargument, dass sich Artenschutz mit dem Klimawandel eh erledigt habe, beruhigt man dann die aufkommenden Zweifel. Wobei sich spätestens hier die Frage aufdrängt, sind fünf Windräder im Forst denn ausreichend? Nein, sind sie natürlich nicht. Ja, müssten wir dann nicht mehr als fünf im Forst bauen oder müssten dann nicht die Gemeinden mehr unternehmen? Jetzt schlägt die Stunde der 10-H-Regel der bösen CSU. Der selben CSU übrigens, mit der man fröhlich von den Plakaten der "Pro Windenergie Ebersberger Forst" herablächelt. So als wüsste man nicht, dass die Gemeinden die 10-H-Regel über die Bauleitplanung aushebeln könnten, wenn sie denn wollten.

Vielleicht würde es mehr Sinn machen, als auf die Jagd nach den letzten Wespenbussarden und Abendseglern zu gehen, die lächelnden Kommunalpolitiker an einen Tisch zu setzen, einzusperren und erst wieder zu entlassen, wenn klar ist wo die nötigen 32 Windräder in den Gemeinden stehen sollen. Aber stattdessen folgt man lieber einer sinnlosen Symbolpolitik, die weder die Arten noch das Klima rettet.

Denn so richtig spannend wird es mit den "keiner will mehr als fünf Windräder im Forst" wenn die Gemeinden den Windradbau weiter verschlafen. Verzichtet der BN dann schulterzuckend auf den Einsatz gegen den Klimawandel oder brauchen wir dann doch mehr als die beschworenen fünf im Forst? Übrigens warum ich aufgehört habe, meine Austrittserklärung und stattdessen diesen Leserbrief geschrieben habe? Weil ich finde, dass der Bund Naturschutz in den vergangenen Jahrzehnten viel Gutes geleistet hat und man so eine grundlegende Entscheidung nicht an der Tagespolitik festmachen sollte und ich viele andere Mitglieder kenne, die mit der Entscheidung des Kreisvorstandes nicht einverstanden sind. Aber vielleicht sollte der Kreisvorstand auch einfach mal auf seine Mitglieder hören, die nicht den Grünen angehören. In der Hoffnung, dass "mein" Verband mit den Purzelbäumen im Naturschutz aufhört.Günter Baumgartner,

Grafing

Standort nicht zwingend

Es ist wohl unstrittig, dass wir die Windkraft zur Stromerzeugung brauchen, wenn wir CO2-Neutralität in naher Zukunft erreichen wollen, auch im Landkreis Ebersberg. Dass für die ersten Windräder (nach Bruck) das ökologisch sensible Gebiet des Ebersberger Forstes gewählt werden soll, ist allerdings nicht zwingend. Für die gedeihliche Entwicklung des Forstes ist der Erhalt der möglichst lückenlosen Bewaldung wichtig. Die Beschwichtigung der Befürworter, dass nach dem Bau nicht mehr benötigte Flächen und Ausgleichsflächen, von denen keiner sagt, wo sie liegen, wieder aufgeforstet werden, verschweigt, dass es 30 bis 50 Jahre dauert, bis diese Flächen wieder die Funktion der gerodeten erreichen.

Der wichtigste Grund für die Standortwahl Forst ist wohl die Möglichkeit, die 10-H-Verordnung einzuhalten. Dies ist eine bequeme Lösung für die Kommunen und ihre Gemeinderäte, die schwierige Standortsuche auf ihrem Gebiet und die mühevolle Aufstellung von Bebauungsplänen zu umgehen. Als sich das WKA-Projekt im Forst abzeichnete, wurde auch prompt die Konzentrationsflächenplanung eingestellt. Die 10-H-Verordnung verhindert aber nicht Anlagen auch in geringerem Abstand zur Wohnbebauung. Bei dem breiten und prominenten Zuspruch zur Nutzung der Windkraft, wie er in den Werbeanzeigen zum Bürgerentscheid sichtbar wird, sollten die Kommunen sofort mit der Standortsuche auf ihrem Gebiet und mit der Aufstellung von Bebauungsplänen beginnen, denn wir brauchen zur Erreichung der Klimaziele weitere 20 Windräder. Jeder Gemeinde ihr Windrad!

Ein weiterer Grund der Befürworter des Standortes Ebersberger Forst ist vermutlich , dass es mit der Green City AG bereits einen Projektträger gibt, von dem auch die Idee der Anlagen im Forst stammt. Um unliebsame Überraschungen zu vermeiden, empfehle ich aber den Befürwortern, diese Firma in Gänze genauer unter die Lupe zu nehmen. Gisbert Wolfram, Ebersberg

Es ist nur der erste Schritt

Erst wenn per mehrheitlichem Ja beim Bürgerentscheid am 16. Mai das Mandat zu weiteren Prüfungen und Genehmigungsverfahren erteilt sein wird, werden wir herausfinden, ob und unter welchen Bedingungen die fünf Windkraftanlagen im Forst aufgestellt werden können. Da es allein durch 10H schon extrem schwierig geworden ist, überhaupt Windkraft-Standorte zu finden, sollte dieses Ja am 16. Mai verstanden werden als: Wir befürworten und wünschen uns verantwortungsvolle Veränderung hier in unserer Region! Das Blockieren und Negieren aufwendig erstellter Konzepte ohne sinnvolle Alternativen wird uns keine bessere Zukunft bescheren. Ich persönlich hoffe nicht, dass lautstarke Bedenkenträger eine verunsicherte Mehrheit mobilisieren, was dann zu einem "Brexit" der Windenergie im Landkreis führt, der uns nachher langfristig leid tut.

Mit einem Ja wird der Weg geöffnet für die notwendigen nächsten Schritte, nicht mehr, nicht weniger. Auf geht's.

Wolfgang Lehbrink, Vaterstetten

Verpflichtung für die Nachwelt

Aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes: Einer Generation dürfe nicht zugestanden werden, liest man darin, "unter vergleichsweise milder Reduktionslast große Teile des CO2-Budgets zu verbrauchen, wenn damit zugleich den nachfolgenden Generationen eine radikale Reduktionslast überlassen und deren Leben umfassenden Freiheitseinbußen ausgesetzt würde". Es bestehe die Notwendigkeit, "mit den natürlichen Lebensgrundlagen so sorgsam umzugehen und sie der Nachwelt in solchem Zustand zu hinterlassen, dass nachfolgende Generationen diese nicht nur um den Preis radikaler eigener Enthaltsamkeit weiter bewahren könnten".

Jeden Tag, an dem wir nicht handeln, bürden wir die Lasten unseren Nachfahren auf. Die fünf Windräder im Forst müssen einem nicht gefallen, es gibt keinen wirklichen anderen Grund dagegen zu sein. Dringend notwendig sind sie allemal. Nur ein Ja kann man vor unseren Kindern und Enkeln verantworten. Dr. Renate Glaser,

Glonn

Rechenfehler und Lobbyismus

Infraschall. Das mysteriöse Wort wabert seit mehr als zehn Jahren durch die deutsche Windkraftdebatte. Schlafstörungen würden die Anlagen hervorrufen, hieß es, Herzkrankheiten und Tinnitus - eben wegen des Infraschalls. Quelle: Die Studie einer "Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe" aus dem Jahr 2009.

Diese Bundesanstalt gibt es wirklich. Aber die Studie, die wie in Ebersberg landauf, landab Menschen auf die Barrikaden trieb, ist - Fake News. Um den Faktor 10 000 sei der Wert zu hoch angesetzt, erklärten Forscher aus Bayreuth und Erlangen bereits vor geraumer Zeit. Schon in einer Entfernung von 800 Metern sei der Infraschall von Windrädern nicht lauter als "Hintergrundrauschen." Nachdem sie jahrelang Kritikern mit rechtlichen Schritten drohte, sieht das jetzt plötzlich auch die Bundesanstalt so. Eine interne Überprüfung habe die wissenschaftliche Kritik an den Daten "bestätigt", erklärte sie Ende April auf ihrer Website.

Man nehme eine steile These, karrierebewusste Forschende, ein obskures Bundesinstitut. Fertig ist das Rezept für eine kaum hinterfragte, häufig abgeschriebene Propagandalüge. Die BGR-Forscher schafften es mit der Mär vom Infraschall bis ins ZDF. Ausgerüstet mit derartigem Material gelingt es bis heute aggressiv auftretenden kleinen Gruppen, den Bau von Windrädern in Deutschland praktisch zum Erliegen zu bringen. Das liegt auch daran, dass niemand die einfachen Fragen stellt: Wer steckt hinter diesen Grüppchen?

Schon seit den 90er Jahren ist republikweit ein "Bundesverband Landschaftsschutz (BLS)" aktiv. Das Rezept ist immer das Gleiche: Wird irgendwo ein Windrad geplant, taucht blitzschnell eine "Bürgerinitiative" auf, die dagegen agitiert. Als Referenten engagiert sie Vertreter dieses BLS. Schon vor 15 Jahren fanden Journalisten heraus, wer dahinter steckte. Anwalt des BLS und häufiger Referent war ein Angestellter des heute größten deutschen Aluminiumunternehmens, Hydro. Noch 2016 wurde er als "politischer Ansprechpartner" benannt.

Geht man heute auf die Homepage des BLS, findet man zwar keinerlei Informationen zu Vorstand oder Finanzierung des Verbands, dafür Links zu Hunderten Anti-Windkraft-Gruppen bundesweit, die der BLS selbstredend nur "kennt." Allein in Bayern sind es 44, darunter - oh Wunder - auch der Verein "Landschaftsschutz Ebersberger Land." Auf dessen Homepage geht es natürlich auch um Infraschall. Diesem werden gleich 15 Gesundheitsstörungen nachgesagt, darunter so verhängnisvolle wie "erhöhte Müdigkeit nach der Arbeit."

Das ist zum Lachen, aber nicht komisch. Derartige Lobbyarbeit trägt seit Jahrzehnten dazu bei, die Energiewende zu verhindern. Sie spaltet Dorfgemeinschaften, führt zu Angst und Verzweiflung bei Menschen, die das glauben. Höchste Zeit, dass sich im Landkreis Ebersberg die Energiewende dagegen durchsetzt. Vielleicht ist danach ja Heilung möglich.Claudia Peter,

Ebersberg

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SZ vom 05.05.2021
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