bedeckt München
vgwortpixel

Lange Nacht der Bildung:Dunkel war's, der Geist schien helle

Einsamkeit sucht man bei der "Langen Nacht der Bildung" in Schloss Zinneberg vergeblich. Philosophie und gute Musik entführen die vielen Besucher dennoch in ganz individuelle Sphären

Bildung hat viele Facetten. Die schönsten sind jene, die man aktiv mitbekommt, statt sie passiv zu erleiden. So gesehen überkommt einen unvoreingenommenen Besucher der "Langen Nacht der Bildung" eine schier unbändige Freude, wenn schon das erste, was bei dieser Gelegenheit seine Sinne berührt, junge Menschen sind, die richtig gute Musik machen. Am Freitagabend im Kloster Zinneberg waren das "GJO Drumbox" und "GJO Blechmusi", die Percussion- und Brass-Sections des Grafinger Jugendorchesters. Kraftvoller Sound, feine Tempi, Brit-Rock vom Feinsten klangen aus der Orangerie. Posaune und Trompeten gingen unter die Haut, während die lakonischen Riffs der Gitarren die Haare auf derselben aufstellten. So mitreißend war das, dass sogar die betulichen Grünpflanzen im Treppenhaus sich das Mitwippen nicht verkneifen konnten. Das erste Bildungsfazit des Abends also: Die Jungs haben genau die richtige Form für sich und fürs Publikum gefunden.

Das darf man getrost auch Julius Frontzeck und Dominik Berghammer unterstellen. Die beiden haben die andere Sprache gefunden, die neben Musik universal verständlich ist: das Kochen. Zusammen mit sieben anderen Schülern aus dem "projektpädagogischen Seminar" der Q11 am Gymnasium Grafing haben sie ein Kochbuch mit Rezepten aus anderen Nationen auf den Markt gebracht. Lernen sollten sie dabei, wie ein Unternehmen funktioniert, bei ihnen angekommen ist die Erfahrung, dass sich Emotionen besser verkaufen als nackte Produkte. Dass ein Teil ihres Gewinns, den sie mit " Gerichteküche" erwirtschaften, den Asylbewerbern zugutekommt, die auf dem Gelände des Gymnasiums leben, ist früh erkannte und gelebte "Social Corporate Responsibility". Eine Eigenschaft, für die große Konzerne mangels entsprechender Bildung erst noch Projektgruppen einrichten müssen.

"Ins Philosophieren kommen..." sollten die Besucher am Labyrinth im Klostergarten. Zuerst aber kamen die Betreuerinnen der Station ins Grübeln, stellten sich doch wesentlich mehr Teilnehmer ein als erwartet. Da wurde es auf einmal eng dort, wo man sich, symbolisch und in Gedanken vertieft, durch die Wirrungen des Lebens zu dessen Zentrum, den Brunnen, begeben und dann wieder zurück wandern sollte. Zu viele Menschen für philosophische Tiefe? Ach wo. Wer am Rande das Geschehens auf dem gewundenen Steinpfad beobachtete, konnte durchaus zur Erkenntnis gelangen: Wenn es auf dem schmalen Weg zum Mittelpunkt des Lebens einmal so eng hergeht, dass man bloß noch auf die eigenen Füße achtet und die Menschen nicht mehr sieht, die mit einem unterwegs sind, dann sollte man besser mal aus der Reihe tanzen.

An einem Buch mit dem Titel "Einsam - na und?" schreibt derzeit Maximilian Dorner. Aus dem Manuskript, das er gerade zum ersten Mal überarbeitet, las er den gut drei Dutzend Zuhörern im "Scanzoni" des Klosters vor, einer Wirtsstube mit einer Werkstattlesung angemessenem Charakter. Seine Betrachtungen entspringen, soweit erkennbar, der Gedankenwelt eines nach Einsamkeit Suchenden. Da ist von Betroffenheit die Rede und vom Widerspruch zwischen der wissenschaftlichen Analyse von außen und dem elementaren Fühlen von innen. Annehmen solle man das, nicht bekämpfen, verrät der Autor, die Einsamkeit in Ruhe betrachten, statt sich ihr panisch zu unterwerfen. Womit sich beim einen oder anderen Zuhörer, der ja im Moment des Zuhörens mit seinen Gedanken allein ist, aber nicht einsam im Raum, das Gegenmodell aufdrängte: Dessen, der die Einsamkeit findet, weil er das Alleinsein überwinden will - oder das Zuviel(e)sein. Philosophie, derart intensiv verabreicht, kann einen ganz schön mitnehmen.

Zum Schluss noch ein Konzert für Orgel und vier Stimmen, sprich für Thomas Pfeiffer und das Ensemble "Klangfarben". Allein schon das Sammeln und Einstudieren von "Musik von Frauen über Frauen für Frauen und Männer" aus mehreren Jahrhunderten bedarf umfassender Bildung - musikgeschichtlich wie stimmlich. Manche Entdeckung fand sich in dem weit über Mitternacht hinaus dauernden, von Tiefe und Können erfüllten Programm, so zum Beispiel die Stücke aus Margaretha Christina de Jongs "Sieben Orgelstücken im romantischen Stil", Erna Wolls "Erleuchte unsre Finsternis" oder Emma Lou Diemers "Fiesta". Viel Applaus, verdienter Applaus.

© SZ vom 29.09.2014
Zur SZ-Startseite