Landwirtschaft:Möglichst grün

Auf den Feldern des Landesamts für Landwirtschaft in Osterseeon wird Saatgut bis zur Ernte getestet und geprüft. Erst wenn die Pflanzen erfolgreich kultiviert werden konnten, werden sie für den Verkauf empfohlen

Von Alexandra Leuthner, Kirchseeon

Die Älteren werden sich vielleicht noch daran erinnern: an veilchenblau blühende Leinfelder, die sich entlang der Bundesstraße 304 bei Osterseeon erstreckten. Das sah wunderschön aus, ist aber längst Vergangenheit. Denn allzu viele Arbeitsschritte sind nötig, um aus den Leinpflanzen Fasern für Stoffe, für die Papierherstellung, für Polstermöbelfüllungen und Dämmmaterial zu bekommen. Weil sich die Verarbeitung der Pflanze als höchst aufwendig darstellt, ist man nicht nur in der landwirtschaftlichen Versuchsstation Osterseeon, sondern in ganz Deutschland weitgehend davon abgekommen.

Die hoch gewachsenen Pflanzen, die im Herbst etwas wie hellbraune Linsen auf ihren langen Stängeln tragen, müssen auf dem Feld liegend geröstet werden - was eine Art von Verrotten ist -, um anschließend gebrochen, geschwungen und gehechelt zu werden. "Und dann dieser Staub." Reiner Hein, Leiter der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Osterseeon, hat noch erlebt, wie die getrockneten Leinpflanzen im Herbst ganze Scheunenkapazitäten sprengen konnten.

Landwirtschaft: Ein kleiner roter Traktor hilft beim Ausbringen neuen Saatguts.

Ein kleiner roter Traktor hilft beim Ausbringen neuen Saatguts.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sich selbst wochenlang mit einem einzigen Felderzeugnis zu beschäftigen sowie mit dem Risiko, es anschließend schlecht verkaufen zu können, ist etwas, das sich ein moderner Landwirt nicht mehr leisten kann. Was auf das Feld kommt, muss funktionieren und zügig verarbeitet werden können, wenn es eine Zukunft haben soll. Und gerade darin, also in der Erforschung und Sicherung von zuverlässigem Saatgut, von Tierzucht und -ernährung liegt die Aufgabe der Versuchsstationen der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), wie es sie in Osterseeon, aber auch in Grub, in Puch im Landkreis Fürstenfeldbruck oder in Karolinenfeld in der Nähe von Rosenheim gibt.

Während es etwa in Grub vor allem um leistungsfähige Schweine und Schafe geht, oder darum, Rinder ohne Horn zu züchten, beschäftigen sich die Angestellten der Versuchsstation Osterseeon mit der Sortenprüfung von Futterpflanzen und den Inhaltsstoffen von Gräsern. Das soll sich auch nicht ändern, wenn die Versuchsstation künftig zu einem Versuchszentrum aufgewertet wird, von denen es bisher in Bayern sieben gibt. Dazu gehören so bekannte Standorte wie das Haupt- und Landesgestüt Schwaiganger oder das Fachzentrum für Milchviehhaltung in Achselschwang.

Landwirtschaft: Hier wird seit zwei Jahren Brau-oder Sommergerste angebaut, um herauszufinden, wie viel Stickstoffdünger die Gerste haben sollte - oder haben darf.

Hier wird seit zwei Jahren Brau-oder Sommergerste angebaut, um herauszufinden, wie viel Stickstoffdünger die Gerste haben sollte - oder haben darf.

(Foto: Christian Endt)

Im Zuge einer Neustrukturierung des staatlichen Versuchswesen, die LfL-Präsident Jakob Opperer vor kurzem bei einem Ortstermin in Osterseeon angekündigt hat, soll nun eine engere Zusammenarbeit der Anstalt mit dem Amt für Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Rosenheim einerseits und der Versuchsstationen untereinander andererseits erreicht werden.

Mittelfristig, räumte Opperer ein, stehe hinter der Neuordnung durchaus der Wunsch, das Personal im Versuchswesen zu reduzieren. Zugleich wolle man aber auch Synergien nutzen, und etwa Doppelversuche verschiedener Ämter in ein- und demselben Naturraum zu vermeiden. "Wir werden das neutrale, staatliche Versuchswesen beibehalten. Das ist die Kernbotschaft", sagte er. Landwirte müssten sich weiterhin auf neutrale Empfehlungen verlassen können; "die Aussagen der Industrie allein helfen uns nicht weiter."

So beschäftigt sich die Station in Osterseeon, wie der Leiter der Versuchsanordnungen Andreas Urgibl inmitten seiner Felder erläuterte, unter anderem mit der Sortenprüfung für neue Sämereien. Eine Weidelgrassorte etwa, erklärte er, werde an drei verschiedenen Standorten getestet, um ein möglichst repräsentatives Ergebnis zu bekommen, wenn die Halme schließlich gemäht, gemessen, gewogen und beurteilt werden. Vier Jahre stehe so eine Grassorte in Osterseeon. Drei Jahre in Folge werde sie gemäht, immer wieder von Neuem beurteilt und analysiert, bis ein endgültiges Ergebnis vorliege, das dann als Grundlage für die Zulassung des Saatguts durch das Bundessortenamt diene. Ein paar Meter vom Weidelgras entfernt liegt ein Feld mit Rotklee - einjährige Pflanzen auf dem einen, zweijährige auf einem anderen Feld, wie Urgibl erklärte. Während die einjährigen Kleeschösslinge gleichmäßig wie die Soldaten in die Höhe wachsen, sämtlich auf ein und derselben Länge, entwickeln sich die älteren Pflanzen - die bereits zwei Jahre Regen, Schnee, Wind und Sonnenschein hinter sich haben, unterschiedlich. Hier und da haben sich kleine Vertiefungen in der grünen Oberfläche des Versuchsfeldes gebildet, wo manche Pflänzchen weniger hoch gewachsen sind als andere. "Da sieht man schon: Das sieht nicht mehr so gut aus", sagte Urgibl - auch eine Beobachtung, die am Ende in das Testergebnis einfließen wird.

Versuchgut Osterseeon, Jakob Opperer Lfl Präse

Im Zuge der Umstrukturierung würden zwar manche Versuchsstandorte aufgegeben, nicht aber die Prüfungsvorhaben.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im Zuge der Umstrukturierung würden zwar manche Versuchsstandorte aufgegeben, nicht aber die Prüfungsvorhaben, berichtete Opperer. So werde die Haarer Versuchsstation der LfL nach Osterseeon verlegt, kündigte der Präsident der Lfl an. Die Zusammenlegung bedeute für die verbleibenden Stationen im Gegenzug eine "verbesserte technische Ausstattung", die nach Art des Maschinenrings dann auch von mehreren Stationen genutzt werden könne.

So steht Urgibl in Osterseeon inzwischen ein leuchtend roter, futuristisch anmutender Schlepper zur Verfügung, aus dessen Anhänger die Gras- oder Kleesamen zentimetergenau auf die Testflächen rieseln. Das Gerät fährt, wie Urgibl erklärte, mit GPS. Die zu bearbeitenden Flächen kann er vor der Aussaat anhand von Kartenmaterial am Computer simulieren, genau festlegen und bearbeiten. "Der Computer rechnet auf zwei Zentimeter genau, das ist ideal zur Parzellenanlage". Nur zwei Personen seien dann noch nötig, um solch ein Feld anzulegen: eine, die den Traktor fährt, und eine, die hinten auf der Sämaschine den Aussaatbehälter öffnet.

Die Versuchsstation, die von einem idyllischen Bauernhof am Feldrand des Gemeindegebiets von Osterseeon aus verwaltet wird, gibt es seit 1923. Die 156 Hektar große Fläche gehört dem Freistaat; zu ihr zählen neben Feldern auch Wald, Wiesen und Hecken. Abgesehen vom Lein in früheren Jahrzehnten wurden auch schon Kartoffeln angebaut und Futterrüben, erzählte Stationsleiter Reiner Hein. Heute sieht man auf den exakt abgezirkelten, rechteckigen Versuchsfeldern südlich der Bundesstraße vor dem leuchtend gelben Hintergrund von Rapsfeldern nur dichtes Grün.

Auf der nördlichen Seite fallen dem vorbeipreschenden Autofahrer vielleicht die kleinen weißen Täfelchen ins Auge, die das Grünzeug benennen, das dort ausgesät ist. Hier wird seit zwei Jahren Brau-oder Sommergerste angebaut, um herauszufinden, wie viel Stickstoffdünger die Gerste haben sollte - oder haben darf. Der Eiweißgehalt der Braugerste darf die Grenze von 11,5 Prozent nicht übersteigen, viel Dünger steigert zwar den Ertrag, aber auch den Eiweißgehalt. Darüber hinaus ist das LfL auch im Ortsgebiet von Egglburg tätig, allerdings nicht auf eigenen Flächen. Auf den Feldern eines Biolandwirts, berichtete Reiner Hein, gehe es um Versuche mit Schwefeldüngung.

© SZ vom 03.06.2016
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