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Landkreis Ebersberg:Übersetzer verzweifelt gesucht

Die etwa 500 Asylbewerber im Landkreis sprechen fast 60 unterschiedliche Sprachen, die meisten Arabisch oder Tigrinya. Doch Dolmetscher sind Mangelware - was die Helferkreise an ihre Grenzen bringt.

Von Anja Blum

Stellen Sie sich vor, jemand ist gelernter Autolackierer, wird vom Jobcenter aber als Maler und Stuckateur geführt. Das kann nicht gut gehen. Für die etwa 500 Asylbewerber aus mehr als 45 Ländern, die derzeit im Landkreis Ebersberg leben, sind derlei Missverständnisse jedoch Normalität. Zwar bemühen sich die Helferkreise, die allerorts ins Leben gerufen wurden, redlich, die Deutschkenntnisse der Flüchtlinge zu verbessern - bieten Unterricht an und übernehmen Lesepatenschaften - doch für kompliziertere Sachverhalte reichen diese zumeist nicht aus.

Glücksfall Glonn: Übersetzerin Shereen Bashi im weißen Pullover begleitet eine Flüchtlingsfamilie aus dem Kosovo zu Doktor Michael Kreutzer.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Manche der Flüchtlinge sprechen gut Englisch oder Französisch, doch ob das auf das Gegenüber ebenfalls zutrifft, ist freilich Glückssache. Und so wird aus Behördengängen, Arztbesuchen oder Elternsprechtagen für Asylbewerber schnell ein babylonisches Roulette, das verheerende Folgen nach sich ziehen kann. Sei es eben beim Jobcenter, in der Schule, bei Vertragsunterzeichnungen oder im Krankenhaus. Darüber hinaus erschweren die Sprachbarrieren psychologische Hilfe: Über Traumata zu sprechen, wenn man sich nicht hundertprozentig versteht, ist vermutlich relativ sinnlos.

Abhilfe in Form von Dolmetschern zu schaffen, gelingt den Helfern kaum. Erstens, weil viele Asylbewerber seltene Sprachen sprechen, zweitens, weil für professionelle Dienste meist das Geld fehlt, und drittens, weil die Dolmetscher bereits am Limit sind. "Die sind alle so ausgelastet, dass ich froh bin, wenn ich mal einen abkriege", sagt Anna-Dorothea Cohrs von der Ebersberger Ausländerhilfe. Dabei hat sie ihr kleines Netzwerk von etwa 30 Übersetzern und Dolmetschern selbst aufgebaut. Die meisten besitzen kein Diplom - alle arbeiten ehrenamtlich für den Verein. Zum Beispiel Penny Bues aus Zorneding, Engländerin und gelernte Französisch-Übersetzerin. "Es ist wahnsinnig schön, wenn man vermitteln und den Menschen ein bisschen ihre Ängste nehmen kann", sagt sie.

Martina Lietsch, die den Helferkreis in Steinhöring koordiniert, hat lediglich ein Mal versucht, einen Dolmetscher für "ihre" Somalier zu finden, die nur sehr schlecht Englisch sprächen - vergeblich: "Nach langem Suchen hatte ich endlich eine Handynummer. Aber da ich kam in der Nähe von Hamburg raus, und der Mann hat angesichts seiner vielen Aufträge nur herzlich über meinen Anruf gelacht", erzählt die Zweite Bürgermeisterin. "Dieses Problem ist einfach nicht zu lösen" - also versuche man sich irgendwie zu behelfen. "Eine sehr große Herausforderung", nennt das Lietsch.

Von erheblichen Verständigungsproblemen innerhalb einer Wohngruppe wiederum berichtet Uschi Breithaupt vom Egmatinger Helferkreis. Dort leben Eritreer sowie Kongolesen und Senegalesen - also eine englisch- und eine französischsprachige Gruppe unter einem Dach, was immer wieder zu Konflikten führe. Doch zu schlichten falle auch den meisten Helfern ziemlich schwer: "Nur eine von uns kann sehr gut Französisch", so Breithaupt.

Laut Landratsamt sprechen die Asylbewerber im Landkreis fast 60 unterschiedliche Sprachen, die beiden größten Gruppen seien derzeit Arabisch und Tigrinya, letzteres wird in Äthiopien und Eritrea gesprochen. Hinzu kämen viele Stammessprachen. Die Haupteinsatzorte von Dolmetschern sind laut Pressesprecherin Evelyn Schwaiger beim Arzt, vor Gericht und im Rahmen des Asylverfahrens, die Auftraggeber demnach die Sozialhilfeverwaltung oder das Gericht. Eindeutige Regeln, wann ein amtlich anerkannter Dolmetscher zugegen sein muss, gibt es allerdings nicht: "Das hängt immer stark vom Einzelfall ab", sagt Schwaiger. Wenn etwa Arzt und Patient gut Französisch sprächen, könne sogar eine OP-Aufklärung ohne einen Dritten stattfinden. Gebe es jedoch keine Verständigungsmöglichkeit, so sei selbst bei kleineren Behandlungen ein Dolmetscher vonnöten.

Von Problemen, solche zu finden, weiß Schwaiger nichts: Bei Bedarf nach einem amtlich anerkannten Dolmetscher wende das Landratsamt sich zum Beispiel an das "Zentrum für transkulturelle Medizin" in München, das einen Vermittlungsservice anbietet. Bei alltäglichen Problemen in der sozialen Betreuung hingegen greife man häufig auf Übersetzer aus den Reihen der Asylbewerber selbst zurück. "Darüber hinaus arbeitet unsere Integrationsbeauftragte derzeit am Aufbau eines ehrenamtlichen Dolmetschernetzwerkes", so Schwaiger (siehe Interview unten).

Zu den Asylbewerbern, die für das Landratsamt übersetzen, zählt Efrem Ghebray, der seit knapp einem Jahr in Anzing lebt. Der 35-Jährige stammt aus Eritrea, hat in seiner Heimat Statistik unterrichtet und spricht gut Englisch. Außerdem ist er ein hilfsbereiter Mensch: Bereits im ganzen Landkreis sei er als Dolmetscher unterwegs gewesen, teilweise den ganzen Tag - ehrenamtlich. "Nein, nein", sagt Ghebray auf die Frage nach einer Bezahlung, "wenn ich helfen kann, mache ich das aus tiefstem Herzen." Mittlerweile habe er dafür leider jedoch nicht mehr so viel Zeit: Der Eritreer hat Arbeit in einem Lebensmittellabor gefunden.

Ein Helferkreis, der mit vielen Dolmetschern gesegnet ist, findet sich in Glonn. "Wir haben gleich drei Ehrenamtliche, die Arabisch sprechen", freut sich Organisatorin Jutta Gräf. Den Tunesier Salem Hnich, die Syrerin Saana Hillebrecht und Shereen Bashi, deren Vater Iraker ist. "Ich bekomme oft Anrufe vom Sozialamt, um telefonisch bei der Terminvereinbarung zu helfen, weil allein das schon schwierig ist", sagt Bashi. Besonders schön sei es aber, bei interkulturellen Missverständnissen zu helfen: "Ich kann einfach beide Seiten gut verstehen und durch meine Vermittlung vieles einfacher machen", so Bashi. Ihre Begeisterung für das Thema ist derart groß, dass die 46-Jährige, die zuletzt für das "Desertec"-Projekt gearbeitet hat, sich nun selbständig machen will. Die Idee: eine Art "Jobvermittlung mit interkultureller Begleitung".

Mit Freude über die Früchte ihres Engagements spricht auch die Syrerin Saana Hillebrecht. So erzählt sie etwa von einem Pakistani, der seine Frau zunächst nicht beim Deutschunterricht dabei haben wollte. "Sie sollte daheim bleiben und kochen." Da habe sie ihm klar gemacht, dass der Kurs für alle verbindlich sei. "Jetzt habe ich die Frau wieder getroffen und festgestellt, dass sie sich gut verständigen kann. Das hat mich wirklich sehr gefreut." Ähnliches empfindet wohl Penny Bues, wenn sie an die vier Jungs "ihrer" afghanischen Familie denkt: Angefangen habe alles mit endlosen Memory-Spielen und Sätzen wie "Ich bin Tomate". Heute, drei Jahre später, sprächen die Kinder fließend Deutsch - "und übersetzen, wenn nötig, für ihre Eltern".

© SZ vom 22.04.2015
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