Süddeutsche Zeitung

Ausbildung zur Pflegehilfskraft:"Es ist unmöglich, den Status quo in der Pflege zu erhalten"

Lesezeit: 3 min

CSU und FDP möchten mit einer Berufsfachschule für Pflegehilfskräfte im Landkreis Ebersberg mehr qualifiziertes Personal gewinnen. Die Verwaltung im Landratsamt empfiehlt stattdessen eine andere Investition, um dem Pflegenotstand zu begegnen.

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Bereits zum dritten Mal innerhalb der vergangenen sechs Jahre ist im Kreis-Sozialausschuss (SFB) über den gleichen Antrag gesprochen worden: die Möglichkeit einer Krankenpflegehelferschule für den Landkreis Ebersberg. Mit einer solchen Schule verbindet die CSU-FDP-Fraktion nämlich die Hoffnung, dem in der Branche allgegenwärtigen Fachkräftemangel etwas entgegensetzen zu können. "Bei allen Treffen des Runden Tisches Pflege in den vergangenen Jahren waren die Hilferufe nach qualifiziertem Personal von allen Trägern hoch", sagte Marina Matjanovski (CSU), selbst Krankenpflegerin und Bereichsleiterin Funktionsdienst, Herzkatheter und Elektrophysiologie an der Ebersberger Kreisklinik. Die Verwaltung nahm sich anschließend viel Zeit, ihre eigene Ansicht darzulegen - mit eindeutigem Ergebnis: Eine eigene Krankenpflegehelferschule für den Landkreis würde das Problem nicht lösen.

Zunächst jedoch ging es um einen anderen Teil des CSU-FDP-Antrags, nämlich um die Frage, ob im Rahmen der "Vertieften Berufsorientierung Kirchseeon" (BOK) am Berufsbildungswerk St. Zeno ein Pflegepraktikum für Schülerinnen und Schülern aus den Mittelschulen aufgenommen werden könne. Jochen Specht, Leiter des Sachgebiets Sozialplanung und Demografie im Landratsamt, sagte, dass alle angefragten Einrichtungen sowie die Kreisklinik gerne solche Praktikumsplätze zur Verfügung stellen. Seines Wissens seien die ersten Pflegepraktika sogar bereits gestartet.

Die Ausbildung zur Pflegehilfskraft umfasst eine einjährige Ausbildung mit Blockunterricht. Dabei absolvieren die Auszubildenden den praktischen Teil in einer Pflegeeinrichtung oder Klinik, den theoretischen an einer Berufsfachschule. Für Mittelschülerinnen und -schüler ermöglicht eine solche Ausbildung den Einstieg in den Pflegeberuf. Denn danach haben sie Zugang zur dreijährigen Fachkraft-Ausbildung, für die ansonsten mindestens eine Mittlere Reife notwendig ist. Aktuell besuchen Auszubildende zur Pflegehilfskraft aus Ebersberg die Berufsfachschulen in Erding, Wasserburg oder München, wo es gleich mehrere davon gibt.

Die Verwaltung zog eine Studie heran, um mit einigen Thesen aus der Pflege aufzuräumen

Zunächst stellten Jochen Specht sowie Christian Salberg, Leiter der Abteilung Jugend, Familie und Demografie im Landratsamt, Ergebnisse aus einer Studie vor, die die Vereinigung der Pflegenden in Bayern in Auftrag gegeben hat, das sogenannte Pflegepersonalbedarfsmonitoring 2023. Daraus wird ersichtlich, wie Salberg erklärte, dass die Zahl der Beschäftigten in der Pflege zunimmt - in allen bayerischen Bezirken arbeiteten im Jahr 2022 mehr Pflegekräfte als noch 2013. Außerdem herrsche überwiegend "Ortstreue": Die oft behauptete These, Pflegekräfte würden häufig abgeworben und arbeiteten dann beispielsweise im Nachbarlandkreis, lässt sich also anhand der Studie empirisch widerlegen.

Außerdem machte Salberg klar, dass es wegen des Fachkräftemangels in der Pflege zwingend Arbeitsmigration brauche - das bestätigt auch die Studie. Doch er betonte, dass die Länder, aus denen das Personal kommt, ihre Pflegekräfte eigentlich selbst benötigen würden. "Unsere Probleme auf dem Rücken anderer zu lösen", so Salberg weiter, "das ist mindestens moralisch fragwürdig." Er kam zu dem Fazit, dass der Pflegeberuf deutlich attraktiver sei als oft behauptet werde, denn trotz sinkender Zahl der Schulabgänger bleibe die Zahl der Pflege-Azubis konstant, wie aus dem Monitoring hervorgehe.

Das klang eigentlich alles ganz positiv - das große "Aber" brachte dann Jochen Specht ins Spiel. "Spätestens 2028 werden mehr Pflegekräfte in Rente gehen als nachkommen können", sagte er. Diese Entwicklung sei unumkehrbar, und zwar aus einem einfachen Grund: Das sei der demografische Wandel. Trotzdem zu hoffen, dass man nur den Beruf attraktiver gestalten und besser bezahlen müsse, mehr Ausbildungs- beziehungsweise Schulplätze schaffen müsse, damit genügend Pflegekräfte nachkommen, das sei so, wie in der 90. Minute eines Fußballspiels bei einem Spielstand von fünf zu null immer noch von einem Sieg der unterlegenen Mannschaft auszugehen. Specht wurde noch deutlicher: "Es ist unmöglich, den Status quo in der Pflege zu erhalten." Das müsse man akzeptieren und lernen, mit weniger Personal auszukommen - und dementsprechend das System reformieren.

Eine Schule, so Specht weiter, sei dann notwendig, wenn im Landkreis ein Absolvent einer Mittelschule eine Ausbildung zur Pflegehilfskraft machen wolle, aber keinen Schulplatz finde. Das sei jedoch nicht der Fall, Schulen und freie Plätze seien in der Region ausreichend vorhanden, wie Christian Salberg sagte. Außerdem herrsche auch in Erding, wo es eine solche Schule gibt, Fachkräftemangel. Er und Specht waren sich einig, dass auch ein Weg in die Berufsschule nach München für junge Menschen in der Regel nicht abschreckend wirkt. Für diesen Punkt machte sich später Sonja Ziegltrum (CSU) ebenfalls stark. "Wir haben auch in anderen Ausbildungsberufen keine eigene Berufsschule."

Abschließend sprach sich die Verwaltung gegen eine Berufsfachschule im Landkreis für die Ausbildung zur Pflegehilfskraft aus. "Nicht, weil es generell ein Schmarrn ist", betonte Jochen Specht. "Es geht um die Frage, ob der investierte Euro dort am besten aufgehoben ist, um den Fachkräftemangel zu beheben." Diese Frage würden er und seine Kollegen ganz klar verneinen. Stattdessen sei es wichtiger, die häusliche und ambulante Pflege zu stärken.

Für Antragstellerin Matjanovski war die Botschaft des Vortrags klar: Sie stellte den Antrag ihrer Fraktion daraufhin zurück. Ganz überzeugt schien sie dennoch nicht. So verdeutlichte sie, dass gerade für den ambulanten Bereich die einjährige Ausbildung eine wichtige Basis darstelle. Dem stimmten Specht und Salberg zu. "Aber durch eine Schule bekommen wir nicht mehr Leute", sagte Salberg, gefolgt von Matjanovskis Erwiderung: "Woher wollen Sie das wissen?" Mit Verweis auf das Pflegepersonalbedarfsmonitoring betonte Salberg, dass es sich dabei um einen empirischen Beleg und nicht etwa um seine persönliche Meinung handle. "Jeder Euro, den wir uns hier sparen, ist gut investiert in der ambulanten Pflege", so Salberg weiter. Das sei der "Königsweg".

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6408401
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.