Süddeutsche Zeitung

Bahnverkehr in Ebersberg:Anhalten für den Fortschritt

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Die Ablehnung einer Haltestelle in Oberndorf ist nicht nur ärgerlich für die potenziellen Passagiere, sie wirkt auch etwas aus der Zeit gefallen.

Kommentar von Wieland Bögel

"Kleine Stationen sind stolz darauf, dass die Schnellzüge an ihnen vorbeifahren müssen". Der Satz stammt von Karl Kraus und ist natürlich mehr eine Parabel auf Zwischenmenschliches als eine Analyse zum Transportwesen. In letzterem Bereich wären mehr kleine Stationen, an denen auch mal ein Zug hält, durchaus von Vorteil. Zumindest ist das in so gut wie jeder Expertise zum Nahverkehr zu lesen - nur bei der Bahn scheint sich diese Erkenntnis noch nicht herumgesprochen zu haben.

Anders ist es nicht zu erklären, dass die Bayerische Eisenbahngesellschaft nun den Ebersbergern klipp und klar mitgeteilt hat, dass es nichts werden kann mit einem Bahnhof in Oberndorf. Für den man nicht einmal eine Strecke bauen müsste und den es bis vor knapp 40 Jahren sogar schon einmal gegeben hat. Aber, so die Begründung der Eisenbahngesellschaft, wenn der Zug zu oft irgendwo hält, braucht er zu lange bis zum Ziel.

Was nicht erst auf den zweiten Blick eine durchaus verquere Logik ist - zumindest wenn man von der Prämisse ausgeht, dass es die Aufgabe eines Personenzuges ist, möglichst viele Personen zu befördern. Die ja irgendwo auch ein- und aussteigen müssen. Bei der Bahn scheint man dagegen davon auszugehen, dass die Züge möglichst schnell von Endstation zu Endstation kommen müssen - egal, ob da jetzt wer drinsitzt oder nicht.

Was nicht heißen soll, dass es unwichtig ist, auch einmal den einen oder anderen Schnellzug an den kleinen Stationen vorbeifahren zu lassen. Im konkreten Fall könnte es beispielsweise einen Expresszug von Reitmehring über Grafing-Bahnhof nach München geben. Parallel dazu sind die kleinen Stationen, und zwar möglichst viele davon, aber ebenfalls unerlässlich, will man insgesamt mehr Leute zum Umstieg auf die Bahn bewegen. Hierzu gibt es eindeutige Studien, demnach sinkt die Attraktivität des öffentlichen Nahverkehrs mit steigender Entfernung zur nächsten Haltestelle, ab etwa einem Kilometer steigen die meisten lieber ins Auto.

Gerade in der Region München, die eindeutig ein Problem mit dem Individualverkehr hat, und ganz generell vor dem Hintergrund von Energie- und Klimakrise müsste es doch oberstes Ziel sein, dass möglichst viele Leute auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen - was sie logischerweise nur tun, wenn sie auch irgendwo einsteigen können, auch an den kleinen Stationen, wie etwa in Oberndorf.

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