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Landwirtschaft im Kreis Ebersberg:"Das zwingt kleinere Betriebe in die Knie"

Auf dem Hof von Franz Lenz dürfen Schweine auch im Dreck wühlen.

(Foto: Christian Endt)

Franz Lenz ist Bio-Landwirt. Der Zornedinger berichtet, mit welchen Problemen Bauern in der Region zu kämpfen haben - und was für ihre Zukunft entscheidend sein wird.

Von Karin Pill

An schönen Sommertagen erhält der Zornedinger Biobauer Franz Lenz bisweilen einen Anruf vom Veterinäramt. Es seien Beschwerden eingegangen, dass es seinen Kühen auf ihrer Weide zu heiß sei, erfährt er dann. Der 59-Jährige ärgert sich in solchen Fällen sehr. Nicht darüber, dass die Menschen Fürsorge für die Tiere zeigen, im Gegenteil. Sondern darüber, dass die Tierfreunde ihn nicht direkt ansprechen. Gerne würde Lenz mit ihnen auf die Weide gehen, auf der er selbst vier Mal am Tag nachsieht, ob es den Tieren gut geht, wie er erzählt. Gerne würde er den Kritikern auch sein Konzept erklären.

Dass es meistens eben doch anders läuft, das ist für Lenz eines der Zeichen für eine Entfremdung zwischen den Landwirten und der breiten Bevölkerung. Für eine zukunftsfähige Landwirtschaft sieht Lenz, der auch Kreisobmann des Bauernverbands im Landkreis Ebersberg ist, aber genau darin den Schlüssel: Vertrauen schaffen zu den Bürgern. Denn nur wenn man weiß, wofür genau man sein Geld ausgibt, kann man diesen Preis auch als angemessen empfinden.

Zukunftsfähigkeit, das ist ein Wort, über das momentan in der Agrarpolitik viel gesprochen wird. Seit vielen Jahren kämpfen Landwirte in Deutschland für bessere Preise ihrer Erzeugnisse sowie für eine Agrarpolitik, die nicht nur auf höhere Erträge abzielt, während zahlreiche Bauern Existenzängste haben. Zugleich sehen sie sich von Teilen der Gesellschaft kritisiert, etwa was das Tierwohl oder den Wasserverbrauch in der Landwirtschaft angeht. Nach anhaltenden Bauernprotesten beauftragte Bundeskanzlerin Merkel 2019 die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZkL), die Anfang Juli ihre Empfehlungen vorstellte. Nachhaltiger, tier- und umweltfreundlicher solle die Landwirtschaft der Zukunft sein, so das Gremium.

Lenz kann mit dieser Forderung gut leben. Eine Landwirtschaft muss lebenswert sein, das ist seine Überzeugung und die von vielen seiner Kollegen, die er als Obmann im Bauernverband vertritt. Aber der Zornedinger sieht die Verantwortung nicht nur bei den Landwirten. "Auch die Politiker sind gefordert", so Lenz. Er begrüße das Bekenntnis zum Landwirtschaftsstandort Deutschland. Aber dann müsse die Politik auch dafür sorgen, dass es auf dem Markt nur noch Produkte gibt, die nach deutschen Standards hergestellt wurden und dementsprechend gekennzeichnet sind.

Billig-Erzeugnisse kommen oft aus dem Ausland, wo vergleichbare Haltungsstandards wie in Deutschland umgangen werden können. "Wir können nicht vom Verbraucher verlangen, dass er heimische Produkte kauft, und es ihm zugleich erschweren herauszufinden, wo die Produkte herkommen", so Lenz. Vertrauen schaffen durch eine transparente Herkunftsbezeichnung, das ist für den Bio-Landwirt das A und O, um Verbraucherinnen von hochwertigen Produkten zu überzeugen.

Bio-Hof aus Überzeugung seit 1992

Der 59-jährige sitzt in seiner Stube, er hat sich Zeit genommen für das Gespräch. Hier auf dem Lenz-Hof wohnt er mit seiner Frau und seinen Eltern; ihre 50 Pienzgauer Rinder und die 20 Schafe leben in unmittelbarer Nähe. Dass Lenz die elterliche Landwirtschaft in Zorneding gleich bei der Übernahme in einen Öko-Betrieb umwandeln würde, war für ihn von Anfang an klar. "Dünge- und Pflanzenschutzmittel sind ein hoher Betriebskostenanteil - aber den Herstellern ist egal, wie gut die Ernte ist. Das hat mich damals schon aufgeregt", so Lenz. 1992 strukturierte er den Betrieb also um und arbeitet seitdem biologisch - zunächst noch ohne Tierhaltung.

Als 2013 sein Sohn, gelernter Landwirt und Metzger, in den Familienbetrieb einstieg, wollte dieser, dass wieder Tiere an den Hof kommen sollten. Lenz passte das gut, denn schon in den Jahren zuvor stellte er fest, dass der landwirtschaftliche Bio-Kreislauf ohne Tiere nicht richtig funktionierte. Die Erträge gingen zurück, das Unkraut spross. Auch damals war er schon der einzige Bio-Bauer in Zorneding und konnte deshalb nicht auf den lokalen Erfahrungsschatz von Kollegen zurückgreifen. Doch er gab nicht auf. "Inzwischen sind wir Pioniere im Sammeln von eigenen Erkenntnissen", sagt er lachend. Diese Expertise nutzt Lenz heute auch als Kreisobmann des Bauernverbandes. Er weiß genau, wo den Landwirten in der Region der Schuh drückt.

Bio-Bauer Franz Lenz Zorneding

Im Herbst dieses Jahres will der Zornedinger Biolandwirt Lenz wieder Ferkel anschaffen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Eines der Probleme, die Bäuerinnen und Bauern im Landkreis hätten: "Beim Flächenverbrauch gehören wir zu den Spitzenreitern Deutschlands", kritisiert Lenz. Doch Bebauung für Wohn- und Gewerbegebiete oder Straßen - womöglich sogar noch durch Enteignung von Landwirten - entziehe diesen ihre Substanz. "Das ist für eine zukunftsorientierte und nachhaltige Landwirtschaft nicht förderlich."

Teure Auflagen, unveränderte Einnahmen

Doch was ist eigentlich eine nachhaltige Landwirtschaft? "Da hat wahrscheinlich jeder Bauer seine eigene Vorstellung", sagt Lenz. Für ihn ist eine Landwirtschaft nachhaltig, wenn sie über einen längeren Zeitraum betrachtet Lebens- und Futtermittel erzeugt, ohne andere berechtigte Interessen der Natur und der Vielfalt über Gebühr zu beanspruchen. "Alles muss seine Berechtigung haben: Wildtiere, Insekten, Vögel, gesunde Böden. Wenn das alles im Einklang ist, dann ist es nachhaltig für mich", so Lenz.

Grundsätzlich findet er, dass der Landkreis Ebersberg in puncto nachhaltige Landwirtschaft nicht schlechter dastehe als andere. "Aber Ebersberg hat mit Siedlungsdruck zu kämpfen, und das beeinträchtigt die Nachhaltigkeit extrem."

Sorge bereitet dem Öko-Landwirt auch, dass immer mehr Betriebe vor einer Nachfolge-Problematik stünden. "Betriebe, die nicht die nötige Größe haben, werden sich in Zukunft schwer tun", befürchtet er. "Unsere aktuellen Strukturen sind für die Großen gemacht, und das zwingt kleinere Betriebe in die Knie." Zugleich mangele es an Planungssicherheit: Viele Betriebe stünden vor der Frage, ob sie überhaupt einen neuen Stall bauen sollten. "Denn der kostet heutzutage mehrere Millionen Euro. Da muss man sich schon sicher sein, wofür man so viel Geld in die Hand nimmt", sagt Lenz.

Außerdem kritisiert er, dass es immer neue, teure Auflagen gebe, aber die Einnahmen der Landwirte würden nicht steigen. Für ihn könne das so nicht weiter funktionieren. "Ich kann nicht dauernd fordern, aber dann die Lebensmittelpreise nicht erhöhen." Ginge es nach Lenz, dürfte man den Verbraucherinnen und Verbrauchern gar keine Billigprodukte - etwa ein Suppenhuhn für zwei Euro - mehr anbieten.

Er stellt zwar fest, dass sich die Einstellung vieler Menschen zu Lebensmitteln in den vergangenen Jahren verbessert habe. Aber das reiche noch nicht. "Ich wünsche mir, dass sich alle Verbraucher über ihre Ernährung so viele Gedanken machen würden, wie sie sich Gedanken über einen Autokauf machen."

© SZ vom 20.07.2021/vewo
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