Ebersberg im Dritten Reich:Grautöne in schwarzem Kapitel

Peter Maicher über NS-Schergen im Landratsamt

Referent Peter Maicher erzählt von dem Leitenden Beamten Fritz Ortmann (auf dem Bild im weißen Anzug), der unter Hitler von 1939 bis 1942 im Ebersberger Landratsamt wirkte und nie in Nazi-Uniform zu sehen war.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Heimatforscher Peter Maicher zeichnet die Geschichte eines Ebersberger NS-Spitzenbeamten nach. Ein klares Bild ergibt sich indes nicht.

Von Alexandra Leuthner, Ebersberg

Wie können wir je verstehen, was in den Menschen vorgegangen ist, die den Nationalsozialismus in Deutschland erlebt, noch viel mehr, die ihn ge-lebt haben? Wie schaffen wir es, dieses schwarze Kapitel der deutschen Geschichte einzuordnen, das Kopfschütteln loszuwerden, das uns beim Blick darauf immer wieder überfällt? Der Zornedinger Heimatforscher Peter Maicher hat es versucht, und ist doch zu keinem befriedigenden Schluss gekommen.

"Ich bin froh, dass ich nicht richten muss", sagt er am Ende seines Vortrags über Fritz Ortmann, der als Leitender Beamter im Ebersberger Landratsamt in den Jahren 1939 bis 1942 dafür gesorgt hatte, das "am dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte auch in Ebersberg mitgeschrieben" wurde, so die einleitenden Worte des Grafinger Stadtarchivars Bernhard Schäfer. Als Stellvertreter des zeitweise nach Wasserburg abberufenen Landrats Emil Ulrich, hatte der mit 30 Jahren noch blutjunge Regierungsrat absolute Entscheidungsbefugnis - und hat sie, wie die Spruchkammerakten zu seinem Fall zu belegen scheinen, immer wieder missbraucht, sogar überschritten. Tatsächlich können diese Akten, wie die vorsichtigen Worte von Geschichtsforscher Maicher vor 40 Zuhörern im Ebersberger Ratssaal nahe legen, kein eindeutiges Bild des Spitzenbeamten zeichnen, der nach dem Krieg zunächst als Hauptschuldiger verurteilt und inhaftiert worden war.

Nicht nur die im Zuge der Entnazifizierungsbestrebungen der Amerikaner gesammelten Akten, auch Bilder und die Erinnerungen von Zeitzeugen hat Maicher herangezogen, um ein möglichst differenziertes Bild zu zeichnen. Mit dem Foto des jungen Ortmann im Halbprofil, "sympathisch, offen, voller Zuversicht", aufgenommen kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, beginnt Maier seinen schwierigen Annäherungsversuch.

Schwierig vor allem, weil sich die Aussagen über den jungen Regierungsrat teilweise diametral widersprechen. So habe Ortmann einmal eine junge Mutter verhaften und für vier Tage festsetzen lassen, weil sie sich abschätzig über "den Führer" geäußert habe. Ihrem Ehemann gegenüber habe er gedroht, die Frau solle still sein, "wir haben noch ganz andere Häuser, wo wir sie hinbringen können". Er soll sich an Rollkommandos gegen ausländische Arbeiter beteiligt, Züchtigungen zugelassen, Pfarrer überwachen lassen und bei der Gestapo denunziert haben.

Maicher schildert den Fall des Forstinninger Pfarrers Martin Rothbauer. Ortmann habe einen Spitzel auf ihn angesetzt, weil er durch kritische Äußerungen aufgefallen war. Schon einmal sei der Pfarrer vor die Gestapo zitiert und wieder freigelassen worden, habe dann aber erneut von den "Nationalen im Braunen" gepredigt, "die Wölfe in Schafskleidern" seien. Die Tochter des Spitzels saß wohl in der Predigt, und Ortmann habe nicht nachgelassen und bei der Gestapo auf Einweisung des Pfarrers in Dachau bestanden, berichtet der Zeitzeuge Josef Fürst, damals mit seiner Familie im Forstinninger Pfarrhof untergebracht, in einem unveröffentlichten Romanmanuskript. Der Pfarrer selbst habe Ortmann nach dem Krieg allerdings in Schutz genommen, ebenso wie eine Schreibkraft im Landratsamt, die ihn als jemand beschrieb, der nie positiv über den Nationalsozialismus geredet habe.

Ortmann und seine Frau Greta seien ein modernes Ehepaar gewesen, hatte eine weitere Zeitzeugin beschrieben, von "auffallend gutem Auftreten", sie dunkelhaarig, mit einem Männerhaarschnitt. Er habe "sogar Kommunisten und den Angehörigen eines KZ-Häftlings" geholfen, so die Schreibkraft. Was stimmt nun? Wie war dieser Mann wirklich, der 1950, drei Jahre nach seiner Freilassung, juristischer Sachbearbeiter bei einem Münchner Verlag wurde und zehn Jahre später soweit rehabilitiert, dass ihm der Titel Regierungsrat zur Wiederverwendung zurückgegeben wurde, einhergehend mit entsprechenden Versorgungsansprüchen.

Ortmann selbst erklärte nach dem Krieg vor der Spruchkammer, er habe wohl "auf dem Papier eine scharfe Sprache geführt", um schlimmere Folgen, eine Einmischung der Gestapo etwa für die Betroffenen zu verhindern, er bezeichnete sich selbst als Mitläufer. Nie habe es in seiner Zeit im Landkreis Einweisungen ins KZ gegeben - sagt einer, der, anderen Quellen zufolge, immer wieder Haftverschärfungen für Häftlinge angemahnt hatte. Nichts als ein Karrierist sei der Mann gewesen, ereifert sich ein Zuhörer nach dem Vortrag. Einer, der "etwas werden wollte und dem die Mitgliedschaft in der NSDAP gerade recht kam." Eine These, die der Vortragende selbst in den Raum stellt.

Kurz nach der Kapitulation versuchte Ortmann zu fliehen, hinterließ einen Abschiedsbrief an seine Frau, wurde gefasst und im ehemals deutschen Kriegsgefangenenlager Moosburg interniert. Er floh erneut, um Weihnachten mit seiner Frau und seinen fünf kleinen Kindern zu verbringen, wurde wieder gefasst und verbrachte insgesamt 17 Monate hinter Stacheldraht. Einmal wurde seine Verhandlung um ein Vierteljahr verschoben, weil ein Zeuge fehlte. 1947 wurde er freigesprochen im Hinblick auf seine unbescholtenen Kinder, Belasteter blieb er, der Status eines Hauptschuldigen, wie zunächst vom Richter der Spruchkammer festgelegt, wurde revidiert.

"Vielleicht hat er sich für den bedächtigeren, älteren Landrat die Hände schmutzig gemacht?", so der Heimatforscher. Habe womöglich die Aussicht auf eine berufliche Laufbahn, maßloser Ehrgeiz, Freude an der Amtsmacht die Hoffnungen des jungen Mannes vernichtet? Es sei ein Fall, der ihn stark beschäftigt habe, erklärt Maicher, weil es so schwer gewesen sei, ihm nahe zu kommen. Auch von Ortmanns Sohn habe er eine Absage bekommen. Dessen Vater habe nie über all das sprechen wollen.

Ohne Grautöne zuzulassen, könne man den Menschen damals nicht gerecht werden, sagt Maicher. "Man wird diese Jahre nicht verstehen, wenn man sie nur in Schwarz und Weiß malt", ergänzt Bernhard Schäfer und verweist auf den Fall zweier SS-Leute aus Grafing und Ebersberg, die die Verhaftung des halbjüdischen Grafen von Feury durch die Gestapo verhindert und ihm damit das Leben gerettet hatten. Aber dann gibt es auch die Geschichte der Jüdin Pauline Malterer, von der Maicher erzählt. 1942 hatte das Landratsamt Ebersberg die Gestapo auf sie aufmerksam gemacht, Fritz Ortmann hatte verfügt, dass sie sich den für Juden geltenden Bestimmungen zu fügen, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen dürfe. Noch im selben Jahr war sie ins KZ Theresienstadt gebracht worden. Dort starb sie.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB