Süddeutsche Zeitung

Landkreis-Lästereien auf Instragram:Stolz und Vorurteil

Lesezeit: 2 min

In den sozialen Medien kursieren scherzhafte Memes über Ebersberg und Umgebung. Was verraten sie über den Landkreis und seine Bewohner?

Von Florian Kappelsberger, Ebersberg

Memes haben Hochkonjunktur, vor allem seit Beginn der Corona-Pandemie. Unter dem Begriff versteht man ein Genre von humorvollen Bildern, die oft auf bekannte Personen oder Situationen anspielen. Diese werden über soziale Medien geteilt und haben sich zu einem zentralen Bestandteil der Netzkultur entwickelt.

Besonders verbreitet sind sogenannte Alman-Memes, die sich (selbst-)ironisch auf Klischees und Eigenheiten von Deutschen beziehen - Socken und Sandalen, Mettigel an Silvester, Urlaub auf Balkonien. Längst haben sich auch lokale Ableger entwickelt: So widmen sich Posts aus München etwa den horrenden Mietpreisen in der Stadt, der Unpünktlichkeit der MVG und den teuren Taxifahrten der LMU-Führung.

Ein 21-jähriger Mechatroniker aus Grafing steckt hinter der Seite

Seit rund einem Jahr gibt es nun auch ein entsprechendes Pendant in der Region: Auf der Seite mit dem Titel "Landkreisgesindel Ebersberg" werden regelmäßig Memes über Grafing, Aßling oder Kirchseeon geteilt. Fast 300 Bilder haben sich mittlerweile angesammelt, auf Instagram hat dieser Account schon mehr als 1600 Abonnenten gewonnen. Gestaltet wird er von einem 21-jährigen Kfz-Mechatroniker aus Grafing, aber auch Fans schicken immer wieder Ideen für neue Beiträge ein.

Doch was verraten diese Posts über den Landkreis? Lässt sich anhand davon vielleicht sogar etwas wie eine Kartographie der Eigenschaften seiner Bewohner zeichnen?

Das Spektrum an Themen und Figuren, die darin auftauchen, ist groß: von bekannten Meme-Formaten mit Winnie Puuh oder dem Rapper Drake bis hin zur Lokalprominenz und der Biermarke Wildbräu. Auch die örtlichen Fridays-for-Future-Demonstrationen, die berüchtigte Mauer im Grafinger Stadtpark und die furiose Windrad-Debatte werden dabei aufgegriffen.

Aus diesem dichten Netz von Verweisen scheint sich eine gewisse Hierarchie zu ergeben: Grafing gilt als heimliche Hauptstadt des Landkreises, nur noch übertroffen von Steinhöring. Gegen die tatsächliche Kreisstadt wird dabei unverhohlen gestichelt. Einer der Posts titelt: "Wenn du darauf wartest, dass Ebersberg eine beliebte Stadt wird" - zu sehen ist ein Skelett.

Die "Isarpreißn" kommen nicht gut weg

Kirchseeon wird mit dem Münchner Brennpunkt Hasenbergl verglichen. Aßling steht dagegen gut da, auch wenn immer wieder mit Stereotypen zur Rustikalität des südlichen Landkreises gespielt wird. Arbeitskleidung von Engelbert Strauss sei in Traxl demnach höher geschätzt als Klamotten von Gucci, ein Schüler aus Alxing zeichnet seinen Stammbaum als Kreis...

Auch gegen den benachbarten Altlandkreis Wasserburg wird immer wieder ausgeteilt; am deutlichsten werden allerdings Touristen aus München abgestraft, die als BMW-fahrende "Isarpreißn" erscheinen.

Beliebt ist zudem die Kategorie "Starterpack", die jeweils eine Figur mit vier Bildern assoziiert. Ein Beispiel: Alkoholiker in Grafing - S-Bahn-Station Grafing-Stadt, Augustiner Bier, Jogginghose, Zigaretten. Oder: Glonner "Unterschicht" - Hartz IV, Penny-Supermarkt, Trainingsanzug, Cannabis. Der Humor ist derb und oft grenzwertig, die Motive wiederholen sich. Einige dieser Posts scheinen dabei bewusst auf einzelne Personen zugeschnitten, darunter "der Spanier, der in Zorneding chillt" oder "der Kampfzwerg aus Rettenbach".

Die örtliche Polizei wird ebenfalls aufgezogen. Ein Bild trägt den Untertitel: "Wo dein Freund und Helfer aus Ebersberg ist, wenn du ihn brauchst" - und zeigt einen Streifenwagen vor einer McDonald's-Filiale. Ein anderes stellt die Münchner Polizei fast militärisch aufgerüstet dar, während ihre Ebersberger Kollegen mit dem gemütlichen Krimi-Kommissar Dimpfelmoser verglichen werden.

Der Schlüssel zum Erfolg dieser Memes liegt in ihrer lokalen Verankerung. Man erkennt bekannte Figuren und vertraute Orte wieder, etwa die Artesano-Bar, die Aßlinger Eisdiele oder das Volksfest in Grafing. In den Kommentaren ernten die Posts oft belustigte Zustimmung, vereinzelt aber auch Widerspruch.

Letztendlich enthalten die Witze und Bildchen wohl keine endgültigen Wahrheiten über den Landkreis und seine Bewohner. Vielmehr verbinden sie eine stark subjektive, ortsbezogene Perspektive mit den Codes eines weltumspannenden Online-Phänomens. Damit bieten sie einen Einblick in gewisse Vorstellungen, Klischees und Rivalitäten, der durchaus erhellend sein kann.

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