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SZ Serie: Orgeln im Landkreis Ebersberg:Schrottreifes Erbe

Matthias Niedermair, Kirchenmusiker in Straußdorf, kämpft für eine neue Orgel - so wie vor ihm schon sein Großvater. Von Reparaturen an dem Instrument rät ein Gutachten wegen der schlechten Substanz ab

Von Anja Blum

Die Orgel ist das Instrument des Jahres. "Wie passend!", möchte man rufen, unter Pandemiebedingungen sind Kirchen ja der einzige Ort, an dem man öffentlich Livemusik hören kann. Die Ebersberger SZ nimmt dies zum Anlass, in einer lockeren Serie das Thema sowie diverse Orgeln aus dem Landkreis und deren Geschichten vorzustellen. Schließlich ist keine von ihnen wie die andere, stets sind sie der Architektur, ihrer Epoche und ihrem Zweck angepasst. Sie sind klein oder groß, alt oder neu, analog oder digital, stationär oder mobil. Drei Elemente aber brauchen sie auf jeden Fall: Pfeifen zur Tonerzeugung, einen Blasebalg für die Windversorgung und Klaviaturen, mit denen man das Ganze dirigieren kann.

Zwei wunderhübsche, barocke Engel wachen über die Orgel in der Pfarrkirche Straußdorf - aber ach, ihr Schutz hat nichts genützt. Der Zahn der Zeit hat an dem Instrument trotzdem sein Werk verrichtet, hat es langsam, aber stetig zernagt, sodass das Urteil eines Experten vernichtend ausfällt: "Solistisches Spiel oder eine Interpretation von auch nur kleineren Werken der Orgelliteratur ist hier nicht durchführbar. Ein Lob auf die Organisten, die sich trotz all der Imponderabilien an dieses ,Instrument' begeben und willens sind, Gottesdienste so weit als möglich einigermaßen würdig zu gestalten", schrieb Friedemann Winklhofer 2018. Er ist einer von vier Orgelsachverständigen im Raum der Erzdiözese München und Freising und wird immer dann gerufen, wenn einem alten Instrument die Luft ausgeht und ein neues angeschafft werden soll.

Orgel Straußdorf

Kirchenmusiker Matthias Niedermair hat das Erbe seines Großvaters angetreten, der schon vor Jahrzehnten um eine Erneuerung der Orgel kämpfte.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

So wie eben in Straußdorf. Zumindest wenn es nach Matthias Niedermair geht, der soeben die Treppen auf die Musikempore hinaufsteigt. Denn der 41-Jährige hat mit der Orgel-Problematik ein schwieriges Vermächtnis angetreten. "In den Pfarrgemeinderat wurde ich berufen, in die Kirchenverwaltung gewählt, aber als Kirchenmusiker bin ich so etwas wie ein Erbmonarch", sagt er und lacht. Niedermairs Großvater nämlich war es, der in Straußdorf nach dem Zweiten Weltkrieg dafür sorgte, dass in Sankt Johannes der Täufer die Orgel spielte und ein Chor sang, dass die Musik wieder Einzug hielt in das kleine, aber mit hochbarockem Schmuck reich verzierte Gotteshaus. In einem goldenen Bilderrahmen oben auf der Musikempore wird August Niedermair bis heute gewürdigt, als "Chorregent von 1937 bis 1992". Danach war sein Sohn Anton Niedermair an der Reihe, und als dieser zu früh an einem Herzinfarkt starb, übernahm eben Enkel Matthias. "Du musst das machen", habe es sofort aus den Reihen seiner Mitstreiter im Chor geheißen, erzählt er. "In deiner Familie kann man das." Der Name Niedermair sei in Straußdorf eben Verpflichtung.

Also leitet der 41-jährige Enkel jetzt die Sängerschar, für die er voll des Lobes ist, und spielt Orgel. "Wir verfügen über eine sehr rege Musikpflege, vor allem auch junge und motivierte Kräfte", erzählt Niedermair. Doch sein kirchliches Erbe hat auch eine Schattenseite: die Orgel. Bereits sein Großvater habe immer wieder versucht, deren Zustand zu verbessern, beziehungsweise Geld für ein neues Instrument aufzutreiben - sei daran aber leider stets gescheitert. "Alle Überarbeitungen und Erweiterungen blieben aufgrund der dünnen Finanzdecke immer Stückwerk", sagt Niedermair. Deswegen ist der Ordner mit der gesammelten Orgel-Korrespondenz, in erster Linie Briefe mit der Bitte um Unterstützung sowie Listen von den Spenden aus der Bevölkerung, nun ebenfalls weitergewandert in Matthias Niedermairs Hände.

Orgel Straußdorf

Die Straußdorfer Orgel müsste dringend erneuert werden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nachdenklich blättert der Enkel in den alten Unterlagen, in den Bettelbriefen, die der Großvater in den 60er und 70er Jahren an diverse Firmen, Behörden und Personen schickte. "Wirklich rührend, wie er das alles formuliert hat." Ja, der damalige Kirchenmusiker hat alle Register gezogen, war sich zum Beispiel nicht zu schade, "als alter Quellekunde" bei dem Versandhaus um einen Zuschuss zu bitten, oder die Versicherungskammer Bayern darauf hinzuweisen, dass aus der Gemeinde schon viele Beiträge geflossen seien, es aber kaum nennenswerte Schadensfälle gegeben habe. "Hochachtungsvoll, August Niedermair".

Laut Gemeindechronik wurde die Orgel 1907 gebaut, von der Firma Hackl in Rosenheim, "Preis: 6000 Mark". Laut mündlicher Überlieferung das Erbe eines Müllersohns, eines hervorragenden Tenors, der in jungen Jahren nach einer damals riskanten Blinddarmoperation verstarb. Doch der Neubau habe schon bald erhebliche Mängel aufgewiesen, schreibt August Niedermair in seiner Geschichte der Straußdorfer Orgel, weswegen der erste Umbau bereits 1919 stattfand. Dabei seien auch die im Krieg für die Rüstung abgelieferten Prospektpfeifen durch Zinkblechpfeifen ersetzt worden. Der Großvater, damals neun Jahre alt, half da schon dem Orgelbaumeister bei Intonation und Stimmung: Er drückte die gewünschten Tasten. Doch der Klang sei auch danach nicht ideal gewesen - so dass die Ausbesserungen kein Ende nahmen. 1977 wurde das vorerst letzte Mal Hand an das Instrument gelegt, unter anderem wurde ein gebrauchter Spieltisch angeschafft. August Niedermairs "Wunschtraum" einer wirklich guten Orgel hat sich zu seinen Lebzeiten also nie erfüllt.

Orgel Straußdorf

Am augenfälligsten der Schäden an der Straußdorfer Orgel sind die Wäscheklammern,die als improvisierte Registerkippen dienen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nun führt der Enkel die Orgel in der Straußdorfer Pfarrkirche vor. Von außen ist sie hübsch anzusehen: Das noch originale Gehäuse gibt vor, barock zu sein und wäre laut Niedermair mit wenig Aufwand schnell wieder auf Hochglanz poliert. Und wenn der Chorleiter sich an den Spieltisch setzt, erklingt durchaus ein Orgelsound. Aber: "Das ist wie bei einem 20 Jahre alten Auto: Bremsen, Kupplung, alles ist kaputt - doch es fährt noch." Innerlich nämlich sei die Orgel "ziemlich schrottreif", sagt der Kirchenmusiker, es hake an vielen Ecken und Enden. Das Schlimmste sei die Pneumatik - die Verbindung zwischen Taste und Pfeife mittels Luftdruck - diese führe beim Spiel stets zu einer eklatanten Verzögerung. Außerdem sprächen manche Pfeifen nicht mehr an, die Stimmung sei schlecht und immer wieder brächen Registerhebel ab. Abhilfe schaffen hier: ordinäre Wäscheklammern.

Und das Gutachten von 2018 gibt Niedermair Recht: "Ein artikuliertes Spiel ist an diesem Instrument nicht möglich", schreibt Winklhofer. Zudem sei die gesamte Orgelanlage absolut unzugänglich gestaltet, Stimmungen oder Reparaturen erforderten dadurch einen hohen Kostenaufwand, da jeweils größere Teile des Pfeifenwerks ausgebaut werden müssen, um an bestimmte Teile im Inneren zu kommen. Deswegen und vor allem aufgrund der schlechten Substanz rät der Experte von Reparaturen ab. Sein Fazit: "Ein Orgelneubau für diese wunderschöne Kirche wäre natürlich die optimale Lösung."

Orgel Straußdorf

Die Schäden an der Straußdorfer Orgel sind fast überall gut zu erkennen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das sieht auch Matthias Niedermair so, der als Kind Geige lernen musste, obwohl das Orgelspiel sein "Jugendtraum" war. "Ich war immer fasziniert von dieser Klangvielfalt", sagt der 41-Jährige und greift in die Tasten. Mal brausend wie ein Chor von Trompeten, mal sanft wie Flöten, sei die Orgel der "glänzende Mittelpunkt der Kirchenmusik". In dem Punkt ist Niedermair ganz Traditionalist: Eine digitale Lösung mit im alten Orgelgehäuse versteckten Lautsprechern "wäre ein Sakrileg!" Vielmehr wünscht sich der Kirchenmusiker ein modernes Instrument, das in Klang und Spielbarkeit denen aus der Hochzeit des Orgelbaus im 17./18. Jahrhundert ebenbürtig ist. "Es ist einfach jammerschade, dass gerade eine musikalisch so eifrige Gemeinde sich mit einer derart schwachen Orgel herumschlagen muss."

Deswegen hat Niedermair vor einem Jahr das Projekt Orgel-Erneuerung angestoßen, seitdem werden in Straußdorf Spenden dafür gesammelt. Die Initialzündung sei die Einweihung eines neues Instruments in Pfaffing gewesen: "Da war so eine Euphorie im Ort, weil sie das alle gemeinsam geschafft haben!" Das Problem nämlich ist, dass Orgelrenovierungen oder -neubauten stets Sache der Ortsgemeinde sind, lediglich zehn Prozent Zuschuss gebe es von der Diözese, erklärt der Kirchenmusiker. Bei einer Erneuerung, wie sie in Straußdorf sinnvoll wäre, lägen die Kosten aber schnell im sechsstelligen Bereich. Insofern ist die Pfarrei Straußdorf hier auf Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen: "Wir sind ganz arme Schlucker", sagt Niedermair.

Tatsächlich zählt Sankt Johannes der Täufer gerade mal rund 400 Katholiken. Und momentan ist an Veranstaltungen zugunsten einer neuen Orgel ja nicht zu denken. "Corona hat mich in meinem Eifer jäh ausgebremst." Trotzdem ist sich der Organist sicher, dass die kleine Gemeinde es schaffen kann - dass "das nötige Geld irgendwo liegt, und wir es nur finden müssen". Schließlich sei das Gemeindeleben sehr rege, zwei Gottesdienste pro Woche zeugten davon. "Aber wenn wir das alles schleifen lassen, kommt irgendwann garantiert keiner mehr." Außerdem sei eine gute neue Orgel nicht nur für die Kirche von Vorteil, sondern ganz generell eine wichtige Investition in Kultur und Dorfleben. So habe sein Anliegen bereits viel Unterstützung erfahren, erzählt der Kirchenmusiker, viele Benefiz-Aktionen seien vor Corona geplant gewesen, vom Kuchenverkauf bis zum Konzert. "Seitdem sitzen wir quasi in den Startlöchern". Der Wille sei jedenfalls da. Und vielleicht taucht ja bald ein Engel auf, Gott weiß, woher, und macht eine neue Orgel für Straußdorf möglich.

© SZ vom 09.04.2021
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