Grafinger Jugendorchester:Wenn beim Zuhören Flügel wachsen

Grafinger Jugendorchester: Vor ausverkauftem Haus begeistert das Grafinger Jugendorchester das Publikum im Alten Speicher.

Vor ausverkauftem Haus begeistert das Grafinger Jugendorchester das Publikum im Alten Speicher.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Beim Konzert im Alten Speicher kommt die Musik zum Schweben und der Saal ins Swingen.

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg/Grafing

Es ist einer dieser Momente, der einen nach dem Konzert auf dem Heimweg begleitet. Der noch einmal beim Einschlafen erklingt und beim Aufwachen wieder da ist: die mitreißende Melodienfolge der "Rhapsody in Blue". In den 99 Jahren, seitdem sie das erste Mal erklang, ist nur wenigen anderen Werken gelungen, sich so nachhaltig im musikalischen Herzschlag dieser Welt zu manifestieren. Beginnend mit den ersten Tönen der Klarinette, an deren perfekten Intonation alles hängt, was folgt, wenn sich der Pianist und das Orchester in einen Rausch aus Blues, Jazz, Klassik hineinspielen, wenn sie den Wandel vollziehen zwischen der Pflicht, die ihnen Gershwin auferlegt und der Lust, mit dem eigenen Können den Noten auf dem Papier Leben einzuhauchen. Das Grafinger Jugendorchester hat dies am Samstagabend bei der Premiere seines Konzerts im Ebersberger Alten Speicher mit einer grandiosen Mischung aus Leidenschaft, Können und Konzentration intoniert, dass einem Flügel wachsen konnten beim Zuhören. Jakob Skudlik, der Solist am Piano, hob auf dieser Thermik zu einem Höhenflug an, für den es auch in der Carnegie Hall höchst anerkennenden Applaus gegeben hätte.

Grafinger Jugendorchester: Eines von vielen Highlights des Abends: Timotheus Lass und Jakob Skudlik am Klavier.

Eines von vielen Highlights des Abends: Timotheus Lass und Jakob Skudlik am Klavier.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dass dieses Konzert die Grenzen des Üblichen und Erwartbaren sprengen wird, deutet sich schon beim ersten Stück an, der phänomenalen, effektstarken Titelmelodie "The Greatest Show" auf dem Musicalfilm über das Leben des fantasievollen Zirkusrevolutionärs Barnum. Eine mächtige Glamrock-Nummer setzen das GJO und Dirigentin Hedwig Gruber erkennbar zuversichtlich gleich an den Beginn, ein Statement ans Publikum: Hier könnt Ihr was erleben! Mut und Zuversicht stecken in dieser Entscheidung, schließlich müssen sich die folgenden zweieinhalb Stunden an dem gegebenen Erlebnis-Versprechen messen lassen. Voller Einsatz gleich zu Beginn, mit Gesang und Tanz und Feuerwerk - das heben sich andere fürs Finale auf.

Das im Lauf des Konzerts wachsende Vergnügen ist umso größer, als die Grafinger das Ziel "Unterhaltung" überaus konsequent und ernsthaft verfolgen. Witz und Charme zu versprühen, ohne albern oder künstlich zu agieren, Effekte so einzusetzen, dass sie sich aus der Dynamik der Stücke entwickeln und den Klangraum bereichern, statt von ihm abzulenken, das Miteinander von Orchester und Solisten so zu arrangieren, dass sich innerhalb von Takten die Atmosphäre wandelt von mitreißend zu andächtig, von kraftvoll zu schmeichelnd: Das lässt sich nicht tutti einstudieren, dazu braucht es an jedem Pult, an allen Instrumenten ein gerüttelt Maß an Inspiration und Talent. Dass sich das nicht nur hören, sondern auch spüren lässt, gehört zum anhaltenden Magnetismus des GJO.

Grafinger Jugendorchester: Orchesterleiterin und Dirigentin Hedi Gruber hat ein außergewöhnliches Konzert auf die Beine gestellt.

Orchesterleiterin und Dirigentin Hedi Gruber hat ein außergewöhnliches Konzert auf die Beine gestellt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Es sind zudem starke Vokalisten, die in diesem Konzert die Akzente setzen: Hanna Kreck und Matthias Reinelt beim "Februar in Paris" oder Kreck solo mit "Never enough" liefern Musical pur: Lyrische Momente kreuzen sich mit Rockrühre, Bewegtheit und Bewegungen fließen ineinander, Ausdruck geht vor Show. Kilian Berger liefert die sonoren Kontraste auf den Punkt, wenn er "90 Grad" von Bodo Wartke interpretiert wie Stracciatella-Eis mit heller Sahne und dunkler Schokolade. Philipp Gassert wiederum verfügt als Conférencier wie als hintergründiger Chansonnier über einen breiten Schatz an Stilmitteln, um die Grenzen zwischen Epochen und Titeln ins Fließen zu bringen.

Jene Momente, in denen Rhythmus und Dynamik von der Bühne überspringt, sind nicht nur bei der Rhapsodie von den beiden Pianisten des Abends geprägt. Die Aufmerksamkeit, mit der sich Timotheus Lass, des Stücks "Rock meets Rachmaninoff" der "Piano Guys" annimmt, zwingt das Publikum in seinen Bann. Der junge Pianist ist ganz Melodie, unaufgeregt, mit tiefem Verständnis für die Komposition traumwandlerisch unterwegs. Die Dramatik seiner Interpretation steckt im Bewegenden, nicht in der Bewegung. Zusammen mit Jakob Skudlik verwandelt vor der Pause Rossinis Ouvertüre zur "Diebischen Elster" in einen fiktiven Kampf zweier Boxer im Ring, von dessen Intensität sich viele Faustkämpfer etwas abschauen könnten. Verdienter Applaus, nicht nur an dieser Stelle, für die gelungene Dramaturgie des Abends, in der Hedwig Gruber ihre Zutaten fein dosiert wie eine Sterneköchin - bis hin zu den ausdrucksstarken Auftritten von Tänzerin Martina Forst oder dem Speed-Dating mit Xylophon-Artist Johannes Schackow.

Grafinger Jugendorchester: Johannes Schackow am Xylophon.

Johannes Schackow am Xylophon.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wie es so ist bei einem Füllhorn, findet sich auch dann noch eine Überraschung, als sich die Überzeugung breitmacht, jetzt, jetzt aber müsse das Repertoire an Verrücktheiten erschöpft sein. Drei Nummern vor Ende des Konzerts kehrt ein Teil der Drumline auf die Bühne zurück, um mit ausfeilten Rhythmen den Sänger Florian Leugner durch "Schüttel Dein Speck" reimen zu lassen. Das ist "verrückt" im anderen Sinn des Wortes, als das GJO seine Instrumentalgruppen in ein völlig neues musikalisches Spektrum umräumt, dabei aber die Hiphop-Halle genauso überzeugend bestückt wie zuvor den Ballroom. Bräuchte es einen Beweis, wie vollkommen das Orchester die universale Sprache der Musik verinnerlicht hat - hier ist es erbracht. Nur, um danach mit "I Don't Want To Miss A Thing" einen veritablen Rockpop-Schmuser hinterherzuliefern, mit flirrenden Discokugeln an der Decke und schwingenden Leuchtstäben in den Händen des Publikums. Der Aerosmith-Klassiker gerät nicht zuletzt deshalb zum perfekten Herzenswärmer, weil Sänger Matthias Reinelt jene Portion extra Hingabe in seine Interpretation legt, über die nur jene verfügen, die das Singen genauso respektieren wie das Publikum.

Es ist das Verdienst langjährigen, intensiven Zusammenspiels, man könnte es auch als Evolution bezeichnen, die das GJO und seine Solisten zu solch rarer Spitzenleistung gebracht hat. Was sich die Leiterin des Ensembles und Dirigentin Hedwig Gruber hier zuschreiben lassen darf, ist ein Grad von Kreativität und Professionalität, den man selbst unter Berufsorchestern lange suchen muss. Aus der musikalischen Landschaft in der Region ragen sie und ihr Orchester heraus wie das Matterhorn aus der Alpenkette. Der minutenlange Applaus im Stehen im ausverkauften Haus ist dafür mehr als verdient. Fürs "da capo" eine aufrichtige Empfehlung: Zwei Mal noch, am Montag- und Dienstagabend, lockt das GJO zum musikalischen Gipfelblick im Alten Speicher.

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