Die ersten Frauen und Kinder sind bereits eingezogen, die Anfragen mehren sich: Anfang Oktober hat das neue Frauenhaus für den Landkreis Ebersberg den Betrieb aufgenommen. Bis zu sieben Opfer häuslicher Gewalt samt ihren Kindern können dort ein sicheres Zuhause auf Zeit finden. Um diesen Schutz bestmöglich zu wahren, wird das Frauenhaus anonym geführt: Außer den Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen hat niemand Zutritt. Für den Standort gilt absolute Geheimhaltung. Nicht auszudenken, wenn irgendwann einer der Täter ihn erführe.
Das Frauenhaus ist eine Einrichtung des Landkreises Ebersberg, als Träger fungiert der Verein „Frauen helfen Frauen“, der mit seinem „Frauennotruf“ in Ebersberg bereits seit Jahrzehnten Klientinnen in Krisen beisteht. Diese Beratungsstelle kann nun auch Unterstützung bieten, wenn eine Betroffene sich mit dem Gedanken trägt, die Spirale der häuslichen Gewalt mithilfe eines Umzugs ins Frauenhaus zu durchbrechen.

35 Jahre Frauennotruf Ebersberg:„Zu uns stellen sich nicht alle gern dazu“
Seit 1989 gibt es in Ebersberg einen Verein, der sich um Mädchen und Frauen mit Gewalterfahrung kümmert. Auch wenn die Anfragen drastisch angestiegen sind, ist das Thema für viele noch ein Tabu.
Gewalt gegen Frauen finde in Deutschland überall statt, sagt Angela Rupp, die Geschäftsführerin des Frauennotrufs. „Auf der Straße, an Arbeitsplätzen, aber oft auch in der eigenen Wohnung.“ Und die Fälle hätten laut Statistik erneut zugenommen, bei häuslicher Gewalt zum Beispiel verzeichne man aktuell einen Anstieg um 3,8 Prozent. Und dabei handle es sich lediglich um das Hellfeld, schildert Rupp, die Dunkelziffern lägen ungleich höher: „Nur fünf Prozent der Übergriffe werden überhaupt angezeigt.“
Angesichts solcher Zahlen werde einem „nicht nur schwindlig, sondern richtig übel“, sagt Ebersbergs Landrat Robert Niedergesäß (CSU). Insofern sei er sehr, sehr froh, dass den Betroffenen im Landkreis endlich ein Frauenhaus zur Verfügung stehe. „Das ist eine große, wichtige sozialpolitische Errungenschaft.“

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Im Frauenhaus finden die Opfer häuslicher Gewalt nicht nur eine sichere Unterkunft weit weg vom Täter, sondern auch professionelle Beratung und Unterstützung. „Mit dem Umzug geht es ja meist erst richtig los“, erklärt Sozialpädagogin Anna Vetterling, die die neue Einrichtung leitet. Nach ihrer Ankunft im Schutzraum müssten die Frauen und Kinder zunächst einmal das Geschehene, all ihre Traumata, verarbeiten. Und dann gelte es, ein ganz neues, vom Ex-Partner unabhängiges Leben aufzubauen. Komplexe Prozesse also, bei denen das Team, das im Haus auch ein Büro hat, gerne Unterstützung leiste. Vetterling zur Seite stehen dabei je zwei in Teilzeit arbeitende Sozialpädagoginnen und Erzieherinnen sowie eine Verwaltungskraft in Teilzeit. Hinzu kommt eine ehrenamtlich organisierte Rufbereitschaft.

Fotos aus dem Inneren des Frauenhauses zeigen, dass dort eine freundliche Wohlfühlatmosphäre herrscht. Der gemeinsame Wohnbereich ist dekoriert mit bunten Kissen, Teppichen und Bildern an den Wänden, Stehlampen verströmen sanftes Licht. Für die persönlichen Dinge der Bewohnerinnen gibt es abschließbare Regalfächer. Den Kindern stehen zwei Spielbereiche mit Puppenhaus, Parkgarage und diversen anderen Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung. „Alle sollen sich hier willkommen fühlen“, sagt Rupp.
Die Einrichtung des Hauses ist neu und optisch stimmig, „denn nur so lässt sich den Bewohnerinnen gegenüber Wertschätzung ausdrücken“. Außerdem war es den Verantwortlichen wichtig, den vorhandenen Platz optimal zu nutzen und möglichst flexibel auf Notlagen reagieren zu können. Daher habe man auf sehr funktionale Möbel gesetzt, erklärt Rupp, zum Beispiel Stockbetten, deren untere Etage herausgefahren werden kann, sodass dort Mutter und Kind nebeneinander schlafen können – und auch mal ausgiebig kuscheln, betont Vetterling. „Das ist in diesen Situationen nämlich oft ganz wichtig.“

Dazu gibt es Tische, Kleiderschränke und Kinderbetten in allen Größen. Auch für Textilien wie Bettwäsche und Handtücher ist gesorgt, schließlich haben die von Zuhause geflüchteten Frauen oft nur das Nötigste dabei, „manchmal sogar nur das, was sie am Leib tragen“, sagt Vetterling. Entscheidend seien bei einem Frauenhaus freilich die Sicherheitsvorkehrungen, besonders stabile Rollos an den Fenstern zum Beispiel oder eine Klingel mit Videofunktion. Ein großes Problem stelle aber auch die digitale Gewalt dar, also solche, die im Internet oder durch Missbrauch von Informationstechnik begangen wird. „Deswegen ist es am besten, wenn die Frauen ihre eigenen Geräte erst gar nicht verwenden“, erklärt die Leiterin des Frauenhauses. „Zumindest müssen wir sicherstellen, dass sie auf keinen Fall geortet werden können.“
Die Finanzierung des Frauenhauses übernimmt größtenteils der Landkreis, das bayerische Familienministerium trägt die Hälfte der Ausgaben fürs Personal. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Trägerverein „Frauen helfen Frauen“ zehn Prozent der Sach- und Personalkosten selbst aufbringt. Auch deshalb ist trotz vieler großzügiger Spenden weiter finanzielle Unterstützung notwendig. Zum Beispiel für Weihnachtsgeschenke für die Kinder im Frauenhaus oder für den Garten. „Der ist zwar recht groß, aber noch vollkommen leer“, sagt Vetterling. Auf der Wunschliste stünden daher wetterfeste Sitzgelegenheiten, aber auch ein Schuppen, Hochbeete und ein Klettergerüst. Die Vereinsvorsitzende Karin Huyer fasst das ganze Engagement in einem Satz zusammen: „Die betroffenen Frauen und ihre Kinder dürfen nicht allein gelassen werden.“
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Die Beratungsstelle Frauennotruf im Landkreis Ebersberg ist unter Telefon (08092) 881 10 zu erreichen. Hier wird auch der Kontakt zum Frauenhaus hergestellt.

