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Kommentar:Stellung beziehen gegen den Hass

Gerade in einer Zeit, in der manche offen mit dem Faschismus sympathisieren, muss die Gegenposition umso präsenter sein

Von Wieland Bögel

Das Narrativ, es gehe auf dem Land ruhiger, friedlicher und gemütlicher zu, ist nicht nur eines des Tourismus, es hat auch lange das Erinnern an die Nazizeit geprägt. Diese habe sich doch hauptsächlich in den Metropolen abgespielt, während man sich auf dem Land, in den Dörfern und Kleinstädten, höchstens mit der Diktatur arrangiert, diese aber ansonsten ignoriert habe. Dass teilweise sogar das Gegenteil der Fall ist, die überwiegend konservative Bevölkerung auf dem Land gerade in der Anfangszeit des Regimes dieses maßgeblich gestützt und befördert hat, ist noch nicht so lange Thema der historischen Forschung.

Der Fokus lag lange auf den größeren Städten, was mehrere Gründe hat. Zum einen war dort das Regime durch gut dokumentierte Auftritte der Nazi-Größen oder Aufmärsche präsenter genau wie architektonisch. Etwa durch das Parteitagsgelände in Nürnberg, das Olympiastadion in Berlin oder die Bauten am Königsplatz in München. Zum anderen hat die Anonymität der größeren Städte die Aufarbeitung befördert. Ganz anders auf dem Land, wo jeder jeden kennt und irgendwie auch jeder auf jeden angewiesen ist. Warum einer 1933 plötzlich Bürgermeister war und 1945 nicht mehr? Wie ein anderer durch "arisierten" Besitz zu Wohlstand kam oder dank Parteibuch an der Heimatfront Dienst tun durfte, während andere an der Front verheizt wurden? Was eigentlich aus dem kommunistischen Nachbarn, dem jüdischen Viehhändler oder dem etwas sonderbaren Buben aus dem Haus gegenüber wurde? Alles Fragen, die sich auf dem Land oftmals keiner laut zu stellen traute. Wer es dennoch tat, galt oft als Nestbeschmutzer, der sich in der Dorfgemeinschaft künftig sehr schwer tat. Bestätigt fühlen konnte man sich durch das allgemeine Klima: Nazis waren immer die anderen gewesen, wenn überhaupt.

Zu zeigen, dass dies weder für Großstadt noch das Land zutrifft, ist und bleibt eine wichtige Aufgabe. Gerade in einer Zeit, in der manche offen mit dem Faschismus sympathisieren und damit auch politisch Erfolg haben, sollte die Gegenposition umso präsenter sein: Dass Hass, Kriegstreiberei und Menschenverachtung eben kein Erfolgsrezept sind.

© SZ vom 02.09.2020
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