Corona-Krise in Ebersberg:Impfen statt Frühschoppen

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Corona-Krise in Ebersberg: In der Stadthalle Grafing und im Egmatinger Gemeindehaus gibt es am Wochenende wieder Impfaktionen.

In der Stadthalle Grafing und im Egmatinger Gemeindehaus gibt es am Wochenende wieder Impfaktionen.

(Foto: Christian Endt)

In der vergangenen Woche wurde der Impfbus in Egmating überrannt, jetzt hat die Gemeinde kurzfristig ehrenamtliche Helfer, niedergelassene Ärzte und Mitarbeiter der Impfzentren mobilisiert. Der Andrang gibt ihnen recht.

Von Merlin Wassermann, Egmating

Im Egmatinger Gemeindehaus wird an diesem Samstag gleich an mehreren Fronten gegen die Pandemie gekämpft. Zum einen stemmt sich der Trupp aus rund 40 ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen, ansässigen Ärzten und Ärztinnen sowie Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Tresec-Impfzentrums aus Ebersberg gegen den bekannten unsichtbaren Feind, das Virus. Zirka 380 Impfdosen stehen heute bereit, die an fünf Stationen im Gebäude wie am Fließband verabreicht werden. Über den Balkon gelangt man in den oberen Saal, der zum Großraumwartezimmer umfunktioniert worden ist. Schon um 10 Uhr ist alles voll, etwa 70 Personen warten auf ihren Shot. Nötig gemacht wurde der Aufwand durch den zweiten unsichtbaren Feind, die Kälte. Sie treibt die Menschen nach innen, die Fallzahlen nach oben, die Politik zum Handeln und damit, in letzter Konsequenz, die Menschen zum Impfen - die dann in der Kälte vor dem Impfbus in der Schlange stehen.

Corona-Krise in Ebersberg: Im Saal des Egmatinger Gemeindehauses warten bereits in der Früh zahlreiche Leute auf ihre Corona-Impfung.

Im Saal des Egmatinger Gemeindehauses warten bereits in der Früh zahlreiche Leute auf ihre Corona-Impfung.

(Foto: Christian Endt)

"Seit September war der Impfbus regelmäßig bei uns in der Gemeinde, das hat kaum jemanden interessiert", erzählt Bürgermeisterin Inge Heiler. "Das letzte Mal wurden wir dann völlig überrannt. Darauf wollten wir dieses Mal vorbereitet sein." Über die Gründe kann sie nur spekulieren. "Das Bewusstsein ist jetzt wieder, da, das wurde im Sommer vernachlässigt. Vor allem die Bundesregierung hat da meiner Meinung nach zu wenige klare Ansagen gemacht, sie ist zu wenig auf die Leute präventiv zugegangen." Außerdem würde der Druck auf die noch-nicht-Geimpften langsam erhöht. Die meisten Impfungen der vergangenen Wochen im Landkreis waren zwar Booster-Impfungen, doch nimmt auch der Anteil der Erstimpfungen zu. Für eine Frau im Wartezimmer, die nicht namentlich genannt werden will, ist der Grund, weshalb sie sich jetzt doch zum Impfen entschieden hat, klar: "Wenn ich ganz ehrlich bin, wegen dem Zwang."

Corona-Krise in Ebersberg: Es kommen auch zahlreiche Leute für ihre erste Impfung, so wie Lara aus Vaterstetten.

Es kommen auch zahlreiche Leute für ihre erste Impfung, so wie Lara aus Vaterstetten.

(Foto: Christian Endt)

Dabei halten die Organisatorinnen eigentlich nicht viel von Zwang. Zwar ist auch Brigitte Keller vom Landratsamt Ebersberg und Chefin des Krisenstabs für eine Impfpflicht, "bevor die Kliniken kollabieren." Wünschen tut sie es sich allerdings nicht. Der dritte Feind, gegen den man hier anzukämpfen scheint, ist der Egoismus und die Verantwortungslosigkeit. "In jedem Dorf, bis zur kleinsten Zelle müssen wir die Bürger jetzt auch in die Pflicht nehmen! Da muss man dann halt mal zur Mama sagen: Gemma impfen." Sie sieht dann auch nicht in erster Linie die Politik im Landkreis als ursächlich für die, mit knapp 64 Prozent, selbst im bundesweiten Vergleich niedrige Impfquote. "Wir sollten schon längst bei über 70 Prozent sein, aber vor allem in Süddeutschland denken viele nur an sich. Was ich mir auch schon alles habe anhören müssen! Dabei haben wir wenn dann doch eins aus der Pandemie gelernt: So eine Ellenbogengesellschaft funktioniert nicht." Auch Inge Heiler wünscht sich mehr Zusammenhalt und dass die Menschen ihre Kontakte bewusst selbst beschränken. Ansonsten würde die Pandemie auf dem Rücken der Schwachen und der Helferinnen und Helfer ausgetragen werden.

Corona-Krise in Ebersberg: Kathalyn Rossmann von der Bundeswehr, Bürgermeisterin Inge Heiler und Brigitte Keller vom Landratsamt haben die Impfaktion organisiert.

Kathalyn Rossmann von der Bundeswehr, Bürgermeisterin Inge Heiler und Brigitte Keller vom Landratsamt haben die Impfaktion organisiert.

(Foto: Christian Endt)

Eine dieser Helferinnen, die an vorderster Front stehen, ist die Ärztin Ute Braun, die beim Impfzentrum arbeitet. Auch dort sei die Nachfrage nach Impfungen zur Zeit hoch, täglich gäbe es dort 600 bis 750 Impfungen, mit Termin, hauptsächlich Booster. Seit Januar hat Braun 10000 Spritzen gesetzt, schätzt sie, zehn Stunden am Tag, auch Weihnachten und Silvester seien anberaumt. Ebenfalls mit am Start ist Katharina Nowotny. Sie hilft heute in einer der drei Schichten von Ehrenamtlichen mit, "beim Durchschleusen", wie sie es beschreibt. Sie wurde über den TSV akquiriert und freut sich darüber, dass es "hier jetzt unbürokratisch vorwärts geht."

Dass die Aktion überhaupt stattgefunden hat ist vor allem der Oberstveterinärin Katalyn Rossmann zu verdanken. Die Egmatinger Gemeinderätin hat als Offizierin bereits in Westafrika Erfahrung in der Ebola-Seuchenbekämpfung gesammelt und berät jetzt den Krisenstab des Landkreises. Als sie mitbekam, dass der Andrang vor dem Impfbus zu groß wurde, klemmte sie sich ans Telefon. Gemeinsam mit Inge Heiler, Brigitte Keller sowie dem Koordinator der niedergelassenen Ärzte im Landkreis, Marc Block, stellte sie innerhalb weniger Tage das nötige Personal zusammen und entwickelte das Konzept.

Corona-Krise in Ebersberg: Marc Block, Koordinator der niedergelassenen Ärzte im Landkreis, und viele seiner Kollegen machen den Impftag möglich.

Marc Block, Koordinator der niedergelassenen Ärzte im Landkreis, und viele seiner Kollegen machen den Impftag möglich.

(Foto: Christian Endt)

Auch Rossmann appelliert an das Verantwortungsgefühl der Leute: Die Auslegung des "mia san mia" als "ich bin ich" sieht sie als "letzte Konsequenz der dekadenten individualistischen Gesellschaft. Der soziale und sozialwissenschaftliche Aspekt in den Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung wurde viel zu sehr vernachlässigt. Wir müssen die Gemeinde mit einbeziehen, die Menschen abholen. Die Helfer können hier zum Beispiel aktiv Teil der Lösung werden, aber wir müssten auch mehr auf die Erfolge hinweisen und nicht nur drohen."

Erfolgreich scheint die Kampagne zu sein, um 11 Uhr ist der Saal immer noch gut gefüllt, wenn auch nicht mehr so voll wie am Anfang. Inge Heiler setzt dann auch noch eine Instagram-Story ab, "wir wollen die Leute ja auf allen Kanälen erreichen und motivieren." Auch im Landkreis insgesamt steigt die Zahl der Impfungen zuletzt an. "Wir impfen über ein Prozent der Bevölkerung pro Tag", berichten Rossmann und Keller stolz. Sie und Heiler hoffen dann auch, dass nicht nur sie sondern auch andere Gemeinden in Zukunft derartige dezentrale Lösungen häufiger anbieten können.

Dennoch prognostizieren die drei Impfketiere einen schwierigen Winter. "Die Ergebnisse unserer Impfhandlungen sieht man erst in vier Wochen", erklärt Rossmann. "Mit Blick auf die Überlastung der Kliniken und der Hausärzte werden das noch zwei bis drei schwere Monate." Auch Brigitte Keller kann "keinen Optimismus verbreiten", Inge Heiler nennt die Situation "beängstigend". "Wir müssen jetzt alles dafür tun, dass die Situation im nächsten Herbst besser ist", fügt sie an.

Corona-Krise in Ebersberg: Fast der gesamte Vorrat an Vakzin wurde verimpft.

Fast der gesamte Vorrat an Vakzin wurde verimpft.

(Foto: Christian Endt)

Als die Schlacht dann um 17 Uhr geschlagen ist, zeigt man sich trotzdem zufrieden. Knapp 360 Impfdosen wurden verbraucht, also fast der gesamte Bestand. Viele davon für Erstimpfungen, "weiter so", sagt Rossmann Bis der Krieg gewonnen ist, stehen aber noch einige Siege aus.

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